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14. März 2013

Sopran van den Heever: Mozart hält die Stimme jung

Die Opernsängerin Elza van den Heever mit neuer Frisur. Foto: Alex Kraus

Die Sopranistin Elza van den Heever über Oper in Südafrika, Karrierepläne und warum sie ihre Haare inzwischen raspelkurz trägt.

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Die Sopranistin Elza van den Heever über Oper in Südafrika, Karrierepläne und warum sie ihre Haare inzwischen raspelkurz trägt.

„Ich hasse es, Fotos zu machen“, stöhnt Elza van den Heever. „Ich auch“, antwortet der Fotograf. Aber es muss sein. Denn die Fotos der Künstleragentur sind nicht mehr aktuell. Statt schulterlang trägt sie die Haare beim Interview raspelkurz. Auch der Aufdruck auf ihrem Schlüsselanhänger spiegelt nicht die aktuelle berufliche Situation van den Heevers wider. „Chefköchin“ steht da – dabei ist sie doch Opernsängerin, eine gefragte und hochgelobte. Und eine, die noch ganz andere Träume hat.

Frau van den Heever, es scheint, wir haben den gleich Friseur. Ich habe keine Haare, Ihre sind auch weitgehend verschwunden. Wie kam es dazu?

Bis vor sechs Wochen war ich genau so kahl rasiert wie Sie. Es war ganz schön schwierig, denn ich hatte richtig langes Haar.

Stimmt, beim ersten Mal ist das gar nicht so leicht.

Ja, auch emotional – ich hätte heulen können, die Haare sind schließlich ein Teil von dir. Erst habe ich sie selbst mit einer Schere gekürzt, dann musste mir die Maskenbildnerin helfen. Ich machte das für eine Inszenierung von Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“ an der New Yorker Metropolitan Opera. Ich sang die Königin Elisabeth, die ja einen sehr hohen Haaransatz hatte, was vom Maskenbildner auch so dargestellt werden sollte. Wir probierten erst eine entsprechende Haube aus, wie man sie braucht, um Glatzen zu simulieren. Aber diese Opernproduktion wurde in High Definition weltweit im Fernsehen und in Kinos übertragen, da hätte man den Ansatz gesehen. Also sagte ich: Lass uns rasieren.

Ihre Elisabeth sah damit genau so aus wie Bette Davis in dem Film „Günstling einer Königin“. War das die Inszenierungsidee: Eine Kopie des Films auf die Bühne zu bringen?

Nein, ich sah aus wie Bette Davis, weil Bette Davis genau diesen elisabethanischen Look hatte.

Zur Person

Elza van den Heever singt nach ihrem Bühnendebüt als Donna Anna am Opernhaus von San Francisco seit 2008 im Ensemble der Oper Frankfurt. Von hier aus entwickelte sie eine internationale Karriere mit Gastverpflichtungen an der New Yorker MET, der Bayerischen Staatsoper, in Hamburg, Paris und Wien. Die in Johannesburg geborene Sopranistin wird Frankfurt zum Ende der Saison verlassen.

Ihre vorerst letzte Frankfurter Produktion wird Elza van den Heever als Elettra in Mozarts „Idomeneo“ bestreiten. Die Premiere ist am 17. März. Die musikalische Leitung hat Julia Jones, Regie führt Jan Philipp Gloger.

Die ganze New Yorker Produktion wirkte dennoch wie ein großer Mantel-und-Degen-Film …

Ja, das war es auch. Der Regisseur versuchte möglichst detailgenau das Aussehen der Akteure und die ganze Szenerie dem historischen Vorbild nachzubilden.

Sie sind zwar in Südafrika geboren, erfuhren aber Ihre Opern-Sozialisation in Europa, wo man einen anderen Stil der Opernumsetzung kennt.

Sie meinen das Regietheater? Nun, davon war diese Met-Produktion weit entfernt. Aber es war nicht so, dass Elza dastand und die Elisabeth sang. Ich war schon auch selbst Elisabeth, ich konnte mich damit identifizieren. Es war also keineswegs langweilig.

Sie sind Mitglied im Ensemble der Oper Frankfurt, werden aber auch an die Met und andere große Häuser eingeladen. Ist es üblich, dass Ensemblesänger so international unterwegs sind?

Als Zielsetzung verfolge ich durchaus eine internationale Karriere. Als ich mit dem Intendanten Bernd Loebe den Vertrag für Frankfurt unterzeichnete, gab es ungefähr zeitgleich auch die Verträge für New York, Toronto und San Francisco – das wurde alles schon vor vier, fünf Jahren entschieden. Das ist nichts Ungewöhnliches, dass man aus einem Ensemble heraus Gastverträge für größere Häuser bekommt. Nehmen Sie nur den Bariton Zeljko Lucic: Der war auch Sänger im Frankfurter Ensemble und singt jetzt regelmäßig an der Met.

Nach fünf Jahren werden Sie die Oper Frankfurt verlassen und – eben wie die Ex-Frankfurter Zeljko Lucic, Diana Damrau oder Daniel Behle – freiberuflich auftreten. Warum gelingt gerade so vielen Frankfurtern dieser Absprung nach ganz oben?

Ich kann da nur für mich selbst sprechen. Ich jedenfalls verdanke meine Karriere ganz klar Herrn Loebe, der mir hier die Möglichkeit gab, wirklich große Rollen zum ersten Mal zu singen. Und das an einem der weltweit besten Opernhäuser. Für mich war diese Zeit als Ensemblemitglied eine ganz essenzielle, ohne die ich nicht dahin gekommen wäre, wo ich heute bin. Sie war sozusagen der Nährboden, aus dem alles entstand. Ich bin wirklich dankbar. Und ich werde häufig hierher zurückkommen, das ist klar.

Aus Südafrika kommen mehr Opernsänger, als man denkt. Johan Botha, Deon van der Walt, Kobie van Rensburg, um mal nur die Tenöre zu nennen. Gibt es eine Operntradition dort?

Alle, die Sie genannt haben, haben das Land dafür verlassen müssen, das ist der Punkt. Eine Karriere als Opernsänger kann man in Südafrika nicht machen, das ist leider ausgeschlossen. Es gab eine Operntradition. Aber nach 1994 mussten aus finanziellen Gründen alle Orchester verkleinert werden. Oper wird da sehr, sehr klein geschrieben. Ich habe das Land 1998 verlassen und bin zum Studium nach San Francisco gegangen, mit 18.

Aber zumindest mit Chorsingen müssen Sie ja schon früher in Kontakt gekommen sein.

Ja, ich sang in Südafrika in einem Chor, stand aber nie auf einer Bühne. Für eine dramatische Sopranstimme wie meine ist 18 ein gutes Anfangsalter. Das ist keinesfalls zu spät.

Naja, wahrscheinlich haben Sie eine starke Naturstimme mitgebracht, schließlich kamen Sie ja als Drilling zur Welt.

O nein, ich war zwar die Erstgeborene und wurde auch größer als meine beiden Brüder, war aber ein ganz stilles Kind. Ich war immer ein großes Mädchen, aber ein ruhiges. Ich habe meine Stimme erst gefunden, als ich mit dem Gesangsstudium begann.

Als ich von der Tragödie im Haus von Oscar Pistorius hörte, fühlte ich mich erinnert an den bereits genannten Tenor Deon van der Walt: Er wurde vor sieben Jahren von seinem Vater erschossen. In Deutschland hört man Geschichten wie diese nur, wenn Täter oder Opfer berühmt sind. Hören Sie solche Geschichten häufiger?

Südafrika gehört rein statistisch zu den gefährlichsten Ländern überhaupt. Wir haben definitiv ein Problem damit. Die beiden von Ihnen genannten Fälle sind allerdings auf ganz bestimmte, für mich unbegreifliche Umstände zurückzuführen – diese Fälle hätten sich also überall ereignen können. Oscar Pistorius war ein Aushängeschild für Südafrika, er war ein so positives Signal für die ganze Welt, es ist eine echte Tragödie. Ob man diese Fälle mit der hohen Verbrechensrate erklären kann? Ich weiß es nicht, ich bin von Südafrika schon zu weit weg.

Deon van der Walt war ein exzellenter Mozart-Sänger. Viele Sänger sagen, Mozart sei das wichtigste Training für eine Opernstimme. Auch Sie, Frau van den Heever, kommen ja regelmäßig zu Mozart zurück, ohne als genuiner Mozart-Sopran zu gelten.

Ich kehre immer wieder zu Mozart zurück, weil er die Stimme jung hält und gesund. Meine Mozart-Rollen sind die dramatischen, also die hoch dramatische Elettra in „Idomeneo“, aber auch die Fiordiligi, Donna Anna oder Vitellia. Sie alle leben sozusagen in der gleichen Welt. Solange meine Stimme so beweglich bleibt, werde ich diese Partien singen, auch wenn ich nicht eine ausgesprochene Mozart-Stimme habe.

Ist für Sie die „Idomeneo“-Elektra eine Vorstudie zur Strauss-„Elektra“, diesem furienhaftesten Riot-Girl der Operngeschichte?

Ob ich die Elektra von Richard Strauss singen werde? O nein, diese Partie ist wirklich sehr, sehr dramatisch! Die kommt vielleicht viel später einmal.

Wenn es nach Ihrer ersten Intention gegangen wäre, würden Sie heute in Mozarts „Idomeneo“ nicht die Sopranpartie der Elettra, sondern die Mezzo-Rolle des Idamante singen – denn Sie dachten zunächst, ein Mezzosopran zu sein. Wie kam das?

In meiner kurzen Zeit als Mezzo habe ich nie Mozart gesungen, was eigentlich merkwürdig ist. Ich sang den Offenbach-Nicklausse oder den Händel-Ariodante, alles Hosenrollen …

… für die Sie mit 1,80 auch prädestiniert zu sein scheinen.

Ich habe zu dieser Zeit die Höhe meiner Stimme noch nicht richtig erkannt, ich musste sie erst erarbeiten. Mein Sopran hat von Natur aus eine dunkle Färbung, da lagen diese Mezzo-Hosenrollen zunächst einmal näher. Noch heute fühlen sich einige von meiner Stimme etwas irritiert: Wenn ich nicht in der Höhe singe, wissen sie sie nicht einzuordnen. Erst wenn ich in den oberen Regionen ankomme, wird allen klar, dass das ein echter Sopran ist.

Wenn Sie nicht in Frankfurt singen, leben Sie im französischen Bordeaux. Des Essens wegen? Sie wollten ja als Jugendliche eigentlich Köchin werden.

In Bordeaux lebe ich der Liebe wegen. Und es stimmt, ich träumte davon, professionell zu kochen, und auch heute ist das Kochen für mich ein Ausdruck von Kreativität.

Singende Köche gibt es ja häufig, kochende Sänger sind seltener.

Es ist mein liebstes Hobby. Es kann gut sein, dass ich nach meinem Leben als Sängerin eine kleine exklusive Pension eröffne, vielleicht fünf Zimmer, um die ich mich kümmere. Ich liebe es, für Menschen zu sorgen, das macht mich glücklich.

Das Interview führte Stefan Schickhaus.

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