Gottfried Benns Gedicht "In einer Nacht" erzählt in - wie könnte es in diesem Fall anders sein - pathetischem Tonfall vom Ende einer Liebe, vom Theatralischen, von der "Kältlichkeit", vom Abgefallensein von Gott. In Erich Kästners "Sachlicher Romanze" dagegen sitzt man einfach nur gemeinsam am Tisch, rührt sprachlos in den Tassen und kann es nicht fassen. Zwischen diesen beiden mentalen Polen, zwischen höchster Aufgeladenheit und frappierendem Desinteresse, bewegt sich Rainer Merkels neuer Roman. Auch er erzählt von einer gescheiterten Beziehung, bedient sich allerdings verschlungener Pfade.
Der Plot ist recht einfach zu skizzieren: Der in München lebende Psychotherapeut Thomas Kaszinski hat in New York an einem Kongress teilgenommen und sitzt nun in einer U-Bahn zum Flughafen. In New York hat er Judith getroffen, seine langjährige Partnerin, die in Washington an einem Forschungsprojekt arbeitet - ein komplett misslungenes Wochenende; ihr letztes gemeinsames, wie man vermuten darf.
Rainer Merkel: Lichtjahre entfernt. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 204 Seiten, 18,95 Euro.
Alles, was "Lichtjahre entfernt" ausmacht, spielt sich in Thomas' Kopf ab: Erinnerungsfilme werden in Gang gesetzt, Fantasien ausgelebt, Fragen gestellt, allen voran die nach dem Wendepunkt in der Beziehung, nach dem Moment, in dem alles umgeschlagen ist: "Wer von uns beiden hat bei alldem etwas übersehen, etwas falsch eingeschätzt?", heißt es, und: "Wo hast du zum ersten Mal das Nachlassen der Liebe gespürt?"
So geschult Thomas auch sein mag in der Therapie fremder Menschen, so hilflos wirkt er gegenüber dem eigenen Scheitern, was daran liegen mag, dass die Selbstanalyse, als die der Roman begriffen werden kann, nicht frei ist von Unaufrichtigkeit. Nicht nur Geld, sondern auch jede Menge Energie investiert Thomas in Begegnungen mit Prostituierten. Der sexuelle Motor, der den Text untergründig antreibt, hat etwas Unheilvolles, Bedrohliches: Promiskuität als vergebliche Bemühungen um Erlösung, wovon auch immer.
Das assoziative Erzählverfahren kennt man aus Rainer Merkels früheren Romanen; es ist, als würde man zum Zeugen des verbalisierten, mit nichts vergleichbaren Zustandes zwischen Schlaf und Erwachen, in dem die Bilder unkontrolliert und ungeordnet an die Oberfläche des Bewusstseins schießen und plötzlich das Detail immense Bedeutung gewinnt: Eine Reise mit Judith durch die USA, eine Kaffeetasse, Gespräche mit einem schwierigen Patienten, der Sex mit einem polnischen Callgirl, die Erinnerung an eine verflossene Geliebte. Eine geistige Landkarte voller "Erinnerungsbrandflecken", die Merkel vor uns ausbreitet, mehr als nur ein Bewusstseinsstrom. Das Funktionsprinzip findet sich im Roman selbst dargestellt: "Gegen die tyrannische Chronologie meiner Seele gerichtet, die an sich keine Chronologie kennt, sondern nur pure Gleichzeitigkeit, pures Simultandolmetschertum von Gefühlen und Bildern. Eine einzige Gleichzeitigkeit von Erinnerungen, die nur angedeutete Erinnerungen sind."
Eine solche literarische Technik hat ganz offensichtliche den Reiz in ihrer Schnelligkeit, in ihrer Hypersensibilität. Wenn ein Autor erst einmal so fein auf die menschliche Psychologie hin austariert ist wie Rainer Merkel, gelingt ihm damit eine blitzgescheite, blitzlichtartige Momentaufnahme. Wohin diese angespannte Prosa ein Gesamtwerk nach mittlerweile drei Romanen führen kann - ob zu einem End- oder Wendepunkt - ist eine davon unabhängige Überlegung.
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