Heute wird mit einem Festakt des 50 Jahrestages der Gründung des Sigmund-Freud-Instituts in der Frankfurter Myliusstraße 20 gedacht. Die Psychoanalyse ist eine alte Dame geworden, auf deren Kommentare die Öffentlichkeit nicht mehr neugierig ist. Das ist der Preis des Sieges.
In den 60er und 70er Jahren war das anders. Die neue Republik lag auf der Couch. Alexander Mitscherlich, Gründungschef des Hauses, hatte sie dort platziert. 1963 erschien "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft", ein Buch, das einer Generation die Augen öffnete für die psychischen Schäden der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft. Die etwas Jüngeren sahen kaum noch die Wunde, die die Vaterlosigkeit bedeutete. Sie sahen die, sie sahen ihre Chance. Mitscherlich sah - er war damals schon über 50 - beides mit gleicher Intensität.
Zwei Jahre später erschien das Buch "Die Unwirtlichkeit unserer Städte", die bitterste Bilanz der Verheerungen, die nicht der Krieg, sondern der Wiederaufbau bewirkt hatte. Nicht einmal für sein 1949 zusammen mit Fred Mielke verfasstes Buch "Wissenschaft ohne Menschlichkeit" über die NS-Medizin war er, so erklärte er später, so massiv von den einschlägigen - der Begriff sei fast wörtlich zu nehmen - Interessenvertretern angegriffen worden. 1967 erschien das zusammen mit seiner dritten Ehefrau Margarete Mitscherlich verfasste Buch "Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens".
Ein Bestseller über viele Jahre. Die Bundesrepublik war der Patient des von den Mitscherlichs geleiteten Sigmund-Freud-Instituts. Ein Massenmörder, der dazu gebracht werden musste, sich seiner Taten bewusst zu werden. Ein Massenmörder, den man nicht einsperren oder gar aufhängen konnte. Man musste ihn - wenn man nicht von ihm umgebracht werden wollte - therapieren.
Das war das Pathos der bundesrepublikanischen Psychoanalyse jener Jahre. Das gab ihr Kraft, ja Wucht. Das Sigmund-Freud-Institut war nicht allein. In Gießen gab es zum Beispiel seit 1962 Horst Eberhard Richter, der 1992 bis 2002 das Sigmund-Freud-Institut leitete. Psychoanalyse wurde Mode. Ihre zentralen Begriffe eroberten die Alltagssprache. Dazu trugen Bestsellerautoren wie die am 14. April verstorbene Alice Miller erheblich bei. Es charakterisiert den aktuellen Stellenwert der Psychoanalyse, dass ihre Bücher, deren zentrales Thema die Kindesmisshandlung ist, in der aktuellen Diskussion dazu kaum noch zitiert werden.
Wer in den sechziger und siebziger Jahren als interessierter Zeitgenosse in Frankfurt studierte, kam an der Psychoanalyse nicht vorbei. Sozialpsychologie und Gesellschaftskritik hatten sich symbiotisch verbunden. Beide gingen davon aus, dass die Menschen nicht wissen, was sie tun. Beide waren sich sicher, dass sie des anderen bedurften. Man konnte die Welt nicht ohne den Menschen begreifen, die Tat nicht ohne den Täter. Man war sicher, dass das Getane den Täter wieder beeinflusste. Waren die Institutionen erst einmal da, so bestimmten sie, was getan werden konnte.
Der Zentralreiz der Psychoanalyse für die 68er-Generation war aber die Idee der Therapie: Der Patient ist heilbar, die Lage ist nicht aussichtslos. Man muss sich nicht zufriedengeben mit dem Wahnwitz der Gegenwart. Man kann die Welt verändern.
In der Hochzeit der Studentenbewegung füllte einmal in der Woche Alexander Mitscherlich die Aula der Universität. Studenten und - auffällig viele für damalige Zeiten - Studentinnen saßen nicht nur in den Bänken des ehrwürdigen Raumes, sie saßen auch auf dem Boden und standen die Wände entlang. Nach der Vorlesung trugen Mitarbeiter des Instituts aktuelle - natürlich anonymisierte - Fälle aus ihrer Praxis vor. Sie mögen als Beispiele gedacht worden sein.
Ihr Wert lag aber darin, dass sie den aufrührerischen, extrem ungeduldigen Studenten vor Augen führten, wie mühsam, langwierig, umwegereich und von wie vielen Rückschlägen geprägt eine Therapie ist. Und wichtiger noch: Der Therapeut ist nicht der, der alles weiß, der sagt, wo es lang geht, sondern der, der dem Patienten ermöglicht, seinen eigenen Weg zu gehen.
Diese Lektion der Psychoanalyse nahmen die wenigsten der Hörer damals an. Auch sie mussten jahrelange Umwege, viele Niederlagen erfahren, um zu begreifen, dass ihre frohe Botschaft vielen anderen wenig verlockend erschien. Und es dauerte noch weitere viele Jahre, bis sie froh waren, dass die anderen ihnen nicht gefolgt, sondern eigene Wege gegangen waren.
Die Bundesrepublik ist freier geworden seit damals. Sie ist es immer dann, aber auch immer nur dann, wenn sie bereit ist, sich kritisieren zu lassen. Es geht dabei aber eben nicht nur um die "Torheit der Regierenden", sondern auch um unsere eigene. Man muss den Mut, die Radikalität haben, die Gesellschaft selbst auf die Couch zu legen. Das wäre wieder zu lernen an diesem 50. Geburtstag.
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