Nach längerem Schweigen – einer Phase des Prüfens und Sprechens hinter den Kulissen, sagt die Politikerin – bemüht sich Hessens Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU), die ausgebrochenen Konflikte am Staatstheater Darmstadt in gemäßigtere Bahnen zu lenken. Als „neutraler Beobachter“ soll der CDU-Kulturpolitiker Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff die Vorgänge prüfen. Er soll sich sowohl mit den „konkreten Vorgängen“ als auch den „allgemeinen künstlerischen Arbeits- und Kommunikationsbedingungen“ befassen.
Im Zentrum des aktuellen Konflikts stehen die Vorwürfe der Gastsängerin Alexandra Lubchansky, die über ihren Anwalt an die Öffentlichkeit gegangen war. Lubchansky, die Lebensgefährtin von Generalmusikdirektor Constantin Trinks, sah sich Schikanen ausgesetzt, nachdem Trinks zuvor die Besetzung des Loge (im „Rheingold“) mit Sven Ehrke, dem Mann von Intendant John Dew, verweigert habe.
Es sei „im Vorfeld“ bereits „viel geschehen“, so Kühne-Hörmann. Vier- und Sechs-Augen-Gespräche seien mit den Hauptkontrahenten geführt worden. Dew und Trinks hätten beide ihre Bereitschaft zur weiteren Zusammenarbeit signalisiert. Kühne-Hörmann setzt jetzt ausdrücklich auf eine Vertragserfüllung – beide Verträge laufen bis zum 15. August 2014 – und erklärte, sie wolle beide Seiten in die Verantwortung nehmen. Einem sehr erfolgreich arbeitenden Theaterbetrieb werde Schaden zugefügt. „Ich glaube, es ist angekommen, dass wir nicht bereit sind, das hinzunehmen.“
Dem Versuch eines Machtwortes und einer Rückkehr zum Dialog steht eine komplizierte Gemengelage gegenüber. Die Ministerin und Darmstadts grüner OB und Kulturdezernent Jochen Partsch machten sich davon am Dienstagmorgen ein Bild bei einer von ihnen einberufenen Personalversammlung im Theater. Sie sei „überwältigt“ von der Resonanz, sagte Kühne-Hörmann. Die Atmosphäre sei „aufgeheizt“, es gebe „Unterstellungen und Lagerbildung“. Partsch sprach von einer „aufwühlenden, notwendigen Versammlung“. Es bedrücke ihn, dass es Mitarbeiter am Haus gebe, die sich „wie in einem totalitären Regime“ fühlten. Eine solche „Flut von anonymen Schreiben“ wie in diesen Wochen habe er noch nie bekommen. Anders als sonst akzeptiere er das aber. Es gelte jetzt, Angst abzubauen.
Trinks, der einer Gastspielverpflichtung nachkommen musste, und Dew – weil Trinks nicht da gewesen sei, so die Ministerin – hatten an der Versammlung nicht teilgenommen. Teilnehmer bestätigten der FR den Eindruck einer leidenschaftlichen Aussprache. Dass es dafür am Haus bisher kein Forum gebe, sei Teil des Problems, hieß es. Erstmals sei nun Gelegenheit gewesen, (anonymisierte) Fragen zu stellen. Der Unmut über die „Vetternwirtschaft“ brach sich dabei Bahn, erzählen Teilnehmer, auch die Forderung, die gesamte Leitung des Hauses auszutauschen, bekam Beifall.
Personalversammlung angekündigt
Aber auch das Ministerium musste sich kritische Fragen anhören. Der aktuelle Konflikt erscheint Beobachtern des Theaters zunehmend als Höhepunkt langjähriger interner Auseinandersetzungen, in denen keineswegs nur, aber immer wieder die Besetzung von Dews Ehemann Ehrke eine Rolle spielte. Das Ministerium, so Kühne-Hörmann, habe sich immer wieder um Vermittlung bemüht – aber warum war es mittelfristig so erfolglos? Sie bestätigte auch, dass es im Verlängerungsvertrag Dews, 2010 geschlossen, eine Regelung gebe, nach der „er für die Besetzung von Partien mit eigenen nahen Angehörigen in jedem Einzelfall der Zustimmung des Rechtsträgers bedarf“. Dew habe das stets eingehalten – zum Loge habe kein schriftlicher Antrag vorgelegen.
Übrigens gibt es diese Regelung laut Ministerium auch an anderen hessischen Theatern. Auf die Frage, ob Wiesbadens Intendant Manfred Beilharz eine Genehmigung brauche, wenn seine Tochter am Haus inszeniere, sagte Kühne-Hörmann: Ja, die brauche er.
Die Vorwürfe eines „gezielten Mobbings“ im Fall Lubchansky ließen sich „nach gründlicher Prüfung aller vorliegenden Unterlagen nicht nachvollziehen“, heißt es in der Pressemitteilung der Ministerin. Zugleich berief sie sich im Gespräch auf das noch laufende Verfahren. Etwas staunen konnte man auch darüber, dass sie extra einen Hinweis auf die vertraglich problematischen Gasttätigkeiten des GMD gab. Ein Zusammenhang zu den gegenwärtigen Auseinandersetzungen lässt sich schwer herstellen. Wenn man das ein bisschen empfindlich liest, dokumentiert es tatsächlich die Notwendigkeit, dass ein Außenstehender – auch außerhalb des Ministeriums Stehender – die Situation prüft.
Grosse-Brockhoff, lange Jahre Kulturstaatssekretär in NRW, Kulturdezernent in Düsseldorf und zuletzt Funktionär im Deutschen Bühnenverein, soll am 21. Dezember seine Arbeit aufnehmen. In wenigen Wochen, kündigte die Ministerin an, soll die nächste Personalversammlung stattfinden.
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