"Theater der Welt" ist ein morgenländisches Festival. Diesen Eindruck bekommt, wer in der Innenstadt Halles mit dem Logo des Theaterspektakels konfrontiert wird, das alle drei Jahre in einer anderen deutschen Stadt ausgerichtet wird. Eine waagerecht liegende Sichel, die unwillkürlich an die im Orient tradierte Gestalt des Mondes erinnert, nimmt hier den zentralen Platz ein. Man möchte Festivalkurator Torsten Maß umgehend für diesen subtilen Beitrag zur Kulturverständigung danken.
Über und unter der Sichel ist jeweils ein sechszackiger Stern platziert. Den einen nimmt man als Hinweis auf das kristallklare rationale Denken des Abendlandes hin, den anderen hält man für ein galaktisch-kosmisches Element. Die spekulative Freude wird in andere Bahnen gelenkt, nachdem man erfährt, dass der in der Mitte zunehmende Bogen und die zwei Sterne das Stadtwappen Halles sind. Jetzt vermutet man in der Sichel eine bislang verborgene orientalische Spur Halles.
Die Touristeninformation lässt alle diese Projektionen jedoch zerstieben. Das geschwungene Kreissegment soll eine Salzpfanne darstellen; die sechszackigen Sterne sind Salzkristalle. Das Emblem spielt auf die Tradition der Hallenser Salinen an. Es weist zugleich darauf hin, dass im internationalen Kulturkontext das Missverständnis wohl eher als Regel denn als Ausnahme anzunehmen sei.
Sensibilisiert für die Diversität von Kulturen lässt man sich durch die ersten Tage des Festivals treiben. Sogleich vermag man Muster zu erkennen. Alles, was sinnlich, strahlend, farbenfroh und prächtig ist, hat seinen Ursprung außerhalb des heutigen Europas (und Nordamerikas). Alles, was mit dem Gestus des Zweifels und der Gebrochenheit, mit der Spur anstelle der Repräsentation daherkommt, ist zeitgenössische, heimische Theateravantgarde. Eingestimmt in diesen Dualismus wird man durch die Marionettenperformance "Excelsior" der Mailänder Compagnie Colla & Figli. Zur Weltausstellung 1881 uraufgeführt, zeigt das Stück in einer üppigen Bilderschau den Kampf des Lichts gegen die Finsternis. Hält man sich den Fortschrittsoptimismus des späten 19. Jahrhunderts vor Augen, ist klar, wer gewinnen muss. Bezaubernd ist das Wie dieses Sieges: Zeppeline und Flugzeuge schweben durch die Luft. Funkelnde Lichtlein lassen die Bühne erstrahlen. Eine in rosa Tüll getauchte, bei aller Homogenität der Bewegung verblüffend individuelle Ballettcompagnie sowie ein zierlicher Himmelsposaunenchor malen den Triumph der Prinzessin des Lichts prächtig aus.
Die Führung der Figuren vor mehrfach gestaffelten Panorama-Bildern ist erstklassig. An bis zu 42 Fäden werden die einzelnen Marionetten gehalten; ihnen sind damit beinahe menschliche Bewegungen gestattet. Man genießt die handwerklich beeindruckende Feier damals neuer Technologien; gleichzeitig ist man sich der Absurdität dieser Fortschrittsgläubigkeit in einem deindustrialisierten Areal wie Halle und Umgebung bewusst und hegt leise Zweifel an der Programmgestaltung.
Üppig und prächtig ist auch das indische Manganiyar-Spektakel. Der Regisseur Roysten Abel hat 42 dieser Musiker/Sänger/Geschichtenerzähler aus dem Nordwesten Indiens zu einem Orchester vereint. In 33 Kammern auf vier Etagen sitzen sie, trommeln, streichen über traditionelle Saiteninstrumente, lassen ihren Atem durch Flöte und Doppelflöte fließen und stimmen ihre dramatischen Monologe und Mehrstimmgesänge an. Dabei werden die Kammern gerade aktiver Musiker angeleuchtet, die Kammern der anderen hingegen im Dunkeln gelassen. Dramatische Licht-Ton-Effekte ergeben sich, wenn größere Musikerformationen zu kurzen Einsätzen gebeten werden.
Traf man, angefüllt mit diesem Sinnesreichtum, auf die Videorecherche "The People" des gefeierten New Yorker Künstlers Caden Manson oder die performativen "Stadt(ver)führungen" des Belgiers Jos Houben, stellte sich indes intellektuelle wie sinnliche Leere ein. Manson berauschte sich an schnellen Folgen oberflächlicher Bilder. Houben verspielte die zugegeben neckische Idee eines in Halle unternommenen Attentats auf Napoleon durch eine unerträglich klischierte Parodie auf Dreharbeiten eines Napoleon-Films.
Gemütlich-harmlos war ein Trabi-Ausflug zum Geburtshaus von Genscher, ebenfalls unter der Regie von Houben. Belanglos hingegen die Anhäufung von durch die Teilnehmer gestifteten Gegenständen in der Installation "Dinge der Welt" in den Franckeschen Stiftungen; sie konnte mit der Aussagekraft des Originals, der naturwissenschaftlichen Sammlung Franckes, keineswegs mithalten. Für die inhaltliche wie ästhetische Rettung des ersten Festival-Wochenendes mussten ausgerechnet ein Flughafen und ein Fußballstadion sorgen.
Das Projekt "Aus Flughafensicht", kuratiert von Cora Hegewaldt und Benjamin Foerster-Baldenius, stellte die Stärken der performativen Realitätsabtaster heraus. Allerdings musste man viel Zeit mitbringen. Der Gang durch den Irrgarten, das halb verlassene, auf dem Flughafengelände übrig gebliebene Örtchen Kursdorf und über die fiktive Ausgrabungsstätte Porta Tartarica konnte Stunden in Anspruch nehmen. Die zeitlich gedehnten Formate stehen in strukturellem Gegensatz zu den auf 90 Minuten begrenzten, hoch konzentrierten konventionellen Bühnenstücken. Angesichts des Zeitpotentials der künftigen Nicht-Arbeitsgesellschaft kommt dieser Art der Rezeption aber vielleicht bald gesteigerte Relevanz zu.
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