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Skandal auf der Buchmesse: Zum Abschied ein Schlag ins Gesicht

Kurz vor Torschluss verhindert die Buchmesse, dass die Dissidentin Dai Qing bei einer Veranstaltung spricht. Warum darf sie nicht reden? Von Natalie Soondrum

Sie hatte noch sagen wollen, dass Sprachbarrieren unwichtig sind, wenn die Seelen der Menschen sich begegnen können.
Sie hatte noch sagen wollen, dass Sprachbarrieren unwichtig sind, wenn die Seelen der Menschen sich begegnen können.
Foto: Boeckheler

Sie hatte sich für die Abschlussveranstaltung sogar in Schale geworfen, sagt sie. In einem blauen Kleid mit Batikmuster auf der Schulter sitzt die chinesische Journalistin, Umweltaktivistin und Dissidentin Dai Qing in der Eingangshalle der Messe und kann es nicht verstehen: Warum durfte sie bei der Abschlussveranstaltung im Internationale Form der Buchmesse, die diese gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt ausgerichtet hatte, nicht reden?

"Ich wollte mich bei der Frankfurter Buchmesse dafür bedanken, dass sie die Plattform dafür geboten hat, dass sich offizielle und inoffizielle Stimmen aus China zu Wort melden konnten", sagt Dai Qing. Versöhnliche Worte von Herzen zum Abschluss, nachdem Peking versucht hatte, ihre Teilnahme an der Messe zu verhindern, und nachdem die Buchmesse sie beim vorbereitenden Symposion im September ausgeladen hatte (die FR berichtete).

Einer Viertelstunde vor Beginn

Um 16.30 Uhr sollte der Empfang beginnen, eine Viertelstunde vorher hatte sie Peter Ripken, den Leiter des Internationalen Zentrums der Buchmesse, gefragt: "Sollen wir anfangen? Ich werde eine Rede halten." Doch Ripken antwortete ihr, sie werde nicht sprechen. Das nahmen Dai Qing, ihr Dolmetscher Shi Ming und weitere Umstehende erstaunt und bestürzt zur Kenntnis.

"Eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn hatte ich Peter noch gefragt, wer außer mir sprechen würde. Er hatte gesagt, sonst niemand." Als sie wissen wollte, weshalb sie nicht sprechen dürfe, habe ihr Ripken geantwortet, das Auswärtige Amt wünsche es nicht, und er stimme zu 100 Prozent mit dem Ko-Veranstalter überein. Dolmetscher Shi Ming sagt: "Seine Argumentation änderte sich, er sagte auch einmal, er sei sowieso nie damit einverstanden gewesen, dass Dai Qing spricht. Später sagte er, das Auswärtige Amt wünsche ihre Ansprache nicht."

Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau bestätigte Peter Ripken den Vorgang, Dai Qing am gestrigen Sonntag als Rednerin abgesagt zu haben: "Vor 14 Tagen war einmal die Rede davon gewesen, dass sie vielleicht sprechen solle. Aber Dai Qing hat mit internationaler Kulturpolitik ja nichts zu tun." Ripken sagte ferner, die Abschlussveranstaltung habe mit dem Ehrengastland China überhaupt nichts zu tun gehabt. Und dass er um 13 Uhr den Dolmetscher Shi Ming angerufen und für Dai Qing abgesagt habe.

Shi Ming sagte dagegen, Ripken habe um einen Rückruf Dai Qings gebeten. Dazu sei es jedoch nicht gekommen, weil er die Dissidentin erst im Internationalen Forum kurz vor Beginn der Veranstaltung wieder getroffen habe. Dai Qing sagt dazu: "Ich habe nie gefordert, bei dem Farewell-Empfang sprechen zu dürfen. Ich bin im Gegenteil seitens der Messe dazu aufgefordert worden."

Die E-Mail

Noch im September hatte ihr Claudia Kaiser von der Geschäftsleitung der Buchmesse eine Einladung zum Empfang per E-Mail nach Peking geschickt, mit dem Wortlaut "problably give a short address at the farewell reception", erzählt Dai Qing der Frankfurter Rundschau (die E-Mail liegt der Redaktion vor). "Ich habe eine Antwortmail geschickt, in der ich nachgefragt habe, in welcher Sprache ich sprechen solle", sagt Dai Qing.

Eine Antwort habe sie auf diese Mail nie erhalten, aber das fand sie eine Kleinigkeit. Die ganze Zeit habe sie geglaubt, sie werde reden. Zu keinem Zeitpunkt hätten ihr Claudia Kaiser oder Peter Ripken etwas Gegenteiliges gesagt. "Peter Ripken hat mein Hotel gebucht. Er hätte mich leicht finden können, wenn er mir hätte absagen wollen", sagt Dai Qing.

Bei dem Empfang am gestrigen Abend hielten schließlich Max Maldacker, der Leiter des Referats Kulturprogramme im Auswärtigen Amt, und die südindische Verlegerin Kaveri Lalchand die Ansprachen. Dai Qing und Shi Ming berichten, eine taiwanesische Journalistin habe danach Peter Ripken gefragt, warum Dai Qing in letzter Minute nicht habe reden dürfen. Doch er habe sie nur barsch zurückgewiesen und keine Antwort gegeben.

"Wissen Sie, was ich noch sagen wollte?" Frau Dai Qing lächelt: "Ich wollte sagen, dass Sprachbarrieren zweitrangig sind. Es kommt darauf an, dass sich die Seelen der Menschen über alle Grenzen hinweg begegnen können. Ich bin in Frankfurt während der Buchmesse Menschen begegnet, bei denen ich das Gefühl hatte, unsere Herzen haben miteinander gesprochen. "

Autor:  Natalie Soondrum
Datum:  19 | 10 | 2009
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