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12. September 2012

Soziologe Richard Senett: „Wir müssen Europa zusammenhalten“

„Wir müssen Europa zusammenhalten“ Der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett über die soziale Verantwortung des Einzelnen, die feinen Unterschiede zwischen Sympathie und Empathie und ihre gesellschaftlichen Folgen. Foto: Getty

Der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett über die soziale Verantwortung des Einzelnen, die feinen Unterschiede zwischen Sympathie und Empathie und ihre gesellschaftlichen Folgen.

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Professor Sennett, das Thema Ihres neuen Buches „Zusammenarbeit“ hat die zentrale Botschaft, dass Kooperation gar nicht so einfach ist. Verstärkt sich dieser Eindruck, wenn Sie auf Europa und die Euro-Krise blicken?

Das Thema meines Buches ist, dass Zusammenarbeit mehr als bloß Zeit beansprucht. Es bedarf hierfür Fähigkeiten, die wir entwickeln müssen. Wenn ich auf die Krise in Europa blicke, sieht es für mich so aus, dass die Fähigkeiten der Zusammenarbeit sehr schwach sind. Anstatt die Fähigkeiten der Kooperation zu stärken, haben die Bürger untereinander an Solidarität eingebüßt. Es herrscht eine Art Tribalismus vor.

Was erwarten Sie von der Krise?

Dass die Menschen in Europa, speziell aber in der Euro-Zone, aufwachen und sich der Notwendigkeit bewusst werden, dass die Länder der Euro-Zone nicht auseinanderfallen dürfen. Die Fragmentierung Europas mit seiner politischen und ökonomischen Krise ist eine sehr schmerzhafte Angelegenheit – besonders für die Deutschen. Es ist gewiss eine sehr schwierige Herausforderung, wie die Starken mit den Schwachen kooperieren können sollen. Die Behauptung, dass die Schwachen Parasiten der Starken seien, könnte wahr sein. Auf dieser Position aber zu beharren und nicht mehr zu agieren, würde selbstzerstörerisch sein: Europa würde zerstört, wenn der Euro zusammenbricht. Es ist eine Phantasie von Unabhängigkeit, welche die Menschen pflegen, als könnte die Uhr dreißig Jahre zurückgedreht werden. Aber das ist nicht länger möglich.

Verhält Deutschland sich richtig?

Ich will die deutsche Politik nicht kommentieren, ich besitze kein Recht dies zu tun. Ich bin also nur ein äußerer Beobachter des Geschehens und als solcher stelle ich einen Groll gegenüber den sogenannten parasitären Kulturen fest. Doch dieser führt am Ende dazu, sich selbst zu vernichten. Dies ist eine harte Aussicht, aber genau die Situation, in der wir uns befinden. Wir müssen Europa zusammenhalten, das ist das Erfordernis der Stunde. Allein durch von oben verordnete Solidarität wird dies nicht gehen. Hierzu gibt es zu viele unterschiedliche Stimmen. In Europa findet sich zuviel Ungleichheit, um über eine europäische Solidarität sprechen zu können. Die Menschen sprechen immer von der europäischen Identität, aber die gibt es nicht. Es ist eine viel kompliziertere Situation. Es handelt sich auf jeden Fall nicht um einen Gegenstand von Charity, wenn von Hilfen für die Schwachen die Rede ist. Deutschland profitierte von der Schaffung der Europäischen Union. Und nun ist diese Union, die ja eher eine Art Konföderation ist, zur harten ökonomischen Realität für jedermann geworden.

Zur Person
Ein Deuter der Gegenwart: Richard Sennett.

Richard Sennett, Jg. 1943, zählt zu den weltweit bekanntesten Soziologen. Seit über 25 Jahren hat er einen Namen wegen seiner Analysen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, vor allem des Großstadtlebens. 1986 erschien „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“, 1994 „Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds“.

Soeben hat Sennett ein weiteres kritisches Buch über die „Kultur des Kapitalismus“ veröffentlicht: „Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält“. Hanser, Berlin 2012, 416 Seiten, 24, 90 Euro.

Die Briten würden sich angesichts der Krise gerne noch mehr von Europa lösen, bleiben aber von dem Kontinent abhängig?

Unsere britische konservative Regierung hatte die Phantasie zur Zeit des Regierungsantritts, dass sie nicht durch die europäische Krise berührt würde und unabhängig wäre. Auch Großbritannien spürt die Wirkungen der Eurokrise, obwohl es kein Mitglied der Euro-Zone ist. Denn je schwächer die Euro-Zone wird, umso mehr stagniert auch die britische Wirtschaft. Die EU ist unser wichtigster Handelspartner. Das ist doch längst bewiesen. Die Konservativen sind immer noch in einem Kampf gefangen. Entweder träumen sie weiter von der alten Idee der splendid isolation oder aber sie erkennen die Abhängigkeit Großbritanniens von Europa endlich an.

Sie leben und lehren in Großbritannien und den USA. Auch in den Vereinigten Staaten sehen Sie einen neuen Tribalismus in der Gesellschaft. Wie macht sich die Krise in dem Land, in dem Sie leben bemerkbar?

Das sind sehr unterschiedliche Phänomene. Es ist ein anderer Aspekt des Tribalismus. Er schließt an die amerikanischen Ideen des Individualismus an. Diese Art von Tribalismus in den USA ist ein Phänomen einer klassenspezifischen und rassistischen Aggression. Man sieht es an Obama, der nicht in den USA geboren wurde. Sie sagen, er ist keiner von uns. Es darf aus Sicht eines Teils der amerikanischen Bevölkerung nicht sein, dass ein Schwarzer wirklich Präsident der Vereinigten Staaten ist, der überdies mit der muslimischen Kultur in Verbindung steht. Dahinter liegt eine im Unterschied zu Europa andersgeartete kulturelle Prägung der Gesellschaft in Bezug auf den Tribalismus, die auf internen kulturellen Gegensätzen der USA fußt.

Die Krise begann 2008 in den USA. Sind wir in ein Zeitalter der Unsicherheit eingetreten?

Ich würde diese Analyse nicht ganz teilen. Ich spreche aus der Sicht eines Menschen mit Wurzeln in der Arbeiterklasse. Dieses System des Kapitalismus, das einen enormen Boom erzeugt hat, besitzt von seinen Wurzeln her eine strukturelle Instabilität. Die Unsicherheit in Bezug auf Arbeitsplätze, die Schwächung von kooperativen Organisationen, sind Entwicklungen, die in die 1980er Jahre zurückreichen und nicht erst 2008 beginnen. Während der Boom-Jahre war der Finanzkapitalismus in der Lage, von der Unsicherheit zu profitieren. Was darauf folgte, führte uns in eine andere Zeit, in der es für die Finanzwelt schwer ist, ihren Profit zu machen. Es ist bislang nicht gelungen, ein stabiles System wieder zu errichten. Etwas, das aus meiner Sicht sehr gefährlich ist.

Es gab immer schon arme und reiche Menschen. Aber heute hat die Zahl der Armen zugenommen, während die Reichen stärker als zuvor ihren Wohlstand zur Schau tragen.

Die Ungleichheit hat zugenommen. Der Abstand zwischen extrem Armen und dem Rest der Gesellschaft ist in der Tat gewachsen. Die Hauptsache aber ist eine andere. Die Wohlhabenden werden reicher, während der Anteil der Mittelschicht stagniert. Wer in den USA lebt, wird sehen, dass es unter der Vorherrschaft des neoliberalen Kapitalismus in der Mittelschicht eine erhebliche Stagnation gibt. Sie wird von dem Wohlstandswachstum zunehmend separiert. Dies hat unterschiedliche Ursachen. Dass der Finanzkapitalismus den Profit des Wirtschaftswachstums abschöpft, ist eine davon. Die Krise hat aber viel damit zu tun, wie die Arbeit organisiert wird. Lassen Sie es mich so sagen: Wenn wir den Abstand zwischen den Armen und der Spitze verringern, und die Spitze weniger reich machen, haben wir noch lange nichts für die ökonomische Lebenssituation der Menschen in der Mittelschicht getan. Die Ungleichheit zu reduzieren reicht nicht aus. Zum Beispiel müssten die Einkommenszuwächse gesteigert werden. In Staaten wie den USA und Großbritannien würden solche Zuwächse jedoch nicht dazu genutzt, um die Einkommen von Menschen aus der Mittelschicht zu verbessern.

Sie haben ein Jobcenter in Manhattan besucht und fanden Menschen vor, die für die Banken gearbeitet haben und dann arbeitslos wurden. In den USA und den europäischen Ländern gibt es nach wie vor viele Arbeitslose. Was kann getan werden, damit diesen Menschen geholfen wird?

Die Hilfe kann nicht durch individuelle Anstrengungen kommen. Das Problem in den Vereinigten Staaten ist, dass viele Menschen immer noch auf dem rechten Flügel stehen und glauben, dass es in der Verantwortung des Einzelnen liegt, sich aus dieser Situation zu befreien. Aber das ist unmöglich. Wir müssen den Einfluss des Finanzmarktes auf die Wirtschaft einschränken und das produzierende Gewerbe in größerem Maße stärken. Deutschland ist ein gutes Modell für die USA mit seiner besser ausbalancierten Wirtschaft. Aber das Hauptproblem sowohl für Europa als auch für die USA ist, dass das System des Kapitalismus keine ausreichenden Kapazitäten mehr für eine Vollbeschäftigung besitzt. Wir haben mehr Arbeiter als Arbeit für sie. Das ist ein grundlegendes Problem, welches alle europäischen Staaten betrifft, ob sie nun neoliberal sind oder eine soziale Marktwirtschaft besitzen. Es gibt weltweit keinen Weg, der zeigen würde, wie eine entsprechende Nachfrage für Arbeitskräfte in den Vereinigten Staaten oder Europa erzeugt werden könnte. Die Arbeitslosenraten sind trotz staatlicher Eingriffe in den meisten Ländern immens hoch. In Deutschland ist es gelungen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken durch die Schaffung von Teilzeitarbeit und Gelegenheitsarbeit, das ist großartig. Aber man kann dennoch nicht über das grundlegende Problem hinwegsehen. Menschen sollten daher früher in den Ruhestand gehen oder ein Job-Sharing betreiben.

Ist der Kapitalismus noch das richtige System oder müssen wir andere Wege einschlagen? Etwa mit Marx?

Niemand glaubt ernsthaft an die Möglichkeit einer Revolution. Ich gewiss nicht. 1917 wird sich nicht wiederholen. Die Frage ist aber doch, dass es zurzeit eine extreme Form des Kapitalismus gibt, welche die sozialen Bedürfnisse missachtet. Einige Aspekte des gegenwärtigen Systems müssen radikal verändert werden.

Sie unterscheiden die Sympathie und die Empathie in Ihrem Buch. Die Sympathie würde auf eine Identifikation mit anderen Positionen hinauslaufen. Warum ist dies nicht das tragfähige System für eine Moral?

Wenn man sich auf die Sympathie beschränkt, verliert man das Andere der Menschen aus dem Blick. Ich mag das Wort „moralisch“ nicht so sehr. Wenn ich mich mit jemandem identifiziere, verliere ich mich selbst aus dem Blick und finde etwas, das nicht ich bin. Daher würde ich sagen, dass die Empathie eher ethischen Anforderungen genügt als bloße Sympathie. Im letzteren Fall würde ich etwa gegenüber einem Freund sagen: O, ich denke genauso wie er. Ich empfinde das gleiche. Aber ich akzeptiere seinen Unterschied nicht. Es sind besondere Fähigkeiten, die es uns ermöglichen, eine Empathie zu verfolgen. Ich meine dialogische Fähigkeiten, die wir für unser soziales Leben stärker ausprägen müssen.

Warum ist es so wichtig, sich nicht mit dem Denken eines anderen zu identifizieren?

Es glättet die Unterschiede zu sehr, wenn wir nach Identität streben. Wir leben in einer sehr komplexen Gesellschaft, mit Klassen, mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Menschen mit unterschiedlichem Geschlecht. Wir nivellieren die Unterschiede und verneinen die Komplexität, wenn wir immer auf Konsens aus sind. Das war die Angst von Jacob Burkhardt, lange bevor es den Nationalsozialismus und Faschismus in Europa gegeben hat, dass der Kontinent zunehmend von „schrecklichen Vereinfachern“ dominiert werden würde. Das war seine Angst, dass es diese politischen Vereinfacher sind, welche die Herrschaft an sich reißen. Die Identifikation ist einer dieser politischen Vereinfachungsmethoden. Wir alle tun es. Aber es ist nicht der richtige Weg, um die Vielfalt der anderen Person angemessen anzuerkennen.

In Zeiten radikaler Umbrüche verlieren wir oftmals gewisse ritualisierte Handlungen, die uns sonst auszeichneten. Wie können wir die Rituale der Kommunikation erlernen, die Sie uns im Buch empfehlen?

Es geht um die unterschiedlichen Techniken der alltäglichen Diplomatie in sehr schwierigen Situationen, die im Alltag angewandt werden. Es geht darum, wie man soziale Distanz managen kann. Etwa im Umgang mit ethnischen Gruppen. Ich verweise auf die Rituale von Diplomaten, die in Andeutungen und Vorsicht besteht. Ich wollte zeigen, welche Rituale, die von Diplomaten in schwierigen Situationen gebraucht werden, auch für Menschen in ihren alltäglichen Lebensbezügen praktizierbar sind.

Es geht um Menschen, die einwandern.

Die Menschen müssen lernen zu verstehen, dass Kommunikation nicht in einer Übereinstimmung enden muss. Genauso ist es mit Immigranten von Afrika, die in Europa landen, oder mit deutschen Immigranten, die in die USA im 19. Jahrhundert einwanderten. Sie finden eher nicht eine Übereinstimmung in Grundpositionen mit denen, die bereits in den Ländern leben. Sie müssen diese Differenz aber aushalten können. Es geht darum, sich zu verstehen. Kooperation ist etwas Tieferes, das nicht darin aufgeht, sich mit einander zu identifizieren oder allgemein zu übereinstimmen.

Das Gespräch führte Michael Hesse.

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