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12. Oktober 2009

Shortlist Deutscher Buchpreis: Der Held heißt Hungerengel

 Von Ina Hartwig
Oskar Pastior bei der Verleihung des Erich-Fried-Preises Ende 2002. Foto: dpa

Herta Müllers wagemutiger Roman "Atemschaukel" erzählt die Geschichte Oskar Pastiors und wieder nicht. Jedes Wort darin erhält eine poetische Schutzschicht gegen das Furchtbare des sowjetischen Arbeitslagers.

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Das Buch

Herta Müller: Atemschaukel. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2009, 304 Seiten, 19,90 Euro.

Ich weiß du kommst wieder", sagt die Großmutter, als er abgeholt wird. Es ist Januar 1945, und Leo ist 17; er lebt im rumänischen Hermannstadt als Deutscher; die Lust pocht ihm wie allen Jungen seines Alters in den Adern. Er ist nicht unglücklich wegzukommen. Die Blicke von Mutter und Vater schnüren ihm längst den Hals zu, wie das so ist in jenem Alter, zumal, wenn man ein so gefährliches Geheimnis hütet wie Leo. Es ist kühn und realistisch zugleich, dass Herta Müller in ihrem neuen, beeindruckenden Roman "Atemschaukel" die Deportation eines Rumäniendeutschen in ein russisches Arbeitslager als abenteuerlichen Aufbruch schildert. Ohne zu wissen, was ihn erwartet, sehnt sich Leo "an einen Ort, der mich nicht kennt".

Den Großmuttersatz ICH WEISS DU KOMMST WIEDER schreibt Herta Müller grundsätzlich in Versalien, vermutlich um den Medailloncharakter der Äußerung zu unterstreichen. Denn Leo, der bald gar nichts mehr haben wird außer seinem "Hungerengel", hat Trost bitter nötig. Man darf das Medaillon natürlich auch schlicht Erinnerung nennen: die Erinnerung daran, dass auf ihn gewartet wird. Dass es einen Platz gibt für ihn, außerhalb des Lagers. Aber so einfach geht dieser Roman mit den Phänomenen eben nicht um: Sie bedeuten sich selbst und weit mehr. Jedes Ding, auch Sätze und einzelne Wörter, werden quasi umhüllt von einer Extrabedeutung. Sie erhalten eine poetische Schutzschicht gegen das Furchtbare der äußeren Tatsachen. Von diesem komplizierten Vexierspiel handelt der Roman im Kern.

Man muss dabei wiederum unterscheiden zwischen der biographischen und der poetischen Dimension. "Atemschaukel" erzählt die Geschichte Oskar Pastiors - und erzählt sie wieder nicht. Die Autorin, Jahrgang 1953, war mit dem 1927 geborenen Dichter eng befreundet, und sie wollten dieses Buch eigentlich zusammen schreiben, wie das Nachwort mitteilt. Dazu kam es nicht, Pastior starb vor drei Jahren. Es lässt sich für uns Leser nicht rekonstruieren, welche Formulierungen auf Pastior zurückgehen, welche auf Herta Müller. Fest steht nur, dass eine kongeniale Nähe von beider Sprachempfinden zusammengeschmiedet vorliegt in diesem Buch, das auf der persönlichen Ebene als Hommage an den Freund zu lesen erlaubt ist.

Alle Rumäniendeutschen zwischen 17 und 45 Jahren - Pastior selbst stammte bekanntlich von Siebenbürger Sachsen ab- mussten für die Verbrechen der Nationalsozialisten büßen und beim Wiederaufbau der Sowjetunion helfen. Wobei nicht verschwiegen sei, dass unter ihnen natürlich tatsächlich überzeugte Nazis waren. In der Familie des Romanhelden Leopold Auberg jedenfalls ist der Rassegedanke offenkundig fest verankert, wie aus der Bemerkung Leos hervorgeht, sein heimliches Verhältnis mit einem Mann sei in den Augen seiner Eltern "rein körperlich betrachtet schon höchste Abscheulichkeit. Mit einem Rumänen kam noch Rassenschande dazu".

Das Lager, in dem Pastior schuftete, lag in der Ukraine, und dort liegt auch das Lager, in das Leo Auberg für ganze fünf Jahre seines jungen Lebens verfrachtet wird. Die Ansammlung von Baracken, nach Männern und Frauen getrennt, bleibt auffallend abstrakt. Wie unter der Lupe werden die Szenen beim Friseur betrachtet, die Liebeständel, die Schikane bis hin zur Folter, die Dramen ums Brot... Niemals ist Herta Müller versucht, ein Panorama zu liefern oder gar eine Theorie: Verdichtung ist Prinzip. So bleibt es bei Tableaux, bedrückenden und berückend schönen.

Ein historischer Roman ist diese "Atemschaukel" definitiv nicht. Nach Erklärungen für das, was geschieht, sucht die Autorin auf fast schon akribische Weise nicht. Es ist eher so, als suche sie in der Erniedrigung aller die Würde des einzelnen. Und diese scheint ihr nur durch eine Erhöhung der Sprache möglich zu sein. In der Sandgrube, während einer kurzen Pause, heißt es: "Oben bog sich der Himmel. Zwischen Himmel und Sand zog sich die Grasnarbe als Nullinie. Die Zeit still und glatt, rundum ein mikroskopisches Glitzern. Es kam Ferne in den Kopf, als wäre man abgehauen und gehöre jedem Sand in jeder Gegend der Welt, nicht der Zwangsarbeit hier. Flucht im Liegen war das. Ich ließ die Augen kreisen, ich war echappiert unter den Horizont ohne Gefahr und Folgen."

Auch Herta Müllers Mutter ist in einem russischen Lager gewesen, hat darüber aber wohl nur in vorwurfsvollen Andeutungen gesprochen. Es ist keineswegs jedermanns Wahrnehmung des Lageralltags, die sich in diesem Roman niederschlägt, es ist die Wahrnehmung eines der sprachlichen Benennung fähigen Menschen, man könnte sagen: eines Schriftstellers, wenngleich Leo Auberg überhaupt nicht als (und sei es zukünftiger) Schriftsteller geschildert wird. Ganz im Gegenteil erfährt Leo, dass er als Ich verschwindet. Das geht allen so. Die Macht übernimmt nicht der Kapo Tur Prikulitsch (eine grandiose böse Figur), auch nicht der russische Lagerkommandant, sondern der "Hungerengel".

Diesem kommt, hinwegfliegend über die vielen kleinen Szenen, die Hauptrolle zu. Den Hungerengel muss man sich wie einen Geist vorstellen, den der Hungernde sich schafft, um gegen ihn kämpfen zu können. Das gelingt Leo auch, immerhin überlebt er die "Hautundknochenzeit" - im Unterschied zu vielen anderen - aber, und das ist ein gewichtiges Statement: Der Hungerengel nimmt ihn in Besitz für immer.

Als nach drei Jahren plötzlich etwas Geld gezahlt wird für die Arbeit, als Leo sich auf dem Basar mit Essen versorgen kann und sein Fleisch wieder üppiger wird, da hat der Hungerengel ihn immer noch im Würgegriff. Nie wieder kann Leo sich binden; zwar heiratet er nach der "unzumutbaren Entlassung" aus dem Lager, doch nur, um der Normalität zu genügen. Sein Herz wird er niemandem mehr schenken.

Ganz klar begibt die Autorin sich mit dieser Metaphorik in eine Gefahrenzone. Nicht, dass sie sich die Geschichte eines anderen "leiht" (im Unterschied zur Lagerliteratur eines Imre Kertész oder eines Warlam Schalamow), ist das Problem. Das muss erlaubt sein. Aber die Beschwörung der poetischen Kraft im Unglück bringt die Leserin an eine, nämlich ihre eigene Grenze. Kaum wird es Zufall sein, dass Wortbildungen wie "Eigenbrot", "Herzschaufel", nicht zuletzt die titelgebende "Atemschaukel" , an die frühe Lyrik Paul Celans denken lassen. Er kam aus demselben k.u.k.-Sprachraum wie Oskar Pastior und Herta Müller, dorther, wo das Rumänische neben dem Deutschen und Ungarischen und Russischen lebte. Die altertümliche, mal klare, mal überbordende Sprache dieses Romans konserviert diese untergegangene Welt. Nehmen wir das als Herausforderung an und als schwierig schönes Geschenk.

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