"Du stirbst nicht" ist ein Buch über das, was einen Menschen ausmacht. Was ihn treibt und was ihn hält. Im Falle der Schriftstellerin Wesendahl ist es die Liebe. Zur Sprache und - trotz allem - zu ihrem Mann. Es ist aber auch ein Buch über eine DDR-Biografie und über den Versuch, Alltag und Künstler(innen)tum zu vereinen.
Die Bilder, Szenen, Fetzen der ersten Kapitel werden, analog zur wachsenden Konzentrationsfähigkeit, zu immer längeren Abschnitten. Die anfängliche Kontrastierung von Innensicht und äußerem Geschehen wird durch das Aneinanderschneiden von Erinnerungen und Gegenwart ersetzt, je kontrastreicher desto besser: Die Frau am Rollator erinnert sich an Liebesnächte mit einem geschlechtsumgewandelten Mann, also einer jetzigen Frau - alles verändert sich, immer!
Was sich nach der Lektüre dieses Romans verändert, ist ganz sicher das Vertrauen in die Aussagekraft des äußeren Eindrucks, den Menschen (vornehmlich kranke) machen. Aber auch der Glaube an das Menschenmögliche ist gestärkt. Der an die Sprache sowieso. Und was Kathrin Schmidt betrifft, so ist kaum vorstellbar, wie sie die poetische Klarheit aus "Du stirbst nicht" noch überbieten könnte; aber warum sollte sie auch? Da heißt es etwa: "In zwei Traurigkeiten gleichzeitig zu sein, ist kein schlechter Zustand, man liegt auf der einen und deckt sich mit der anderen zu, und wenn man hinaufschaut, kann man sich auf einmal vorstellen, dass diese zwei Traurigkeiten nur zu spüren sind, weil es das Gegenteil davon wirklich gibt. Die Lust. Den Überschwang. Deren Überschwappen." Oder: "Was hat Gott vor, der das Unerforschliche so nahe neben das Offensichtliche packt, dass es kaum auseinanderzuhalten ist?"
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