Für den Mainstream der Sozialwissenschaften ist die Stadt ein Buch mit sieben Siegeln, das gar nicht erst angerührt wird. Zu komplex das Forschungsfeld, so der Standpunkt, man scheitere bereits an einer einzigen Stadt, und sei es Bielefeld. Zu groß die Unterschiede, so wird behauptet, oder wollte jemand Peking, die Metropole des 21. Jahrhunderts, tatsächlich mit Paris vergleichen, und wiederum Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, mit Pristina, einer Handelsniederlassung des Kompressorkapitalismus. Das Sprechen über die Stadt als Ort, so ein Topos der Stadtforschung, ist so ungemein vielschichtig wie das Sprechen und Denken selbst. Ist es deshalb ganz unmöglich?
In Frankfurt wird diese Frage dadurch beantwortet, dass am Samstag der Römer zum Ort der Diskussion über die "Soziale Stadt" wird. Trotz der Krise im Global-City-Sektor hat ein Thema weiterhin Konjunktur, das seit 1999 von der Stadt Frankfurt mit dem Programm "Frankfurt - Soziale Stadt - Neue Nachbarschaften". verfolgt wird. Obendrein konzentriert sich das Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" als Teil der deutschen Städtebauförderung auf annähernd 500 Stadtteile in 318 Gemeinden.
Entwickelt wurde dafür ein Kriterienkatalog; über ihm steht die Präambel, wonach sich der betroffene Bürger unter Seinesgleichen, möglicherweise mit Unterstützung eines sog. Quartiermanagers, an der städtebaulichen und sozialen Regelung seines unmittelbaren Lebensraums beteiligen soll.
Der Begriff der "Sozialen Stadt" ist zweifellos so komplex wie die verbrieften Rechte Freiheit oder Gleichheit. Mit dem Begriff geht ein so großes aber nicht selbstverständliches Versprechen einher, auf das sich die Mittelschichten berufen, das die Mittellosen zurecht einklagen, das der Boheme belächeln und der Konservative skeptisch sehen mag. Und auf das der Trendforscher, wenn es am Telefon so anonym wie offen zugeht, gnädige oder zynische, gleichgültige oder hasserfüllte Antworten bekommt.
Das Sprechen über die "Soziale Stadt" hat etwas vom babylonischen Stimmengewirr - deckt sich also mit etwas durch und durch Urbanem. Dabei lässt sich das Soziale zivilisatorisch begreifen, als Errungenschaft eines einigermaßen rücksichtsvoll, ja gesittet gestimmten Miteinanders. Oder es lässt sich auch (rechts)staatlich begründen, wodurch die Stadt zu dem Ort wird, der der grundgesetzlich verbürgten Chancengleichheit die immerhin vielfältigsten Angebote macht. Zum Stimmengewirr aber gehört, dass sich das Soziale so schwer fassen lässt.
Hinzu kommt, dass alle Anstrengungen, die Stadt zu definieren, zu einem Dilemma führen, das die Stadtsoziologie seit einhundert Jahren kennt. Diese Verlegenheit hält bis heute an, so dass die Stadtsoziologin Martina Löw in ihrem Mitte November erscheinenden Buch "Soziologie der Städte" die "zeitgenössische Übereinkunft im Mainstream der Sozialwissenschaften" beklagt, wonach die Stadt angeblich "nicht Gegenstand der Forschung sein könne".
Zweifellos ist die Stadt das größte Gesamtkunstwerk, das die Menschheit im Laufe ihrer Zivilisation hervorgebracht hat, und wer wollte es leugnen, angesichts ihrer kulturellen Leistungen, für die stets das Fundament einer technischen Infrastruktur gelegt sein musste. Zur Eigenlogik der Stadt gehört ihre ungeheure Dynamik, und gerade Frankfurt, ob in seinem Bankenquartier oder an der Peripherie, ob beim Türmebauen oder im privaten Häuserbau, ist nach wie vor, auch heute, ein gewaltiges Gründerzeitquartier, im Großen wie im Kleinen, aufs Ganze gesehen ebenso wie im Detail.
Die feste Bleibe, der erträgliche Wohnsitz, ein vertrauenswürdiges Quartier, der Arbeitsplatz in zumutbarer Nähe, desgleichen Kindergarten oder Schule, auch das addiert sich zur "Sozialen Stadt". So lehrreich es ist, ihren Wirkungskreis auf Nähe und Nachbarschaft zu beschränken, so unmittelbar anschaulich und vielleicht sogar ansehnlich die Mikroperspektive (ob nun der Blick nach Fechenheim, Goldstein oder Bonames, und sei es deshalb, weil das Nachbarschaftsprogramm der "Sozialen Stadt" die Jugendgewalt einhegen oder den Fremdenhass befrieden hilft), so notwendig die Makroperspektive.
Inklusion und Differenzierung: Beteiligung bei allen feinen Unterschieden kennzeichnet die Stadt der Moderne. Inklusion nennt die Sozialwissenschaft die Einbindung ins Soziale - das Eingebundensein in sehr unterschiedliche soziale Verhältnisse. Zur gesellschaftlichen Integration trägt entscheidend die Vernetzung bei, ein Netzwerk, das sich nicht auf ein einziges Milieu beschränkt.
Die "Soziale Stadt" findet also nicht nur im Kiez statt, sie umfasst ein Ensemble aus unterschiedlichen Interessen und Milieus, sie wird aus einem Ensemble aus verschiedenen Räumen gebildet, solchen, die Vertrautes liefern, Gesichter, Farben, Gerüche. Doch solange zur "Sozialen Stadt" nicht auch Räume gehören, in denen man sich dem Befremden ausgesetzt fühlt (oder gar dem Fremden und Anderen selbst), ist für die Stadt nichts gewonnen.
Wo die Stadt nicht als Ort, als Topos der Widersprüche aufgefasst wird, als Arena der Gegensätze, ist das Soziale verbannt. Zur "Sozialen Stadt" gehört die (einigermaßen erträgliche) Koexistenz, das Nebeneinander ausgesprochen unterschiedlicher Lebensstile, an der sich die Toleranz erweist - und mit ihr das größte soziale Kapital des Städtischen.
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