Es ist über 400 Jahre her, dass in Köln die Kupferstichsammlung "Civitates orbis terrarum" (Städte der Welt) erschien. Definitiv auf den Markt kam, wie es die Verantwortlichen, der Theologe und Herausgeber Georg Braun und sein Kupferstecher Franz Hogenberg, ausdrückten. Sie taten es aus naheliegenden Gründen, war es doch der Markt, der das frühneuzeitliche Ansehen wie überhaupt überzeitliche Image hatte, zum Urgestein des Urbanen zu zählen.
Mit dem sechsbändigen Werk, das von 1572 bis 1618 fortgesetzt wurde, belebten und bereicherten Braun und Hogenberg den Blick auf die Stadt. Sie belebten ihn, indem sie von einer Stadt das Städtische zeigten - also deren Gegensätze. Und sie bereicherten den Blickwinkel, indem sie den frühneuzeitlichen Horizont aufrissen bis ans Ende der damaligen Welt. Ihr Atlas schrieb eine beispielhafte Erfolgsgeschichte. Auch deshalb, weil Braun (1541 - 1622) sein Publikum zur Mitarbeit anregte.
"Städte der Welt" wird morgen in Frankfurt präsentiert. Stephan Füssel, der Herausgeber des Reprints, wird das Wunderwerk um 18 Uhr im Historischen Museum vorstellen. Der vollständige Nachdruck des legendären Kompendiums von Braun/Hogenberg ist soeben im Kölner Taschen Verlag erschienen. Großformat, 504 S., 363 Farbtafeln, sechseinhalb Kilo. 150 Euro.
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Stadtgeschichte in Bild und Ton
Einen Aufruf zu "interaktivem" Handeln nennt Stephan Füssel diese Aufforderung - und sie hatte bereits ein historisches Vorbild. Schon der große Sebastian Münster (1488 - 1552) hatte zu weiteren Vervollständigung seiner "Cosmographia" Bürgermeister und andere Stadtverantwortliche aufgefordert, Material in Wort und Bild zu liefern. Und so wurde es auch zu dem Projekt, das Braun in Angriff nahm, beigesteuert.
Braun, erfahren wir, war ein Meister des städteübergreifenden Networkings - so ungemein produktiv wie aus heutiger Perspektive hochlöblich. Denn unterm Strich ist der gegenwärtige Leser damals fixierter Herrlichkeiten nicht allein mit der hehren "Kunst des Städtelobs", sondern mit der merkantilen Strategie des "Stadtmarketings" konfrontiert, wie Stephan Füssel es ausdrückt. Es geschieht dies im Vorwort, das der Direktor des Instituts für Buchwissenschaften der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz als Herausgeber beigesteuert hat, mit all seiner Autorität, "Fülle und Perfektion" der Städteansichten einordnend, die "wegweisende Großtat Braun/Hogenbergs" würdigend.
363 Tafeln mit 564 Stadtansichten, und keine darunter, die nicht herrlich koloriert wäre, sind mit dem Nachdruck zustande gekommen, der wiederum zurückgeht auf einen Frankfurter Schatz. Denn die Reproduktion entstand nach einer ausgezeichnet erhaltenen Originalausgabe des Historischen Museums in Frankfurt am Main. Mit dem Werk (das auch im Nachdruck noch sechseinhalb Kilogramm wiegt) rückten Europa und Asien, Lateinamerika und Afrika zusammen. Zur Weltbeschreibung zählten die Hauptstadt von Peru und das von den Portugiesen mit Symbolen der Christenheit dekorierte Mombasa.
Reprint bedeutet für den heutigen Leser buchstäblich kritische Rekonstruktion. Das heißt, dass Kassel "die vornehmste Stadt Hessens ist". Dazu zählt, dass sich aus heutiger Sicht sogar das Kuriose streng kulturhistorisch begründen lässt. Denn es gilt für Berlin, dass der Lebensmittelpunkt der Markgrafen von Brandenburg noch vollkommen inexistent ist, während Bonn bereits eine "berühmte Stadt am Rhein oberhalb von Köln" darstellt.
Zum Besuch in diesem Stadtbuch gehört die Einsicht, dass die Hanse ihre Städte herrlich ebenmäßig der unbebauten Umwelt einschrieb. Es verbietet sich nicht der Gedanke, dass Stadtbaukunst als Konkurrenzunternehmen zu einem himmlischen Bauplan auftrat, und das gilt nicht allein für Jerusalem, das sich im Braun/Hogenberg gar vierseitig auffalten lässt. Zur unbedingten Zuverlässigkeit dieses Standardwerks der Stadtentwicklung gehört, dass es die Hauptstadt von Litauen zeigt und mit dem bevölkerungsreichen Wilna nichts anderes als den vormodernen Sprawl. Ratzeburg taucht wie eine Fata Morgana aus der Wasserwüste auf, während Mexiko-Stadt durch und durch pragmatisch einem Salzsee abgerungen wurde. Moskau? Was für eine uniform durchexerzierte Großstadtanlage!
Zum Repertoire gehörte, dass Hogenberg im Bildvordergrund immer wieder Staffagefiguren aufbaute. So sah und sieht der Betrachter die Stadt über deren Schultern hinweg, in einiger Entfernung, vielleicht ein, zwei Stunden fern, womöglich bereits eine Tagesreise nah. Als sollte das, was Mauern einfriedeten, schrittweise erobert werden. Manche Stadtansicht, die die strategische Bedeutung hervorhob, ob sie sich nun in der Belagerung von Tunis zeigte oder in der grell ausgemalten Türkengefahr, etwa vor Budapest. Gelegentlich ist die städtische Bedeutung auch aufs Soziale fixiert, wenn vor den Toren von Sevilla eine Ehebrecherin durch den Bildvordergrund getrieben wird. So lieblich manche Stadt topografisch gebettet wurde, so unsentimental-soziologisch war dieses oder jenes Detail in den Veduten vom Vorabend der Moderne.
Außerstädtischen Menschen, denen der Schlüssel zum Verständnis des Gesamtkunstwerks Stadt fehlt, wird man dieses Buch kaum nahebringen können. Anders geartete Zeitgenossen werden den Braun/Hogenberg auf ihre Weise nutzen, und sei es als Baedecker einer Altstadtsehnsucht. Der schillernde Rem Koolhaas, der schon viele Sätze gesagt hat, die man nicht wörtlich nehmen darf, schreibt im Grußwort: "Dieses Buch lässt sich unmöglich ohne ein tiefes Gefühl der Ehrfurcht und des Neids lesen."
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