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18. März 2016

Sprachen : 289 Millionen Menschen sprechen Deutsch

 Von Roland Kaehlbrandt
A, B, C, D: Dabei darf es nicht stehenbleiben.  Foto: © epd-bild / Hady Khandani /JOK

Wussten Sie, dass alleine in Brasilien mehr als eine Million Menschen Deutsch sprechen? Der Germanist Ulrich Ammons hat ein Grundlagenwerk geschrieben über „Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt“.

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Ist es eigentlich wichtig, wie viele Menschen Deutsch sprechen und lernen? Wenn wir an die Rolle der englischen Sprache denken, dann wohl zuerst an die internationale Verbreitung. „Lingua franca“ heißt es allenthalben zum Englischen. Aber ob auch die deutsche Sprache Eigenschaften einer solchen überregionalen Verkehrssprache hätte, die Frage käme wohl nur wenigen in den Sinn. Man weiß vage, dass einst, vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, das Deutsche im Begriff war, eine Weltsprache der Wissenschaften zu werden. Aber daraus wurde dann nicht mehr viel, und heute erleben wir – die einen schulterzuckend, die anderen kopfschüttelnd –, wie unsere Sprache aus manchen Wissenschaften im eigenen Lande zurückgebaut wird. Wer macht sich da noch Gedanken über die überregionale Stellung des Deutschen?

Und dann diese Zahl: 289 Millionen. So viele Menschen haben derzeit auf unserem Erdenrund in irgendeiner Art und Form Deutsch gelernt. Hinzu müsste man die 103 Millionen Menschen rechnen, die Deutsch als Mutterspachler sprechen. Auch nicht gerade wenig. Und überregional? In sieben Staaten ist das Deutsche regionale oder nationale Amtssprache. Nicht zu vergessen die deutschen Sprachminderheiten außerhalb deutschsprachiger Staaten: 7,5 Millionen sind es weltweit. Wer hätte gedacht, dass es zum Beispiel in Brasilien 1,1 Millionen sind? Oder in Kanada eine halbe Million? Oder – skurril! – in der Dominikanischen Republik 30 000? Identifizierbare deutschsprachige Minderheiten gibt es in 42 Staaten.

Solche und weitere überraschende Zahlen findet man in dem Grundlagen-Werk „Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt“. Der Germanist Ulrich Ammon hat die Zahlen zusammengetragen. Niemand sonst hat einen vergleichbar umfassenden Überblick über die Position unserer Sprache geschrieben. Wer aber glaubt, die 1295 (!) Seiten seien eine Ansammlung von Datenfriedhöfen, der irrt.

Ammons Buch ist auch ein Lebenswerk. Mit unglaublicher Akribie und Übersicht hat der Duisburger Germanist in jahrelanger Arbeit Daten zum Deutschen ermittelt. Er stellt sie aber auch in einen kultur- und sprachpolitischen Zusammenhang, den der früher so zurückhaltend neutral schreibende Linguist mehr und mehr zum Thema macht – aus Sorge über den Umgang, den die deutsche Sprachgemeinschaft in Teilen mit ihrer Sprache pflegt, wobei dieses Verb eher ironisch zu verstehen wäre.

Denn von pflegen kann in vielen Bereichen wohl kaum die Rede sein. Nehmen wir die Wirtschaftskommunikation: Während im Ausland das Deutsche zur Überraschung des Lesers immer wieder einmal als Sprache der Werbung genutzt wird, so zum Beispiel der erfundene Name „Erich Krause“ für Schreibwarenprodukte in Russland oder die chinesische Biermarke „Steinbräu“, wimmelt es in Deutschland selbst von englischsprachiger Werbung. Als Korrespondenzsprache ist Deutsch immer noch in Ost- und Südosteuropa und im nördlichen Asien anwendbar.

Mit Blick auf internationale Unternehmen, die in Deutschland auf Englisch kommunizieren, nennt Ammon das „warnende Beispiel“ von Wal-Mart, das einen Unternehmens-Chef ohne Deutschkenntnisse engagiert hatte, und hebt das Beispiel von Porsche hervor, das jedenfalls im Stammunternehmen das Deutsche pflegt, weil so die Kommunikation unter den Ingenieuren präziser und weniger fehleranfällig sei.

Kritik an der "Anglisierung"

Am schärfsten kritisiert Ammon die Sprachgepflogenheiten an vielen deutschen Hochschulen. Hier schreibt sich der Autor, immer bestens belegt durch haarsträubende Beispiele, seinen Ärger, manchmal auch seine Verzweiflung von der Seele. Grund dafür ist die Anglisierung ganzer Studiengänge. Ammon beklagt, dass ausländische Studenten in englischsprachigen Masterstudiengängen kein Deutsch mehr lernen müssen. Ob dies den Sozialkontakten in Deutschland dient, ist zu bezweifeln. Kein Wunder, dass fast 40 Prozent dieser Studenten denn auch später in einem englischsprachigen Land arbeiten wollen. „Damit beteiligt sich Deutschland direkt an der Verbreitung der englischen Sprache, zu Lasten der internationalen Stellung der eigenen Sprache“, so Ammon zornig.

Viele chinesische Studenten bauen ihre Deutschkenntnisse während des Studiums in Deutschland eher wieder ab als sie zu verbessern, so ein interessantes Detail. Das nennt man Absurdistan. Hinzu kommt, so Ammon, die Aufgabe entwickelter deutscher Fachwortschätze zugunsten des Englischen in vielen Fächern. Dies führt inzwischen zu einem „Ausbaurückstand“, der die Leistungsfähigkeit unserer Sprache beschädige. Ganze Begriffsgebäude seien nicht mehr verfügbar. Dabei gehen offensichtlich auch Erkenntnisse und Differenzierungen verloren, die im deutschen Fachwortschatz noch enthalten waren. Die Naturwissenschaften, aber zunehmend auch die Gesellschafts- und Geisteswissenschaften, sind aus der Sicht derjenigen, die das Deutsche als voll ausgebaute Sprache bewahren und weiterentwickeln wollen, der deprimierendste Bereich. Ammon benennt das Risiko, das damit verbunden ist: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die derzeitige Tendenz eines Tages zum weitgehenden Verzicht in nicht-geisteswissenschaftlichen Fächern auf Deutsch als Sprache der höheren Schulbildung und der Hochschullehre hinführt.“

Selbst wenn dem einen oder anderen an Deutsch nicht besonders viel gelegen ist, wäre das ein Verlust: Denn Sprachen sind nicht einfach Etiketten, die an vorgefertigte Gedanken geheftet werden, sondern sie sind eigene Modelle der Einteilung unserer Wirklichkeit und unserer sozialen Beziehungen.

Viel Schatten also, wenn es um den Umgang mit der deutschen Sprache geht. Dazwischen aber immer wieder interessante und auch ein paar ermutigende Details: Die deutschsprachige Twitter-Kommunikation steht an dritter Stelle weltweit. In der Internet-Enzyklopädie Wikipedia sind die deutschsprachigen Einträge auf Platz drei; auch im Internet steht Deutsch auf Platz drei. Nicht zu unterschätzen ist wohl auch die Attraktivität des deutschen Arbeitsmarktes. Und da geht es nun einmal nicht ohne Deutsch. „Die Unzulänglichkeit bloßer Englischkenntnisse erfuhren in jüngster Zeit schmerzhaft Jugendliche aus den Mittelmeerländern, die Zugang zum Arbeitsmarkt in Deutschland suchten“, schreibt Ammon. Ähnlich dürfte es mit der Flüchtlingseinwanderung ein. Vielleicht liegt in der starken Zuwanderung eine überraschende Stärkung der deutschen Sprache, weil die Sprachgemeinschaft ihre Netzwerke verbreitert.

Ulrich Ammon: Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt. Verlag de Gruyter. 1995 S., 79,95 Euro.

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