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11. Dezember 2012

Staatsoper Sanierung: Wenn die Verkleidung weg ist

 Von Birgit Walter
Bei der Staatsopern-Sanierung wird den Dingen auf den Grund gegangen. Foto: BLZ/Paulus Ponizak

Nach jahrelanger Leugnung räumt die Bauverwaltung die Kostenexplosionen bei der Staatsopernsanierung ein, hält aber an dem teuren Tunnel fest. Mit einer haarsträubenden Begründung.

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Berlin –  

Die Kosten für die Sanierung der Staatsoper explodieren von 242 auf 288 Millionen Euro, der Termin für eine Rückkehr des Ensembles in das Gebäude Unter den Linden im Oktober 2015 wackelt vernehmlich, obwohl sich die Bauzeit zuvor schon von drei auf fünf Jahre verlängert hat. Das ist das Ergebnis einer eilig einberufenen Pressekonferenz der Senatsbausenatorin Regula Lüscher am Dienstag Nachmittag.

Mit der falschen Einschätzung der Baukosten habe auch die Verabschiedung der Projektsteuerfirma letzten Monat zu tun, räumte Lüscher jetzt ein. Ein Umstand, über den sich die Bauverwaltung ausgeschwiegen hatte wie über alle anderen Tatsachen im Zusammenhang mit dieser Sanierung.

Erst in dem Moment, wo Termine offensichtlich platzen und dringend frisches Geld beim Parlament beantragt werden muss, verlassen auch ein paar Informationen die Verwaltung. Unvergessen, wie die Verwaltung einen Interviewtermin dieser Zeitung mit dem Architekten HG Merz vor Baubeginn 2010 absagte. Bauherrin sei die Stadtverwaltung, hieß es kurz, und die habe keine Zeit, also kein Interview.

Regula Lüscher führte nun in vielen Einzelheiten aus, wie sich die Erhöhung der Kosten auf alle Bereiche ausbreitete und was alles definitiv unvorhersehbar war. Dass das Gebäude seit seiner Wiedereröffnung 1955 niemals grundsaniert worden sei und man die jetzigen hohen Kosten eigentlich nur auf 60 Jahre umlegen müsse, dann würden die sich auch schon relativieren.

Hoher Termindruck

Der Zustand der Oper sei nämlich viel schlechter gewesen als angenommen. Nach der Entfernung des Daches etwa musste ein aufwändiges Stahlgerüst eingezogen werden, alles sei desolater gewesen als in den Bestandsplänen ausgewiesen: „Man sieht den Zustand erst, wenn die Verkleidung weg ist.“

Diese Erklärungen müssen wir ungeprüft stehen lassen. Immerhin räumte Lüscher ein, dass die Planung unter einem hohen Termindruck stand, dass sich die Planungsphasen überlappt hätten. Warum eigentlich diese Eile? Die Oper stand nicht vor dem Zusammenbruch. War es eine Spitze gegen die politischen Ansagen Klaus Wowereits? Man muss nicht vom Bau sein, um zu wissen, dass sich Planungsfehler doppelt und dreifach rächen, immer, und noch auf keiner Baustelle zu Termin- und Kostentreue geführt haben.

Aber so ist das, wenn Berlin baut. Wir müssen nicht auf den Flughafen verweisen, die Akademie der Künste und die Schauspielschule reichen als traurige Objekte des Versagens. Bei der Oper muss außerdem Protz im Spiel gewesen sein. Hätte sich der Bund nicht mit 200 Millionen Euro an den Kosten beteiligt – Nachschlag übrigens wird es keinesfalls geben – würde das vielleicht zu ein wenig Bescheidenheit geführt haben. So aber wurde ganz groß eingestiegen. Erste Berechnungen gingen – wie sich die Zahlen ähneln – von 290 Millionen Euro aus.

Die Summe sei politisch nicht vermittelbar, sagte damals der Regierende ganz richtig. Die Kosten bekamen daraufhin einen Deckel von 242 Millionen Euro. Dafür musste verzichtet werden, zum Beispiel auf das Domizil des Staatsballetts, das in die Bismarckstraße umzog. Zum Beispiel auf den denkmalgerechten Umbau des Magazingebäudes zum Probenzentrum, das reißt Berlin kurzerhand ab und baut es neu auf. Ein bisschen ursprünglicher Fassadenschmuck wurde noch aufgehoben.

Außerdem hat Berlin leichthin auf das Drittel seines Magazingebäudes verzichtet, das die Dekorationen aufbewahrte, um es nicht sanieren zu müssen. Das wird sich rächen. Das Gebäude übernimmt nun Daniel Barenboims Stiftung, er bekommt dort seine eigene Schule und seinen eigenen Konzertsaal. Dafür zahlt großzügig der Bund, Berlin ist das Problem los, aber zur Erinnerung: Steuergeld ist das auch.

Worauf nicht verzichtet wurde, ist das unterirdische Bauwerk in dem unkalkulierbaren wässerigen Boden, ein Tunnel vom Magazingebäude zum Opernhaus. Gut, dachte man erst, dann müssen die schweren Dekorationen nicht länger bei Wind und Wetter von hier nach da über den Platz geschoben werden, zur Freude der Touristen, zum Ärger des Bischofs in der Hedwigskathedrale, sondern unterirdisch.

Wozu der Tunnel?

Aber das Magazin gibt es nun nicht mehr. Die Bühnenbilder reisen jetzt alle Tage mit Spezialtransportern aus entfernten Lagern an. Warum nur können sie nicht gleich an der Staatsoper andocken? Weil es besser ist, sie erst im Probenzentrum auszuladen und von da aus unterirdisch zu transportieren.

Warum? Weil dort die anliefernden Lastwagen weniger stören als vor der Oper. Ist das zu fassen. Wer will ernsthaft verteidigen, dass 22 oder noch mehr Millionen Euro für ein Tunnelbauwerk ausgegeben werden, nur damit der Transporter in einem Gebäude andockt und nicht an einer Laderampe? Wie messbar ist dieser Vorteil? Wir bauen doch hier nicht in Dubai, sondern mit geborgtem Geld für Zinsen in Berlin.

Tatsächlich ist unter der Erde richtig was los, da wird geackert. Da werden Pfähle gefunden, Tresore geborgen, Eisenträger beseitigt, Leitungen überbrückt. Mittendrin nämlich wird der Tunnel von Berlins Hauptabwasserleitung gestört, die sich nicht verlegen lässt. Unterirdisch kreuzt ein Fußgängerweg, der über eine Zugbrücke (kein Witz) abgewickelt werden soll. Jetzt muss der Tunnel noch mal extra gegen Wassereinbruch abgedichtet werden. Wo so viel Geld verbuddelt wird, war wohl die Frage nach dem Nutzen aus dem Blick geraten.

Lässt sich nicht doch auf den teuren Tunnel verzichten? Nein, sagt Regula Lüscher. 16,4 Millionen Euro sind bereits verbaut, der Einspareffekt wäre verschwindend. Es sei ein „Point of No Return“ erreicht. Immerhin, auch das wurde durchgerechnet, bevor die Verwaltung jetzt vom Parlament weitere 46 Millionen Euro verlangt. Was es kostet, künftig ständig mit den LKW Dekorationen hin und her zu fahren und in fernen Lagern unterzubringen, eins liegt in Ludwigslust, hat natürlich noch niemand bekanntgegeben.

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