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Kultur
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27. April 2015

Stadtplanung: Erregungszustand ohne Dauer

 Von Werner Girgert
Die Ruine dürfte auch nach dem Kulturhauptstadtjahr zum festen Bestand von Mons zählen: Das ehemalige Kohlebergwerk der belgischen Stadt gehört zum Weltkultuerbe.  Foto: dpa

Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel: Das Kulturhauptstadtjahr hat sich als Impulsgeber für die Stadtentwicklung bislang kaum bewährt.

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Als publikumswirksame Leistungsschau mit hohem Potenzial zur Selbstinszenierung genießt das Kulturhauptstadtjahr bei Europas altindustriellen Städten großen Zuspruch. Wohl wissend, dass Aufmerksamkeit eine knappe Ressource ist und angesichts der allerorts beworbenen Fülle des historisch und kulturell Besonderen nur derjenige die Nase vorn behält, der mit Superlativen punkten kann, hat das professionalisierte Stadtmarketing das Mega-Event als probates Mittel entdeckt. Denn dort, wo Fabrikschornsteine und Fördertürme nur noch als Wahrzeichen des Stillstands dienen, richten lokale Wachstumskoalitionen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung ihre Hoffnungen auf Kultur als Katalysator für den lang ersehnten ökonomischen Wandel.

Vereint unter dem Motto „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ sind 2010 auch die Ruhrgebietsstädte diesem Konzept gefolgt. In diesem Jahr versucht sich die wallonische Provinzhauptstadt Mons daran, die seit den 1970er Jahren mit den Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs nach dem Ende des Kohlebergbaus kämpft und sich den Titel mit dem tschechischen Pilsen teilt.

Glasgow macht den Anfang

Unter der Hand hat die Kulturhauptstadtidee damit jedoch eine Neuinterpretation erfahren, die mit der Nominierung Glasgows im Jahr 1990 ihren Anfang nahm. 1985 aus der Taufe gehoben, um der europäischen Integration auf die Sprünge zu helfen, standen die Anfangsjahre des Großereignisses noch ganz im Zeichen der Hochkultur. Titelträger wie Athen, Florenz und Paris präsentierten sich als kulturelle Schwergewichte von unzweifelhaft europäischer Dimension.

Glasgow dagegen steht für die strategische Indienstnahme der Kultur als Impulsgeber für die Stadtentwicklung. Die sieche schottische Industriestadt, deren Schicksal bis dahin eher die Wirtschaftsnachrichten als die Feuilletons beschäftigte, wusste den Titel für den Image-Wandel zur Kulturmetropole zu nutzen. Aus der Steigerung des symbolischen Marktwertes, so kalkulierten die Protagonisten, sollte sich das nötige Kapital für den erfolgreichen Strukturwandel schlagen lassen. Bei den überflüssig gewordenen Arbeitskräften des fordistischen Zeitalters ist davon bis heute nicht viel angekommen. 30 Prozent der Haushalte in Glasgow sind noch immer von Arbeitslosigkeit betroffen.

Nichtsdestotrotz hat Glasgow zahlreiche Nachahmer gefunden, für die in der Regel weniger der kulturelle Beitrag zur europäischen Identitätsstiftung im Vordergrund stand, als die Ankurbelung des Tourismus, die Förderung von Kultur- und Kreativwirtschaft sowie der postindustrielle Stadtumbau. Und mittlerweile hat die „Kultur der Stadtentwicklung“ sogar Eingang in die offiziellen EU-Richtlinien für das Kulturhauptstadtjahr gefunden.

Mit der zunehmenden Konvergenz von Kultur und Ökonomie sind die kulturellen Großveranstaltungen jedoch zu hochgradig politisierten Projekten geworden. Nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Niedergangs sehen sich die lokalpolitisch Verantwortlichen unter Handlungsdruck. Sie brauchen vorzeigbare Projekte, mit denen sich zumindest bis zum nächsten Wahltermin Handlungsfähigkeit demonstrieren lässt. Der örtlichen Immobilienwirtschaft, die nach Jahren des krisenbedingten Bevölkerungsrückgangs und des damit verbundenen Leerstands nach steigenden Renditen lechzt, versprechen die Aufwertungs- und Revitalisierungsprozesse im Vorfeld des Kulturereignisses steigende Immobilienpreise. Und auch die Kulturschaffenden, die angesichts enger kommunaler Verteilungsspielräume mit den Sozialetats um die knappen Mittel konkurrieren, dürfen zumindest zeitlich befristet auf einen warmen Geldregen hoffen.
Doch der kulturelle Erregungszustand, auf den die Organisatoren setzen, lässt sich selten auf Dauer stellen. Ebenso wenig ist der wirtschaftliche Erfolg garantiert. Was von dem Spektakel für gewöhnlich bleibt, sind aufsehenerregende Museums- und Theaterbauten, zu Kreativquartieren umgewandelte Industrieareale und eilig vorangetriebene Infrastrukturprojekte.

Literatur zum Thema

Lasse Steiner, Bruno Frey, Simone Hotz: European Capitals of Culture and life satisfaction. In: Urban Studies, 2015, 52. Jg., H. 2, S. 374-394.

Beatriz Garcia, Tamsin Cox: Kulturhauptstädte Europas: Erfolgsstrategien und langfristige Auswirkungen, 2013.

Nachhaltige Beschäftigungseffekte für diejenigen, die am stärksten vom Abbau altindustrieller Arbeitsplätze betroffen sind, gingen auch für die Nachahmer des Glasgow-Modells vom Kulturhauptstadtjahr nicht aus. Selbst in der Kreativwirtschaft blieben die Effekte bescheiden, wie die Soziologinnen Beatriz Garcia und Tamsin Cox in einer umfangreichen Studie für das Europäische Parlament berichten. Die beiden Autorinnen konstatieren in erster Linie Image-Verbesserungen für die einzelnen Städte durch erhöhte Medienpräsenz und steigende Touristenzahlen.

Aber auch die Auswirkungen auf den Tourismus sind meist eher kurzlebig und konzentrieren sich im Wesentlichen auf den Anstieg der Besucher- und Übernachtungszahlen während des Veranstaltungsjahres. Darauf weisen die Wirtschaftswissenschaftler Lasse Steiner, Bruno Frey und Simone Hotz in der Zeitschrift „Urban Studies“ hin. Demnach fielen die Übernachtungszahlen schon im Jahr nach dem Großereignis wieder deutlich ab und lagen sogar um vier Prozent unter den Zahlen für die zwölf Monate vor dem jeweiligen Kulturhauptstadtjahr.

Hohe Kosten, wenig Ertrag

Angesichts der hohen Investitionen, bleibt die Bilanz am Ende eher mager, wie Steiner und seine Kollegen zeigen. So ließen sich die sparsamsten unter den 21 Städten, die zwischen 1995 und 2004 als Kulturhauptstadt firmierten, den begehrten Titel immerhin fast zehn Millionen Euro kosten, die spendableren mehr als 220 Millionen. Nur ein Drittel der untersuchten Städte hat das Jahr mit einem leichten finanziellen Plus abgeschlossen. Einem weiteren Drittel gelang es, kostendeckend zu arbeiten. Der Rest blieb auf einem Minus sitzen.

Finanziert wurde der Veranstaltungsreigen in erster Linie aus öffentlichen Kassen. Im Schnitt belief sich der Anteil aus staatlichen, regionalen und städtischen Mitteln zusammen auf 77,5 Prozent. Die EU als Hüterin der Kulturhauptstadtidee beteiligte sich mit lediglich 1,8 Prozent, und auch die privaten Geldgeber zeigten sich mit einem Anteil von 13 Prozent eher zurückhaltend.

Einen signifikanten Wachstumsschub des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf der Bevölkerung lösten die Investitionen nicht aus. Im Vergleich zu anderen europäischen Regionen, die nicht vom Kulturhauptstadtstatus profitierten, verzeichneten die Titelträger lediglich einen Vorsprung von 0,4 Prozent. Steiner und seine Mitautoren führen das auch auf Umlenkungseffekte zurück. Öffentliche Mittel, die sonst für andere Aufgaben verwendet werden, fließen stattdessen in den Bau von Museen, Theatern und anderen Infrastruktureinrichtungen.

Anders als die Bilder von massenwirksamen Veranstaltungen gerne suggerieren, stößt die ganzjährige Transformation des städtischen Raums in einen kulturellen Erlebnisparcours auch bei der betroffenen Bevölkerung nicht auf uneingeschränkte Begeisterung. Darauf deuten die Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit in den 21 Kulturhauptstädten hin. Das subjektive Wohlbefinden der Einwohner sank im Durchschnitt der untersuchten Städte im Kulturhauptstadtjahr im Vergleich zu den vier Jahren davor und den beiden Jahren danach auf einen Tiefpunkt.

Das mag daran liegen, so Steiner und Kollegen, dass im Unterschied zu den üblichen Besucherbefragungen bei Kulturveranstaltungen in der Untersuchung zur Lebenszufriedenheit auch diejenigen zu Wort kommen, die das Veranstaltungsangebot nicht nutzen konnten oder wollten, aber dennoch indirekt vom Kulturhauptstadtjahr betroffen waren. Sei es, dass die Bauarbeiten im Vorfeld zu Lärmbelästigungen oder Behinderungen auf dem Weg zur Arbeit führten, der Touristenandrang während des Ereignisses sich in überfüllten Verkehrsmitteln bemerkbar machte oder die erhofften Jobs ausblieben. Das schlägt in der individuellen Bilanz dann negativ zu Buche.

Hinzu kommt, dass die Kulturangebote trotz Partizipationsrhetorik und Bespaßungsprogrammen, mit denen die Organisatoren um breite Akzeptanz werben, oft in hohem Maße selektiv bleiben. Sie sprechen primär die Mittelschichten an. Während die knappen öffentlichen Mittel in die Kultur fließen, leiden die sozial Schwächsten gleichzeitig unter Einschnitten bei der sozialen Infrastruktur, steigenden Mieten und wachsender Polarisierung.

Dementsprechend zeigen sich die Bevölkerungsgruppen mit höherer Bildung im Kulturhauptstadtjahr deutlich zufriedener. Sie nutzen das größere Kulturangebot am intensivsten und werden, so vermuten die Autoren, gewissermaßen entschädigt für eventuelle Unannehmlichkeiten.

Dass die offiziellen Evaluierungen des Großereignisses, trotz der dürftigen Impulse für den erhofften Strukturwandel, in der Mehrzahl zu einem positiven Ergebnis kommen, darf jedoch nicht überraschen. Angesichts des hohen Einsatzes an öffentlichen Fördermitteln und der im Vorfeld geschürten Erwartungen ist der Erfolgsdruck auf die Stadtpolitik hoch. Ein nüchternes Urteil fällt da schwer. Denn wer gibt schon gerne zu, dass die Mittel nicht sonderlich sinnvoll verwendet wurden.

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