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Sri Lanka: Kleinod moderner Architektur

Selbst Kenner der Insel wissen oft nicht, welche architektonischen Schätze Sri Lanka zu bieten hat. Meist sind es private Wohnhäuser weitab der Öffentlichkeit. Ein Überblick. Von Ingeborg Flagge

Die Architektur von Geoffrey Bawa stellt eine harmonische Verbindung von Innen und Außen her.
Die Architektur von Geoffrey Bawa stellt eine harmonische Verbindung von Innen und Außen her.
Foto: Geoffrey Bawa Trust

Sri Lanka ist ein gefährdetes Paradies, manche geben es längst verloren. Wer es liebt, hängt an ihm mit Verzweiflung. Korruption und Vetternwirtschaft sind an der Tagesordnung, Armut und soziale Chancenlosigkeit verbreitet. Der von 1983 an tobende Bürgerkrieg, der von der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) geführt wurde und einen separaten Tamilenstaat im Norden der Insel zum Ziel hatte, wurde vom Präsidenten Mahinda Rajapakse Mitte 2009 gewaltsam beendet, hat aber das Land tief gespalten und unzählige Opfer gekostet. Die Insel ist erschöpft, aber die Hoffnung auf einen Neuanfang groß.

Ein Entwicklungsmotor könnte der Tourismus sein. Er ist Sri Lankas wichtigste Einnahmequelle neben Tee, Edelsteinen und Gewürzen. Aber während 2004 noch über 500.000 Besucher ins Land kamen, waren es 2007 nur noch 30.000. Nach dem Tsunami Ende 2004 blieben selbst die Ayurveda- Enthusiasten weg, die sonst, immun gegenüber Bomben und Attentaten, der Insel die Treue gehalten hatten. Die gesamte Tourismusbrache wurde arbeitslos, Investitionen blieben aus, selbst Luxushotels standen leer und wurden schäbig.

Denn das Klima Sri Lankas ist heiß und feucht. Was nicht ständig gepflegt wird, verkommt rasch. Der Investitionsstau ist deshalb überall sichtbar. Dadurch wird die Insel erpressbar, denn Sri Lanka ist ein Land des Billigtourismus und für Massenveranstalter höchst attraktiv. Dies zu ändern wäre wünschenswert, aber nur durch die vereinten Kräfte von Regierung und Tourismusindustrie möglich. Die Chancen dafür sind gering, auch wenn Präsident Rajapakse beweisen muss, dass er nicht nur einen blutigen Frieden schließen, sondern der Insel auch einen wirtschaftlichen Neuanfang bescheren kann.

Sri Lanka ist ein multireligiöser und -ethnischer Staat. Die Singhalesen, Nachfahren von im 5.vorchristlichen Jahrhundert aus Indien eingewanderter Arier, wie das Nationalepos Mahavansa berichtet, bilden die Mehrheit. Sie gehören zu etwa 70 Prozent dem Buddhismus an. 17 Prozent der Bevölkerung sind Tamilen, die ebenfalls aus Indien stammen und Hinduisten sind. Der wegen ihrer hohen Geburtenrate am schnellsten wachsende Bevölkerungsteil sind die Muslime mit einem Anteil von fast zehn Prozent. Das entspannte Miteinander und die politische Befriedung dieser drei Gruppen ist die vorrangigste Aufgabe und Grundlage jeder Zukunft der Insel.

Äußerlich ist Sri Lanka in seinem engen Beieinander aus Ozean, weißen Stränden, Dschungel, Lagunen, Teeplantagen, hohen und heiligen Bergen eine der schönsten Inseln weltweit. Gänzlich unbekannt aber ist, dass Sri Lanka das faszinierendste Kleinod moderner Architektur in Südostasien ist, das seinen Nachbarn Indien, der 50 Mal mal so groß ist und eine entsprechend riesige Bevölkerung zählt, in den Schatten stellt.

David Robson, Autor zahlreicher Bücher über die Architektur der Insel, spricht von "einem Füllhorn aufregender Bauten" der letzten zwanzig Jahre. Selbst Kenner Sri Lankas wissen von diesem Schatz wenig, geschweige denn, dass der Tourismus davon Kenntnis genommen hätte.

Das liegt daran, dass diese Architektur gesucht und gefunden werden will und nicht für aller Augen sichtbar ist. Es handelt sich größtenteils um private Wohnhäuser, die weitab der Öffentlichkeit auf schönsten Grundstücken liegen, oder um moderne Innenausbauten von luxuriösen Hotels in altem Kolonialgewand, die sich nur wenige leisten können.

Geoffrey Bawa gilt als Guru

Der Vater moderner Architektur in Sri Lanka ist Geoffrey Bawa, der 2003 im Alter von 84 Jahren starb. In ganz Asien gilt er heute als Guru, der in seinen Bauten eines magischen Realismus radikale Modernität mit lokaler Tradition verband. Aber selbst eine erfolgreiche Ausstellung im Jahre 2004 im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt hat den Baumeister, der 2002 als erster Nichtmuslim den höchstdotierten Architekturpreis der Welt erhielt, den Aga Khan Award, in Europa nicht bekannter gemacht, zu schweigen davon, dass man nichts weiß über seine talentierten Nachfolger C.Anjalendran, Channa Daswatte, Milroy Perera oder die Architektin Amila de Mel, um nur einige zu nennen.

Diese Architekten sind mehr als bloße Schüler Bawas. Sie sind das Resultat guter einheimischer Universitäten, eines selbstbewussten Architektenverbandes und der lebendigen, über 2000 Jahre alten Bautradition des Landes. Ihre ebenso pragmatische wie phantasievolle Architekturhaltung jenseits aller Moden verdankt sich auch wohlbetuchten Bauherren, die den Mut zum Bauen in einheimischer Tradition, aber im modernen Gewand haben und keiner erfundenen nationalistischen Architekturrichtung anhängen. Der Ruhm dieser jungen Architekten verbreitet sich allmählich nach Indien, Indonesien und Singapur und ist ein interessanter Architekturexport, der Südostasien zu prägen beginnt.

Die schönsten modernen Bauten in Sri Lanka sind wie Bawas Haus in Mirissa ein Nichts aus großem Dach, freiem Grundriss, transparenten Wänden, eine Art offener Struktur, in der sich wie unter einem Schirm über Terrassen, Veranden und Balkone das Innen und Außen miteinander verbinden. Bawa und seine Nachfolger sind Meister in der Kunst, Architektur und Natur zu einem dramatischen Miteinander zu fügen. Das faszinierendste Beispiel hierfür ist das Boulder Garden Hotel von Lalyn Collure in Kalawana, das sich unter und zwischen riesigen überhängenden Felsen entwickelt und an die Luxusherberge eines Höhlenmenschen erinnert.

Sensibler Umgang mit einfachen Details

Der sensible Umgang der Architekten mit ausgesuchten Materialien und der Reichtum einfacher Details erinnert häufig an den Italiener Carlo Scarpa. Die modernen Möbel in Hotels und Privathäusern sind meist in Sri Lanka handgemacht und stammen in Fertigung und Design aus der Werkstatt von Rico Taravella und Tilak Seethawaka in Bentota. Sie haben schon das gesamte Mobiliar für Bawas Bauten erarbeitet und so in Zeiten des Importstops und Geldmangels der 70er und 80er Jahre eine Möbeltradition auf der Insel begründet, die heute auch für den Export arbeitet.

Haus und Garten sind in Sri Lanka nicht voneinander zu trennen. Deshalb ist Geoffrey Bawas berühmteste Architektur auch sein Garten Lunuganga, eine Mischung aus englischem Landschaftspark, italienischer Renaissancelandschaft und tropischem Dschungel, an dem er sein Leben lang baute. Lunuganga ist ein magischer Ort aus Licht und Schatten, aus den Spiegelungen der Lagune, aus den Grüntönen uralter Bäume und der Reisfelder, eine kultivierte Wildnis und das Werk eines visionären Mannes. Während Geoffrey Bawa ein Weltbürger war, der über den Barockarchitekten Balthasar Neumann promovierte, ist sein wohl begabtester Nachfolger Anjalendran ein Tamile, dessen Familie aus Jaffna im Norden stammt. Bevor er zur Architektur kam, lernte er Tanz und studierte Mathematik.

Anjalendran ist ein kultivierter Mann und betreibt sein Bauen ohne Büro, ohne Sekretärin, ohne Handy, ohne schriftliche Verträge. Nicht nur in dieser Hinsicht ist er eine Ausnahmeerscheinung. Er ist nicht der arrogante, alles wissende Architekt wie Bawa, sondern einfühlsam in seinen Bauten und sensibel im Umgang mit Kollegen, dem alten Mann der Kunst in Sri Lanka, Laki Senanayake, der Batikkünstlerin Ena de Silva oder der Farben- und Stoffdesignerin Barbara Sansoni, die mit ihrem Sohn, dem Architekturfotografen Dominik Sansoni, einen der schönsten Läden Colombos - Barefoot - betreibt.

Anjalendrans Architektur - das Haus unter dem Banyan Baum in Colombo (2002) oder sein transparentes Wohnhaus auf Mount Cinnamon in Mirissa (2008), um nur zwei von über hundert Bauten zu nennen, ist gleichzeitig zurückhaltend und spektakulär. Sein SOS Kinderdorf bei Galle (1997) ist eine beispielhaft fröhliche und kindgerechte Anlage, eine humane Architektur in einem Land, das sonst für seine Kinder nicht allzu viel tut.

Autor:  Ingeborg Flagge
Datum:  31 | 5 | 2010
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