Urbane Dichte war offenbar nichts, dem Johann Wolfgang von Goethe besonders viel abgewinnen konnte. Der „Osterspaziergang“ in seinem „Faust“ etwa beschreibt, wie der Bürger den widrigen innerstädtischen Wohn- und Lebensumständen zu entkommen sucht – und sei es in Dorfgasthäuser und Ausflugslokale: „Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,/ Aus Handwerks- und Gewerbe-Banden,/ Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,/ Aus der Straßen quetschender Enge,/ Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht,/ Sind sie alle ans Licht gebracht.“
Auch heute ist eine Antwort auf die Frage, wie dicht zu bauen sei, so ohne weiteres nicht zu haben. Zwar mag unsere kulturelle Disposition es nahe legen, von der Stadt ein gewisses Maß an funktioneller und baulicher Dichte zu erwarten. Aber unter den herrschenden Bedingungen erfüllt sich diese Vermutung nicht unbedingt. Der Markt scheint die ökonomische Verdichtungslogik allenfalls bei Bürostandorten im Citybereich mitzutragen, nicht aber beim Wohnen und anderen Nutzungen. Die Siedlungsflächen wachsen und wuchern unaufhörlich. Was wir vielfach wahrnehmen, ist eher Entdichtung und Verdünnung.
Maßvolle Verdichtung
Und Verhältnisse wie in Hongkong oder Manhattan – Hochhauspackungen ohne Ende! – wollen hierzulande ohnehin nur die wenigsten. Gleichwohl rangiert das Gebot einer maßvollen städtischen Verdichtung heute weit oben auf der Agenda, und zwar längst nicht nur in der Fachcommunity. Es gilt als ausgemacht, dass man den Prozess der Suburbanisierung aufhalten muss.
Jene zukunftsfrohe Utopie, die sich aus der Charta von Athen speiste und deren Ausdruck das Spinnennetz der Schnellverkehrsstraßen ist, die alle Großstädte Europas heute umgeben und zerschneiden, diagnostiziert man längst als den eigentlichen Totengräber aller Urbanität.
Keine Neuheit
Zurecht wird darauf hingewiesen, dass nur kompakte Siedlungen mit intelligent ausgelegten Versorgungskonzepten jene Einsparpotenziale und/oder Effizienzgewinne bieten, die unsere Gesellschaft absehbar braucht. Mag die Forderung nach höherer baulicher Dichte auch so nachvollziehbar wie aktuell sein, neu ist sie nicht. Schon vor fünfzig Jahren vermochte es der Schweizer Ökonom Edgar Salin, die deutsche Fachdebatte mit dem Terminus „Urbanität durch Dichte“ in diese Richtung zu trimmen. Euphorisch bediente man sich des Schlagworts, um die zuvor realisierten Planungen in Frage zu stellen – ohne indes damit eine Rückbesinnung auf die Kontinuität der europäischen Stadtentwicklung zu verbinden. Stattdessen „komprimierte“ man Großsiedlungen und formulierte Konzepte mit sehr hohen Dichten und Geschosszahlen, deren Ausgangspunkt die Tragfähigkeit für Gymnasien und konkurrenzfähige Geschäftszentren darstellte. Zudem setzten sich alsbald, bedingt durch die Ölkrise 1973, kurzfristige Krisenmanagement- und Planungstechniken mit räumlich und sachlich reduziertem Umfang durch. Märkisches Viertel, Langwasser, Neuperlach, Tenever: Die Reizarmut monofunktionaler, in zu kurzer Zeit hochgezogener und räumlich disparater Großstrukturen konnte man damit jedenfalls nicht beseitigen. An ihrer verkehrlichen Anbindung schien man jedes Interesse verloren zu haben, sobald die Wohnungen gebaut und bezogen waren. Und damit hatte sich der Begriff „Dichte“ für Jahrzehnte diskreditiert.
Renaissance der Dichte
Nun aber feiert er eine fulminante Renaissance. Ob im Kontext des „demografischen Wandels“ oder beim Stichwort „Nachhaltigkeit“: Ohne Kompaktheit ist augenscheinlich kein begrüßenswerter Städtebau mehr zu haben, in Frankfurt so wenig wie in Zürich oder München. In dieses Bild fügt sich auch die „Stadt der kurzen Wege“ – ein Leitbild, das bereits seit längerem prolongiert wird. Ihm zufolge sollen Bedingungen geschaffen werden, um die räumlichen Distanzen zwischen Wohnen, Arbeit, (Nah-) Versorgung, Dienstleistungen, Freizeit- und Bildungsorten zu verringern. Das Konzept setzt auf eine gewisse Massierung an Wohnraum sowie Multifunktionalität. „Heimisch sein“, Kleinteiligkeit, Durchmischung und eine Mindestdichte sind Parameter eines Quartiers, die fördernde Effekte auf die Einwohner haben und die dem Nebeneinander sozialer Schichten eine Chance geben.
"Die Stadt der kurzen Wege"
Es ist nicht zu übersehen, dass die „Stadt der kurzen Wege“ eine ausgesprochen suggestive Komponente hat, indem sie eine Erleichterung der täglichen Mobilität (durch schnelle Erreichbarkeit und gute Zugänglichkeit), das Erlebnis eines Freiheitsgefühls durch größere Autonomie (mehr verfügbare Zeit für andere Zwecke), positive Kommunikationschancen und letztlich gar eine vertraute, sichere Umgebung andeutet.
Doch die ökonomische Situation und der Zwang zu Flexibilität bei der Arbeitsplatzwahl erlauben es den Bürgern allenfalls zufällig, ihren Arbeitsplatz in Wohnortnähe zu finden. Kurze Wege beim Berufspendelverkehr sind daher meist illusorisch. Und dennoch: Wenn es gelingt, allein im Freizeit- und Einkaufsverkehr die Distanzen durch lokale Attraktivität gering zu halten, darf dies bereits als Erfolg gelten.
Grundsätzlich wird die Debatte über städtebauliche Dichte auch weiterhin von widersprüchlichen Anforderungen und dem Problem der Vergleichbarkeit unterschiedlicher Absichten geprägt sein, etwa der Frage, wie Infrastrukturfolgekosten mit Aufenthaltsqualität zu vergleichen sind, oder ob geringe CO2-Emissionen höhere Gesundheitsrisiken aufwiegen können. Deshalb wäre, zunächst und jeweils, ein angemessener Dichtebereich zu ermitteln, mit dem eine Annäherung an verschiedene – oft konfliktgeladene – Zielsetzungen möglich ist. Eine effiziente Siedlungsstruktur jedenfalls ist ohne Änderung unserer urbanen Lebensformen nicht zu haben; schließlich muss sie ja als Alltagskultur weithin gelebt werden.
Architektonische Strukturen so zu komprimieren, dass sie ein weiteres Ausufern der Städte in die Peripherie verhindern, dass sie zudem gestalterisch anspruchsvoll und gesellschaftlich akzeptiert sind: Dies wäre eine zeitgenössische Forderung an den Städtebau, die weniger banal ist, als sie zunächst klingt. Denn die Erweiterung von Nutzungspotenzialen im schon Bestehenden ist meist langatmig, kleinteilig und wenig spektakulär.
Dichte heißt nicht automatisch Qualität
Vor allem aber bedingt Dichte nicht automatisch eine stadträumliche Qualität. Wie man sich überhaupt damit auseinandersetzen muss, dass sie oftmals stigmatisiert, weil noch immer mit schlechten Wohn- und Arbeitsverhältnissen gleichgesetzt wird. Da mögen die quirligen Gründerzeitquartiere – ob in Schwabing, Charlottenburg, Altona oder im Westend – hoffentlich die rechte bildersprachliche Orientierung bieten.
Freilich bleibt festzuhalten: Erst mit überzeugenden qualitativen Ansätzen kann das planerische Bestreben zur Verdichtung produktiv werden. Nicht allgemein (verbindlich), sondern nur orts- und situationsspezifisch darf eine sinnhafte, angemessene und sozialverträgliche Dichte festgelegt werden. Ausgangspunkt und zentrale Komponente wäre die Res publica der Straßen und Plätze, also die Überlagerung von technischen Infrastruktur-Bausteinen einerseits und stadträumlichen Elementen andererseits.
Vorbild Barcelona
Barcelona ist der schlagende Beweis, wie ein tradiertes räumliches Ordnungsgerüst mit hoher baulicher Dichte auch unter heutigen Bedingungen funktioniert; es vermag unterschiedliche Modernisierungsansätze zu adaptieren, in offener und vielfältiger Weise zu organisieren. Selbst ein rigides Blockraster von gut 100 Metern Kantenlänge und dazwischen liegenden 20 Meter breiten Straßen ermöglicht bis heute eine individuelle Ausgestaltung der Parzellen und genügt Erfordernissen der Mobilität genauso wie des Freizeitverhaltens. Dass Dichte ein Indiz für soziale Nähe und Nutzungsmischung darstellt, scheint jedenfalls nicht nur ein Mythos zu sein.
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