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Sprengkraft der Reflexion

Die Turner-Preis-Schau überrascht mit Nachdenklichem und einer fulminanten Runa Islam.

Eine blässliche junge Frau im weißen Kleid sitzt in einem leeren Raum vor einen altmodischen Porzellanservice. It's tea time: Langsam gluckert der Tee in die Tasse, die aussieht wie aus Omas Schrank, ein Keks findet die roten Lippen. Dann gerät das wohlaustarierte Stillleben aus den Relikten einer verflossenen Bürgerlichkeit in Bewegung. Mit zarter Hand schiebt die Frau das Geschirr an den Rand des Tisches, bis es fällt. Klirr: Die Tasse, das Milchkännchen, die Kanne taumeln in Zeitlupe zu Boden. Der Blick der Frau bleibt weiter völlig ungerührt, die Scherben sind so weiß wie ihre Haut.

"Be The First To See What You See As You See It" heißt dieser Film von Runa Islam. Ein Film, der sich gerade wegen seiner Rätselhaftigkeit schon bei der Biennale von Venedig 2007 ins Bewusstsein brannte. Mit diesem Film hat Runa Islam die Jury des britischen Turner-Preises auf sich aufmerksam gemacht - und er macht sie nach Meinung vieler Kritiker auch zur herausragenden Künstlerin beim diesjährigen Wettbewerb.

Zur Sache

Der Turner-Preis wird am 1. Dezember vergeben. Die Ausstellung in der Tate Britain in London ist noch bis zum 18. Januar zu sehen. www.tate.org.uk/britain Runa Islam in Einzelausstellungen: im Museum Folkwang, Essen, 29. November bis 25. Januar, sowie im Kunsthaus Zürich, 28. November bis 8. Februar.

Runa Islam steht dabei für die Nachdenklichkeit und formale Ambition, die diesen Jahrgang des Turner-Preises auch insgesamt auszeichnen. Es ist ein Jahrgang mit genau gar keinem Skandalpotential. Stattdessen spiegelt er die aktuelle Rückkehr zur Intellektualität und zur Kunstgeschichte: Kunst über Film, Kunst über Kunst, Kunst über die ästhetische Moderne - was in der Tate Britain in London eine angenehm anregende und nein, nicht trockene Ausstellung ergibt.

Zugegeben, die Präsentation von Mark Leckey hat aufgrund ihrer etwas manierierten Komplexität ein gewisses Kopfschmerzpotential - aber auch absurden Charme. Leckey, Londoner mit Nebenwohnsitz in Frankfurt am Main, wo er an der Städelschule lehrt, zeigt sich als Dandy vor komplexen Zerrspiegeln und gestaltet in Film und Installation Lektionen über Kartoffeln, Comic-Figuren und den Hasen von Jeff Koons.

In der klassischen Moderne recherchiert dagegen die 1967 in Polen geborenen Goshka Macuga. Sie hat eine klare, schöne Rauminstallation geschaffen, in der sie in modernistischen Skulpturen aus Stahl und Glas die Designerin Lily Reich zitiert - die wenig bekannte Lebensgefährtin von Mies van der Rohe - und in Collagen das britischen Künstlerpaar Paul Nash und Eileen Agar wieder zusammenführt.

Am wenigsten kann Cathy Wilkex überzeugen, die Schaufensterpuppen um eine Supermarktkasse zu einer etwas plumpen Konsumismus-Installation arrangiert hat: Man hat solche leicht lesbaren Plunder-Anhäufungen mit kritischem Hintergrund schon zu oft gesehen.

Runa Islam dagegen präsentiert sich auf der Turner-Preis-Ausstellung als eine der interessantesten Künstlerinnen der Stunde - wie sehr ihre Karriere gerade international in Gang kommt, beweisen auch die Einzelausstellungen im Museum Folkwang Essen und im Kunsthaus Zürich, die Ende des Monats eröffnen.

Islam, im Jahr 1970 in Bangladesch geboren, hat in Amsterdam und London studiert und lebt auch dort - sie ist typisch für das "post-ethnische" Konzept des Turner-Preises und gleichzeitig ein Beispiel dafür, dass auch bei global gewanderten Künstlern Globalisierung heute Thema sein kann, aber nicht muss. Die ätherische Britin in ihrem "Be The First To See"-Film ist eine Schauspielerin - ihr eigenes, im Übrigen äußerst schönes Konterfei enthält Runa Islam den Betrachtern ihrer Kunst gewöhnlich vor und entgeht so möglicher ethnischer Schubladisierung.

Sie hat Bangladesch als Kind verlassen, erzählt sie im Interview zur Ausstellung, und wenn sie heute dort ist, dann wie eine Touristin. Das filmische Porträt ihrer Geburtsstadt Dhaka, ihr zweiter Beitrag zur Turner-Preis-Ausstellung, vermeidet bewusst alle dokumentarischen Klischees: Sie zeigt schlicht einige Rikscha-Fahrer, die sie dafür bezahlt hat, nichts zu tun, beim Herumsitzen auf ihren Fahrzeugen an einem Sommertag. Das ergibt menschliche Porträts voll respektvoller Distanz und gleichzeitig eine Etüde zum Thema Zeit im Film.

Islams Leidenschaft aber gilt der Filmgeschichte: Sie liebt es, sich in Archiven zu vergraben. Bei ihren fallenden Teetassen bezieht sie sich auf den ältesten jemals aufgenommenen Testfilm, der zeigt, wie ein Glas Wasser fällt. Es geht ihr nicht um Psychologie, sondern um Bewegung im Bild, im Sinne einer fast abstrakten ästhetischen Untersuchung. Dass trotzdem das verhalten erotische Bild der jungen Frau mit den roten Lippen an der Teetasse im Bewusstsein der Zuschauer eine Flut möglicher Erzählungen herauskitzelt, macht den unterkühlten Reiz der Arbeit aus.

In dem Film "Cinematography 2007" hat Islam schließlich eine Kamera so programmiert, dass sie in von Buchstaben vorgegebenen Rastern ein Atelier abtastet, hoch und runter, rechts und links, komplett unabhängig von der Architektur des Raumes. "Was man sehen will, ist nicht immer das, was man sehen kann", sagt Runa Islam im Interview dazu und lacht dabei: Formalismus ist für sie gleichzeitig ästhetische Konsequenz und ein Spiel mit dem Zuschauer.

Runa Islam macht Filme über das Filmemachen. Ihr Talent zum enigmatischen Bild rettet sie dabei vor der puren Theorielektion. Man wird von ihr noch hören.

Autor:  ELKE BUHR
Datum:  25 | 11 | 2008
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