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Skandal Frankfurter Buchmesse: Entschieden auftreten

Peter Ripken, Leiter des Internationalen Forums der Buchmesse bietet seinen Rücktritt an. Doch die Messeleitung opfert ihn nicht und gelobt Besserung im Umgang mit den chinesischen Dissidenten. Von Claus-Jürgen Göpfert

Peter Ripken diskutiert mit der offiziellen chinesischen Delegation, die beim  skandalträchtigen Symposion der Frankfurter Buchmesse den Raum verlassen hatte.
Peter Ripken diskutiert mit der offiziellen chinesischen Delegation, die beim skandalträchtigen Symposion der Frankfurter Buchmesse den Raum verlassen hatte.
Foto: dpa

Es steht viel auf dem Spiel. Es geht um nicht weniger als den Ruf der größten Bücherschau der Welt. Wie kann die Frankfurter Buchmesse den fatalen Eindruck tilgen, sie sei eingeknickt vor der Zensur der Volksrepublik China? Am Dienstagmorgen tritt Direktor Juergen Boos vor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gilt, dem großen Team wieder Selbstbewusstsein einzuhauchen nach dem negativen Medienecho der zurückliegenden Tage. Denn die eigentliche Buchmesse mit dem umstrittenen Gastland China kommt ja erst in knapp einem Monat. Und damit die Nagelprobe: Kann die Buchmesse ihren weltweiten Ruf retten als Vorkämpfer für Meinungsfreiheit und als Vermittler zwischen den Kulturen?

Einer bietet seinen Rücktritt an an diesem Morgen: Peter Ripken,der langjährige Leiter des Internationalen Forums der Buchmesse. Er hatte auch das Symposium "China und die Welt - Wahrnehmung und Wirklichkeit" organisiert, am 12. und 13. September in Frankfurt.

Und er hatte den Eindruck erweckt, die dissidenten Autoren Dai Qing und Bei Ling seien dort nicht erwünscht. "Ich habe einen Fehler gemacht und deshalb meine Demission angeboten", sagt der gerade in der Dritten Welt geschätzte Vermittler. Doch diesenRücktritt, der einem Bauernopfer geglichen hätte, lehnt Direktor Boos ab.

Und dann erzählt Ripken seine Version der dramatischen Stunden vor dem Symposium. Er beteuert: "Ich habe gar keine Ausladung ausgesprochen". Er habe Dai Qing und Bei Ling lediglich auf die große Verärgerung hingewiesen, die ihre Anwesenheit bei den chinesischen Offiziellen auslösen werde. Daraufhin hätten beide Autoren zunächst von sich aus auf ihre Teilnahme an dem Frankfurter Forum verzichtet - und es sich erst später wieder anders überlegt, mit der Rückendeckung des P.E.N. Deutschland.

Seit 1980 leistet Ripken nun Lobbyarbeit für außereuropäische Schriftsteller - Jahrzehnte führte er etwa die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Und es ist ihm anzumerken, wie sehr gerade ihn seine Rolle quält beim China-Debakel der Buchmesse.

"Ich hätte mich dem Druck der chinesischen Offiziellen nicht beugen dürfen - ich hätte es darauf ankommen lassen müssen, das war der Fehler": Das ist das persönliche Fazit des 67-jährigen.. Mehr noch: Die Buchmesse bemüht sich an diesem Dienstag um den Eindruck, sie habe aus den Vorgängen um das Symposium gelernt.

Plötzlich darf eine kritische Tibet-Initiative im Oktober doch ihre Flugblätter in den Hallen auf dem Frankfurter Messegelände verteilen. Zuvor hatte die Messeführung das noch abgelehnt. Mit der hanebüchenen schriftlichen Begründung: "In engen Gängen, an Rolltreppen, mitten im Besucherstrom kann durch eine angeregte und im Prinzip gewünschte Diskussion ein hohes Gefahrenpotenzial durch sich aufstauende Menschen entstehen". Plötzlich betont die gleiche Messeführung: "Der freie Informationsfluss und die Freiheit von Meinung und Rede sind das höchste Gut der Frankfurter Buchmesse".

Mehr noch. Ripken verspricht für die Buchmesse vom 14. bis 18. Oktober einen Kurswechsel im Umgang mit dem Ehrengast China: "Man muss entschieden auftreten und deutlich machen, dass man sich nicht alles gefallen lässt". Die Buchmesse werde, das kündigt er weiter an, den chinesischen Offiziellen "zeigen, dass wir sie auch ärgern können". Mehr wolle er aber noch nicht verraten.

Ripken hat noch die Worte von Erika Steinbach im Ohr, die diesmal nicht als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, sondern als "Sprecherin für Menschenrechte" der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auftritt. Steinbach warf Direktor Boos und der Führung der Buchmesse einen "zweifelhaften Kotau vor den Vertretern einer Diktatur" vor. Jetzt gelobt die Buchmesse also Besserung. Juergen Boos freilich vermeidet auch am Dienstag jede öffentliche Stellungnahme zum Thema China. Für den sonst so Eloquenten ein bemerkenswertes Verhalten. Boos muss nach der Betriebsversammlung allerdings dem Aufsichtsrat der Messe hinter verschlossenen Türen Rede und Antwort stehen. Persönliche Konsequenzen des seit April 2005 amtierenden Direktors verlangt aber dem Vernehmen nach dort keiner.

Offiziell dringt den ganzen Tag über kein Wort aus den Büros der Buchmesse nach außen. Dafür wird die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) "für ihre klaren Worte" von der politischen Opposition im Frankfurter Rathaus gelobt. Roth hatte von Boos und der Buchmesse öffentlich "Standfestigkeit" verlangt.

Derweil läuft das umfangreiche kulturelle Begleitprogramm zum Buchmessen-Gastland China an, als sei nichts geschehen. Es gibt chinesische Bilderbücher im Konfuzius Institut zu sehen und ab Freitag chinesische Filme im Deutschen Filmmuseum. Zwei Dutzend Schriftststeller aus der Volksrepublik gehören zur offiziellen Gastland-Delegation, darunter auch der tibetanische Autor Alai. Viel Gelegenheit also für den offenen, kritischen und entschiedenen Dialog , den die Buchmesse jetzt in Aussicht stellt.

Autor:  Claus-Jürgen Göpfert
Datum:  15 | 9 | 2009
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