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18. Februar 2009

Sophie Hunger: Die letzte Hexe

 Von TOBI MÜLLER

Die junge Singer/Songwriterin Sophie Hunger macht die Schweiz ganz kirre. Bald sollen Frankreich und Deutschland folgen. Von Tobi Müller

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Als sie im Sommer am renommierten Montreux Jazz Festival gespielt hat, verharrte der Saal dermaßen in Andacht, dass die Ventilation eines Scheinwerfers akustisch zu stören begann. Die Miles Davis Hall wurde kurz zur Kirche. Es gab damals von Sophie Hunger nur eine kaum erhältliche Heim-CD. Und doch umgab die 25-jährige Zürcher Sängerin ein Schein aus Hoffnung, Bewunderung und laut getuschelter Berühmtheit. Auf Englisch nennt man das "buzz", mit einem langen stimmhaften s. Das klingt wie die Mücken, die massenhaft zur Lichtquelle fliegen, ohne zu wissen, was sie dort erwartet. Das Licht der Kunstfigur Sophie Hunger, eine Folksängerin ohne Folk-Botschaft, hatte bislang nur auf der Bühne gebrannt.

Mittlerweile ist ihr erstes, wie man so sagt: professionelles Album in der Schweiz bei einem kleinen Label erschienen. Der Branchenriese Universal zieht nun in Frankreich und in Deutschland nach. "Monday's Ghost" landete gleich in der ersten Woche auf dem ersten Platz der helvetischen Hitparade, was einen Herrn von der verkaufsermittelnden Behörde dazu veranlasste, bei Sophie Hunger anzurufen. Ob man wirklich nicht geschummelt habe mit den Stückzahlen? Zwar raunt man in der Schweiz seit mehr als einem Jahr über die immer größeren Konzerte der 25-Jährigen, die ihre mal folkigen, mal leicht angejazzten, dann wieder post-rockigen Lieder selbst schreibt.

Kaum ein Schweizer Medium mochte im vergangenen Jahr denn auch auf eine Hunger-Berichterstattung verzichten. Und trotz dieses schnellen Wachstums vom Wohnzimmer zur Halle hat man ihr bei Mediacontrol den Charterfolg nicht zugetraut. Das ist typisch für die Rezeption dieser Künstlerin, aber auch für Sophie Hungers Auftritte selbst - für diese intensive Musik, ihr distanziertes Schillern, manchmal ihr Schweigen. Dieses Misstrauen ist typisch, weil mit dieser Frau auch das Rätsel der weiblichen Authentizität durchgespielt wird.

Es ist ein altes Spiel, nach der Echtheit der Frau zu fragen. Wenn man auch nicht mehr gleich die Marionette aus Holz oder den Cyborg aus Stahl vermutet, die Furcht vor einer intelligenten Falschheit des Weibsbildes bleibt vorerst kulturell aktiv. Es ist ein altes, ein schaurig wirkungsvolles Spiel: Sophie Hunger gibt darin - gewollt oder nicht - das Update einer Hexe. Es geht um Zauber und um Täuschung, um Verführung und Verweigerung. Es geht um eine Frauenfigur, wie sie der Schweizer Pop noch nicht gekannt hat.

Dabei geht Sophie Hunger alles Bunte ab. Es fehlt ihr alles, was man mit dem popförmigen Bild der Hexe verbinden würde. Mit Nina Hagen oder Pink hat Emilie Jeanne-Sophie Welti Hunger nichts gemein. Sie wirkt zwar nicht fremd, wenn sie in Londons Süden frittierten Fisch in sich hineinstopft. Doch die Haltung der Finger und der konzentrierte Blick machen auch klar, dass diese Frau das nicht jeden Tag macht. Ihr offenes Gesicht mit den dunklen Augen zeigt einen ruhigen Stolz, der sich Zurückhaltung leisten kann. Ihre langen Glieder gruppiert sie zu einem kräftigen Gang. Frau Welti, wie Hunger abseits der Bühne gerufen wird, legt weiter Wert auf gute Manieren und genaue Fragen. Man soll die 25-jährige nicht ungefragt duzen, wie das in der Branche sonst Befehl ist. Und wer Fragen stellt wie "wie sind Sie zur Musik gekommen", erhält entweder keine oder eine nur im Ton höfliche Antwort wie: "Ich bog eines Tages um die Ecke und sagte der Musik Hallo."

Sophie Hunger gilt bei Breitbandmedien als Interviewschreck. Dabei will sie bloß über Musik reden. Dies mitunter streng. Fragt einer, warum sie so viele "tragische Liebeslieder" schreibe, sagt Hunger, sie wisse nicht, wovon die Rede sei und schweigt. Deshalb sprechen manche Sprachrohre, aber auch deren zahlende Zuhörer von Verweigerung und Arroganz. Oder: von Koketterie. Das sind alles Formeln, welche eine Verhüllung des Eigentlichen unterstellen. Wer ist diese Frau wirklich, lautet die alte und immer verzweifelt autoritäre Frage.

Und so wartet man auf den Kern einer Künstlerin und übersieht beim Starren, wie sich die Zwiebel vor unseren Augen häutet. Schicht um Schicht. Einen Kern gibt es nicht. Ein paar Tränen schon. Denn die Sophie-Hunger-Musik will durchaus mit Expressivität betören. Mit gedehnten Silben, abgewürgten Wortenden, mit jäher Lautstärke oder unterdrücktem Druck. Mit extremer Phrasierung, wie sie in der Popmusik sonst selten eine Rolle spielt. Vielleicht ist das der Grund, warum die Jazzabteilungen sich um Hunger kümmern, deren Songs mit Jazz wenig zu tun haben. Eine Affinität zu afroamerikanischer Tradition klingt einzig in der Stimme an, im leisen Echo auf Billie Holiday.

Etwa wenn sie manchmal die Vokale verformt und sie in ein Nuscheln gleiten lässt, dessen stilisierte Langeweile mindestens so sehr ihre alte Bewunderung für Thom Yorke von Radiohead verrät. Oder ihre ziemlich junge für Bob Dylan, dessen Werk sie erst vor zwei Jahren über einen lokalen Imitator kennen gelernt hat. "Sophie Hunger Blues" ist eine musikalisch einfache, textlich rasende Parodie-Slash-Umarmung von Dylan, wie sie so deutlich nur frische Fans trauen. Die Mundharmonika im süßeren "Birthday" distanziert sich bereits wieder vom Idol. Und "Protest Song" dockt nur insofern an die Folk-Tradition an, weil der Text elegant von der Täuschung handelt, einen Protest Song zu schreiben: "I had nothing, then I had you", sagt die Sängerin zu ihrem Lied des Widerstands, das sie damit als willkürlichen Sinnfüller entlarvt.

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