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Staatstheater Darmstadt: Als wäre es von Donizetti

Am Staatstheater Darmstadt wird hinter den Kulissen eine böse Klamotte aufgeführt.

        

Spielt mit in der Posse:  Alexandra Lubchansky.
Spielt mit in der Posse: Alexandra Lubchansky.
Foto: Barbara Aumüller

Stünde sie im Opernführer, würde man die Handlung als skurril bis konstruiert empfinden. Ort: Staatstheater Darmstadt. Zeit: Dieser Tage. 1. Akt: Auftritt des Operndirektors. Er möchte, dass ein bestimmter Tenor eine wichtige Partie singt. Dem Generalmusikdirektor aber genügt dessen sängerische Qualität nicht, er lehnt ab. Da verweigert der Operndirektor einer bekannten Primadonna den bereits zugesicherten Vertrag für die Hauptrolle in einer anderen Oper. Zentrale Briefszene der beiden Herren. Was das Publikum wissen muss: Der Tenor ist mit dem Operndirektor verheiratet, die Sängerin mit dem GMD liiert.

2. Akt: Ein Advokat tritt auf, er erstreitet den Vertrag für die Sängerin. Doch wird diese daraufhin am Opernhaus schikaniert, etwa mit kurzfristigen Regieanweisungen. Höhepunkt: 87 solcher Anweisungen kurz vor der Generalprobe.

3. Akt: Die Sängerin singt die Opernpremiere, wird gefeiert, die Produktion von der Presse verrissen. Der Advokat aber will mehr, er will den Minister einschalten. Ende offen. Ein lieto fine weit weg.

„Sitten und Unsitten der Leute vom Theater“ könnte dieser krude Opernplot heißen, aber den Untertitel hatte sich schon Donizetti gesichert. Die Darmstädter Rollen und ihre Darsteller: Der Opernintendant heißt John Dew. Sein Ehemann ist der Opernsänger Sven Ehrke, der schon im Dortmunder Ensemble sang, wo Dew zuvor Intendant war. Dew wollte im Sommer, dass Ehrke die Partie des Loge in Wagners „Rheingold“ übernimmt. Doch der Generalmusikdirektor mag dem nicht zustimmen, solange der Tenor nicht seine stimmlichen Probleme in den Griff bekommt. Der Intendant kontert (in einem Mail-Wechsel, der der FR vorliegt): Auch die Lucia sei eine Hauptrolle, und sie mit einer Gastsängerin zu besetzen sei Luxus. Er spielt dabei auf die Titelrolle in „Lucia di Lammermoor“ an, für die die Lebenspartnerin des Dirigenten, Alexandra Lubchansky, bereits öffentlich vorgestellt worden war.

Nachdem ihr Anwalt Ulrich Schwab mit einer Klage vor dem Arbeitsgericht gedroht hatte, bekam Lubchansky den Vertrag, sah sich aber – so Lubchansky und Schwab – schwerem Mobbing ausgesetzt. Sie durfte nicht bei den Proben mit der B-Besetzung zusehen, wurde zum Teil erst fünf Minuten vor eigenen Proben mit ausführlichen Regieanweisungen konfrontiert und schriftlich abgemahnt, als sie diese nicht mehr umsetzen konnte. Eine Liste mit fast 90 Anweisungen alleine für die zentrale Wahnsinnsarie erhielt sie erst am Vormittag der Generalprobe. Als Ziel dieser Nadelstiche vermutet Anwalt Schwab einen freiwilligen Rückzug der Sopranistin aus der Produktion. Schwab schaltete das Ministerium ein, auch den Ministerpräsidenten informierte er.

Staatstheater und Ministerium lehnen eine Stellungnahme ab mit Verweis auf interne Personalangelegenheiten. In einer internen Mail aus dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst heißt es aber, man sei „bereits intensiv tätig“ in dieser Angelegenheit. John Dew war nicht zu erreichen, er inszeniert derzeit in Chemnitz.

Autor:  Stefan Schickhaus
Datum:  11 | 11 | 2011
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