Slavoj Zizek ist ein Mann mit einigen Ticks. Er zupft sich zum Beispiel ständig an seinem T-Shirt. Mit Daumen und Zeigefinger beider Hände. Während er spricht. Sprechen tut er unentwegt und mit einer unbändigen oralen Lust auch an der Geschwindigkeit. Er freut sich über die ihm zufliegenden Einfälle, über die Assoziationen, die ein Wort, eine Geste bei ihm wecken.
Slavoj Zizek wurde 1949 im slowenischen Ljubljana geboren, das damals noch zum realsozialistischen Jugoslawien gehörte. Dort studierte er zuerst Philosophie, bis es ihn 1981 nach Paris zog, wo er bei Jacques-Alain Miller in die Lehre ging, einem Schüler des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan. Neben seinen eher theoretischen Interessen hat sich Zizek auch politisch engagiert: 1990 war er Kandidat für die Liberaldemokratische Partei Sloweniens.
Seine Veröffentlichungen sind kaum noch zu überblicken. Zuletzt erschien von Zizek: „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert“ im Fischer Verlag.
Er ist einer, der zu seiner nicht enden wollenden Verblüffung und Freude es geschafft hat, so viele Menschen zu finden, die seine Obsessionen gerne verfolgen, dass er davon leben kann als ein Showstar der Philosophie, als einer, bei dem man zusehen kann, wie der Gedanke wie eine Kugel durch den Flipperautomat seines Gehirns gestoßen wird. Es versteht sich von selbst, dass Slavoj Zizek in einem Interview nicht nur das letzte, sondern auch das erste Wort hat.
Unterbrechen Sie mich! Ich rede so viel. Meine Freunde nennen mich Fidel.
Das Gerät funktioniert. Fangen wir an.
Super. Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass alles lief und dann war nichts auf dem Band?
Desto besser. Ich muss dann nicht abschreiben. Ich schreibe auf, was ich in der Erinnerung habe.
Sehr, sehr gut. Das heißt den Marxismus zur Lösung konkreter Probleme verwenden!
Wie wird Ihr Name ausgesprochen?
Slawoi Schischek. Aber wissen Sie: Ich bin so paranoisch. Ich habe es lieber, wenn man meinen Namen falsch ausspricht. Macht es einer richtig, denke ich sofort: Der ist von der Stasi!
Als ich einer Freundin erzählte, ich träfe mich mit Slavoj Zizek, da verdrehte sie die Augen und meinte: ein Genie! Ich verstehe kein Wort.
Schade, schade. Aber es hat etwas mit der Sache zu tun. Ich beschäftige mich mit Marxismus, mit Leninismus, mit Stalinismus. Das ist eine schwierige Angelegenheit. Der Faschismus ist das ganz und gar nicht. Das waren böse Jungs, als sie an der Macht waren, da machten sie die bösen Sachen. Das war beim Stalinismus völlig anders. Da waren es die Guten, die die schlimmsten Sachen machten. Jedenfalls ging der Stalinismus aus einer Emanzipationsbewegung hervor. Das ist schwer zu verstehen. Es ist interessant. Vor allem aber ist es eine Tragödie. Sehen Sie, so irrational der Faschismus gewesen war, Sie konnten doch, wenn Sie kein Jude, kein Kommunist, kein Sozialdemokrat waren, wenn Sie nicht irgendwelchen privaten Krach mit den Nazis hatten, ganz gut den Faschismus überleben. Das war im Stalinismus völlig anders. Sehen Sie sich das wunderbare Buch von Karl Schlögel „Traum und Terror – Moskau 1937“ an. Da merken Sie, wie sehr der Traum von neuen sozialistischen Menschen verflochten war mit der Vernichtung der realen Sowjetbürger.
In der Linken wurde das lange nicht wirklich ernst genommen.
Ja, nehmen Sie zum Beispiel die Frankfurter Schule. Es gab Herbert Marcuses verdienstvolles Buch über den Sowjet-Marxismus von 1958. Aber sonst? Adorno interessierte sich nicht dafür. Habermas auch nicht. Man kann sein ganzes Werk durchlesen und käme nie auf die Idee, dass es zwei Deutschlands gibt. Das hat mich immer verblüfft. Denn der Kern der Kritischen Theorie ist doch der Gedanke von der Dialektik der Aufklärung. Wo wäre die besser, brutaler zu begreifen gewesen als im Schicksal des Marxismus in der Sowjetunion? Der Stalinismus ist doch ganz sicher ein noch besserer Beleg für die Richtigkeit der Theorie von der Dialektik der Aufklärung als der Faschismus. Wir müssen begreifen: Der stalinistische Terror ist Teil des Projekts der Moderne.
Wie meinen Sie das?
Die Kritik am Stalinismus ist nicht radikal genug. Nehmen Sie den Film „Das Leben der Anderen“. Das ist doch lächerlich. Fast noch eine Verteidigung der Stasi. Die Stasi bespitzelt da den Schriftsteller, weil der Minister, an dessen Frau heran möchte. Das ist absolut lächerlich. Nicht, weil es das nicht gegeben hat. Das weiß ich natürlich nicht. Aber die Stasi hätte den Mann in jedem Fall beobachtet. Das lag im System und nicht an der erotischen Marotte eines Ministers. Sehen Sie, das ist der liberale Blick auf die Geschichte: Wo Böses passiert, steckt ein böser Junge dahinter. Das ist naiv und führt meilenweit am Problem vorbei. Wir mussten erfahren, dass anständige Menschen schreckliche Dinge mit den besten Absichten und aus den schönsten Motiven heraus taten.
Sie…
Im Augenblick aber bin ich wieder völlig begeistert von Hegel. In drei, vier Monaten kommt mein Buch über ihn heraus – mehr als eintausend Seiten.
Ich hatte Sie fragen wollen, wie Sie es schaffen, so viel zu lesen. Jetzt frage ich Sie, wann schreiben Sie das alles?
Das ist ganz einfach. Die Unterdrückung in der Endphase des Kommunismus war großartig. Als ich 1973 mit dem Studium fertig war, erlaubte man mir nicht zu unterrichten. Ich war eine Weile lang arbeitslos. Dann gab man mir einen kleinen Posten an einem völlig randständigen Institut in Ljubljana. Da bin ich immer noch. Zuerst durfte ich nicht unterrichten, jetzt brauche ich es nicht. Also habe ich alle Zeit der Welt, um zu lesen und zu schreiben. Ich bin völlig frei. Ich kann machen, was ich will. Ich habe jetzt auch noch einen Job in London. Aber das ist genau dasselbe. Sie wollen meinen Namen. Der bringt ihnen Ruhm. Ich werde sehr gut bezahl, muss dafür zwei Mal im Jahr hin für jeweils drei, vier Tage. Diese Herrlichkeit habe ich nur der kommunistischen Unterdrückung zu verdanken. Ich hatte die Antragsformulare alle schön ausgefüllt. Stellen Sie sich vor, die hätten mich genommen. Ich wäre ein braver Philosophieprofessor geworden. So hatte ich Zeit mich umzutun. Ich kannte den Kommunismus. Ich war aufgewachsen in ihm. Das war mein Standortvorteil gegenüber den Freunden im Westen. Ich war scharf darauf den Westen kennen zu lernen. Noch ein Standortvorteil gegenüber meinen westlichen Freunden. Ich war in Jugoslawien. Wir hatten nicht die Illusionen vom Westen wie sie zum Beispiel die Tschechen hatten.
Ein idealer Ort, um dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems beizuwohnen.
Die letzten Jahre des Systems waren ein Paradies für die Opposition. Die Mächtigen wussten, dass es zu Ende gehen würde, sie hatten die Flammenschrift an der Wand gesehen. Also ließen sie uns gewähren. Warum noch Dinge tun, die ihnen bald vorgeworfen worden wären? Das war für uns eine ideale Position.
Heute, wann lesen Sie heute?
Wenn ich nicht schreibe, lese ich. Jetzt im Flugzeug und bei der Warterei in London – dort war Nebel – las ich „The Bodhisattva’s Brain“ von Owen Flanagan. Wissen Sie, dagegen muss man mal etwas schreiben. All diese neuen radikalen Atheisten vergessen ihre Einwände gegen die Religion, wenn es um den Buddhismus geht. Da werden sie ganz milde. Das ist doch Unsinn. Darüber werde ich mal etwas schreiben.
Wie finden Sie die Bücher?
Es wird immer schwieriger. Die schönen Buchhandlungen, in denen man stöbert und etwas findet, sterben aus. In ganz New York gibt es nur noch eine richtige Buchhandlung. Ich kenne die Situation hier in Frankfurt nicht. Aber in Berlin gibt es zum Beispiel in Charlottenburg die kleine, großartige Buchhandlung Knesebeck 11. Da finden Sie, wonach Sie nie gesucht haben. Bei Amazon können Sie nicht suchen. Da können Sie nur einen Titel bestellen, den Sie schon kennen. Das ist auch der Unterschied zwischen einer Tageszeitung und dem Netz. Das Netz ist so groß, dass sie dort nur finden, wonach sie suchen. In einer Zeitung dagegen werden sie auf Sachen gestoßen, von denen sie nichts wussten. In einer guten Zeitung, wohlgemerkt. Das klingt verrückt. Ich weiß. Aber es ist so. In meinem Buch spielt Hegels Verrücktheits-Theorie übrigens eine große Rolle. In der „Phänomenologie Geistes“ macht Hegel klar, dass der Mensch frei wird, indem er sich von seiner Umwelt befreit. So wird er zum Individuum. So aber wird er auch verrückt. Verrücktheit ist der Preis der Freiheit.
Was meinen…
Hegel ist großartig. Und er ist es gerade an seinen verrücktesten Stellen. Wie er in der Rechtsphilosophie die Notwendigkeit der Monarchie begründet, das ist völlig richtig. Na ja, nicht ganz und gar, aber doch im Prinzip. Bei Hegel ist der Monarch die Instanz durch die eine Entscheidung herbei geführt wird. Er ist nicht sonderlich begabt und nicht sonderlich informiert. Er entscheidet. Wer, so meint Hegel, den Experten die Macht gibt, der votiert damit für den Totalitarismus. Es bedarf an der Spitze des Staates eines Elements des Zufalls – im Falle des Monarchen durch dessen Blutsbande. Sonst wird alles von oben nach unten durchorganisiert. Das ist – blicken wir auf Griechenland und Italien – doch sehr aktuell.
Aber sind freie Wahlen nicht der beste Zufall?
Hegel hat Grenzen. Ich weiß. Seine Idee des Pöbels zum Beispiel. Er begriff nicht, dass gerade, weil der Pöbel keinen Ort im System hat, er der Ort ist, von dem aus das System als Ganzes zu erkennen ist. Das hätte der Dialektiker Hegel sehen müssen. Aber es bleibt doch fest zu halten: Sein Begriff des Pöbel kommt dem, was wir heute als Arbeitslose, als Outcasts betrachten, was Agamben den Homo Sacer nennt, viel näher als Marxens Begriff des Proletariats. Hegel ist uns immer noch näher als Marx.
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