"Keine Sentimentalitten!" schrie der Mann und stürzte aus dem Zimmer. Schon lautlich gab es hier nichts mehr zu tun, sondern nur noch zu fühlen. Der Mann war gar nicht der Typ Mensch, der aus Zimmern stürzte. Aber er konnte nicht mehr.
Seit Monaten ging ihm seine Frau aus dem Weg und hatte Heimlichkeiten. Und jetzt saß sie am Küchentisch und sah ihn seltsam an. Da floh er. Ein Missverständnis. Denn der Frau war es in diesem Moment nicht um Abschied, sondern um Annäherung gegangen.
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 348 Seiten, 19,95 Euro.
Gleichwohl legte sie, von seiner Reaktion gekränkt, tags darauf eine Liste mit Dingen an, die sie angeblich mitnehmen wollte und hängte sie sichtbar an die Küchenwand. Der Mann kommentierte das nicht. Sie auch nicht. Die Luft zwischen ihnen wurde dicker. Und wenige Wochen darauf platzte - nicht endlich das Schweigen, sondern ein Äderchen in ihrem Gehirn.
"Keine Sentimentalitten". Der Ausdruck kommt auf den letzten Seiten des neuen Romans von Kathrin Schmidt vor und stammt, wie erzählt wird, aus einem thüringischen Lied, in dem es dem Bauer egal ist, ob ein Huhn melodisch gackert oder Kopfstand kann - am Sonntag kommt es bei ihm in den Topf.
Keine Sentimentalitten: Alles ist, was es ist und man soll bitte nichts anderes hineinlegen oder herausholen. Was aber IST eine Ehe, von der beide fürchten, der jeweils andere hielte sie für beendet? Und was eine Hirnblutung, ein geplatztes Aneurysma? Eine Krankheit zum Tod oder zu welchem Leben?
"Du stirbst nicht", heißt der vierte Roman der Dichterin und Psychologin Kathrin Schmidt, die 1958 im thüringischen Gotha geboren wurde und mit ihrem Mann und den jüngeren ihrer fünf Kinder am östlichen Rand von Berlin lebt.
1998 wurde sie mit der "Gunnar-Lennefsen-Expedition" als Romanautorin bekannt. Vier Jahre später setzte sie mit "Königs Kinder" ihre sprachmächtigen Familien- und DDR-Forschungen fort, und an dem Tag, an dem sie das Manuskript zum Druck freigab, platzte ihr, genau wie der Schriftstellerin Helene Wesendahl im neuesten Buch, ein erweitertes Blutgefäß im Gehirn.
Zwei Drittel aller, die von einem solchen Schlag getroffen werden, sterben daran. Fast allen anderen bleiben starke neurologische Schäden. Kathrin Schmidt hatte ihre Sprache verloren, als sie aus dem Koma erwachte. Ein halbes Jahr später begann sie mit der Arbeit an ihrem nächsten Roman; "Seebachs schwarze Katzen" erschien 2005.
Ein vielleicht nicht ganz so dringlicher, gleichwohl bildreicher und spannender Roman über einen Stasi-Mitarbeiter, der viele Jahre nach der Wende von seinem amourösen Doppelleben eingeholt wird. Das war ihre Rückkehr in die Schriftstellerei und ein kaum zu glaubender Triumph über die Folgen der Hirnblutung.
Und jetzt "Du stirbst nicht": Ein Buch über die Krankheit selbst und so etwas wie eine Aussöhnung mit ihr - in der Kunst und als Kunst. Der Schock der Sprach- und Erinnerungslosigkeit nach dem Schlag, die Fremdheit des Ichs sich selbst gegenüber, wird zum Anlass und Stilprinzip eines radikal intimen und doch vollständig durchgeformten Berichtes.
Dass ein Roman wie dieser auch autobiografisch verstanden werden kann, dürfte ein medizinisches Wunder sein. Dass sich darin keine Sentimentalitten finden, keine Sentimentalität, ist ein literarisches.
Als Helene Wesendahl, von der Kathrin Schmidt in der dritten Person erzählt, zwei Wochen nach dem Platzen des Aneurysmas aus dem künstlichen Koma erwacht, kann sie nicht einmal die Augen öffnen. Sie hört Stimmen, kann das Gesagte noch nicht einordnen, macht sich aber sofort und solange sie sich wachhalten kann Gedanken darüber.
"Wimpernschläge oder In the Twinkling of an Eye" heißt das erste der sechs Kapitel dieses Buches. Kurze Absätze entsprechen dem Wahrnehmungsrhythmus der Überlebenden, die nach ihrer Geschichte forscht und dabei nicht nur permanent die Außenwelt zu decodieren versucht, sondern auch von plötzlichen, meist schockartigen Erinnerungsschüben heimgesucht (beziehungsweise in der eigenen Heim-Suchung ja eigentlich unterstützt) wird.
Noch während sie reglos daliegt, hirnoperiert und für das Pflegepersonal bloße Versorgungsmasse, beginnt Helene, sich ihren Mann, ihre Kinder, ihren Beruf, ihre Gefühle und ihre Vergangenheit wieder anzueignen. Erinnerung als Indizienkette oder als Verdacht, der mit dem Gefühl abgeglichen wird, das er in ihr auslöst.
Kathrin Schmidt forciert es nicht. Aber die Konfrontation des Pflegealltags mit der Innensicht ist kaum minder schockierend als die fast unbeteiligte Beschreibung der körperlichen Details, die zur Geschichte in ihrem Verlauf gehören. Die medizinischen Ver- und Entschlauchungen, das Einnässen, Einspeicheln, das Anschwellen verschiedener Körperteile, das aus dem Mund fallende Essen und ein ehelicher Geschlechtsverkehr im Status eigentlich noch sabbernden Geschobenwerdens im Rollstuhl. Dazu die - spannend inszenierte - stückweise Erinnerung an ein durchaus nicht bruchloses Leben, die an eine Beichte gemahnen könnte, das aber nicht tut, sondern im Ton der reinen und ergebnisoffenen Wahrheitssuche vorgebracht wird.
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