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07. August 2015

Stasi DDR: Die blinden Argusaugen der Stasi

 Von 
wwDDR-Rentnerin am Grenzübergang Oberbaumbrücke, Berlin. Seit Herbst 1964 durften Rentner den Westen besuchen. Die Stasi beäugte zornig, was ihnen dort berichtet wurde.  Foto: epd

Ein Blick auf die DDR vor fünfzig Jahren. Im Jahr 1965 scheiterte der Versuch einer Reform von oben. Ein Blick in darüber nichts sagende Stasi-Berichte.

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Seit 2009 erscheint im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht die Reihe „Die DDR im Blick der Stasi – Die geheimen Berichte an die SED-Führung“. Herausgegeben wird sie von Daniela Münkel im Auftrag des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Den Hauptteil eines jeden nehmen ausgewählte Berichte aus dem jeweiligen Jahr ein, dazu kommen eine etwa 50-seitige Einleitung, die über es berichtet und ein Vorwort, das über die Reihe insgesamt aufklärt. Jedem der Bände liegt eine CD-ROM bei.

Auf ihr sind alle Stasiberichte des jeweiligen Jahres an das ZK zu lesen. Ein Jahr nach Erscheinen eines Bandes wird der jeweilige Jahrgang auch im Internet unter www.ddr-im-blick.de zugänglich gemacht. Bisher sind die Jahrgänge 1953, 1965, 1976, 1977 und 1988 erschienen. Im November soll der Band 1981 folgen.

Die Berichte wurden von 1953 bis 1989 dem Zentralkomitee vorgelegt. Nach dem Aufstand vom 17. Juni installierte der aus der Weimarer Republik aufstandserfahrene neue Chef der Staatssicherheit, Ernst Wollweber, im August 1953 ein Informationssystem, das solche „Pannen“ wie die Demonstrationen des Juni 1953 ausschließen sollte. Die Parteiführung, so die Idee, sollte nicht nur über Produktionsziffern, Planziele und die Abweichungen davon, sondern auch über die Stimmungen in der Bevölkerung regelmäßig informiert werden. Gerade letzteres führte zu Auseinandersetzungen in der Parteiführung. Wer hier lesen musste, dass von ihm befürwortete Maßnahmen für schlechte Stimmung in der Bevölkerung sorgten, der witterte – wohl nicht immer zu Unrecht – Angriffe des Stasi-Chefs gegen seine Arbeit.

Natürlich änderte sich das Berichtwesen im Laufe der 36 Jahre immer wieder. Mal gab es alle zwei Wochen Berichte, dann zwei Mal in der Woche, dann wieder seltener. Auch ihre Form wechselte. Es sind Debatten auch darüber dokumentiert. Über die Verlässlichkeit der Mitarbeiter, über ihre intellektuellen Möglichkeiten und über die richtige Darbietung für die Genossen des Zentralkomitees wurde immer wieder auch gestritten. Von 1957 bis 1989 war Erich Mielke Chef der Stasi. Er legte genauestens fest, wer vom ZK welche Informationen bekam. Nicht nur allgemeine Schemata und Kriterien, sondern immer wieder auch einzelne Informationen. Man muss sich das vor Augen halten, sonst könnte man leicht auf die Idee kommen, man habe es hier mit Daten zu tun, die gewissermaßen im Naturzustand, vor ihrer Schönfärbung durch die Parteiinstanzen, den ZK-Mitgliedern die Wirklichkeit der DDR zeigen sollten.

Zum Weiterlesen

Bernd Florath (Hrsg.): Die DDR im Blick der Stasi 1965. Die geheimen Berichte an die SED-Führung. Mit Datenbank auf CD-ROM. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014. 320 Seiten, 29,99 Euro.

Gunnar Decker: 1965 – Der kurze Sommer der DDR. Carl Hanser, München 2015. 493 Seiten, 26 Euro.

Was spielte sich im Jahre 1965 ab? Bernd Florath, der Herausgeber des Bandes, macht darauf aufmerksam, wie wenig von den großen Auseinandersetzungen dieses Jahres in den Berichten der Stasi an das ZK zu lesen ist. Seine Einleitung besteht zu einem Gutteil darin, diese Lücken zu füllen. Florath hilft dem Leser nicht nur, das Jahr 1965 besser zu verstehen, er beginnt auch zu begreifen, dass der Informationsdienst auch als Desinformationsdienst funktionierte.

Das hängt mit der Auseinandersetzung um Walter Ulbrichts „Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ zusammen. Es war ein Versuch, dem Markt eine größere Rolle in der sozialistischen Wirtschaft einzuräumen. Der sowjetische Ökonom Jewsei Grigorjewitsch Liberman hatte in jenen Jahren ähnliche Reformvorschläge gemacht. Ulbricht konnte sich mit den Vorstellungen seines Reformers Erich Apel nicht durchsetzen. Zumal als der mit den sowjetischen Brüdern aneinander geriet, weil die darauf bestanden, dass die DDR weiter aus der Sowjetunion Rohstoffe über Weltmarktpreisen ankaufen und die eigenen Industrieprodukte unter Weltmarktpreisen der Sowjetunion verkaufen sollten.

Von diesen Konflikten, die die DDR und den Comecon (den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) prägten, ist in den Stasi-Berichten an das ZK nicht die Rede. Stattdessen werden die Genossen zum Beispiel ausführlich darüber informiert, dass die nach Westberlin reisenden DDR-Rentner dort zu Stadtrundfahrten eingeladen werden. Diese, heißt es weiter, dienten, „in besonders gehässiger und verleumderischer Art und Weise gegen die DDR und ihre Grenzsicherungsorgane zu hetzen und die Rentner aufzufordern, sich für die Beseitigung der Mauer einzusetzen“.

Das ZK wurde auch beschäftigt mit dem Bericht über einen Brand auf dem Gehöft eines LPG-Vorsitzenden. Der Brand war durch den fahrlässigen Umgang mit Benzinkanistern zustande gekommen. Täter war der Sohn des LPG-Vorsitzenden. Dieser Bericht erscheint völlig sinnlos. Es sei denn, er wendet sich gegen eine frühere – hier nicht vorliegende Information –, dass es sich bei dem Brand um einen politisch motivierten Anschlag gegen den LPG-Vorsitzenden handelte. Davon ist allerdings nirgends die Rede.

„Willy, gib uns Waffen!“

Liest man auf der CD-ROM, dann fällt einem auf, dass Unglücksfälle in den Berichten eine große Rolle spielen. Vergleichbar mit ihrer Rolle in der westlichen Boulevardpresse. Im Januar 1965 wurden 25 Vorfälle für so wichtig betrachtet, dass die ZK-Mitglieder darüber zu informieren waren. Fünfzehn davon waren Brände oder Karambolagen. Politische und sei es noch so kleine Demonstrationen gibt es in diesem Zeitraum in der ganzen DDR nicht! Zehn Jugendliche wurden festgenommen, weil sie mit in den Wäldern gefundenen Schusswaffen gespielt hatten.

Ausführlich werden die ZK-Mitglieder auch über Weihnachtskarten informiert, auf denen zum Beispiel der im Oktober 1964 zurückgetretene Chruschtschow zu sehen ist. Unter seinem Porträt steht: „Ich komme wieder“. Nachrichten aus einer Idylle. Die schlimmsten Auseinandersetzungen, von denen im Band 1965 zu lesen ist, sind solche zwischen jugendlichen Rowdys und den Sicherheitsorganen. Es ist die systemübergreifende Unfähigkeit der älteren Generation, mit den Nachkriegskindern umzugehen. Die Berichte über zerschlagene Tribünen bei Rockkonzerten im Westen und die entsetzten Beschreibungen von der Lust auf Krawall bei der sozialistischen Jugend sind einander zum Verwechseln ähnlich.

Für die DDR-Behörden ergab sich daraus der Schluss, dass es sich bei den Jugendlichen um vom Klassenfeind im Westen angestachelte Elemente handeln musste. Im Westen dagegen rief man den langhaarigen Beatfreunden zu, sie sollten doch nach drüben gehen. Beide Seiten versuchten, ihre Jugend abzuschieben.

Die Jugendlichen, die bei Musikveranstaltungen in Dresden „Willy, gib uns Waffen!“, „Russen raus!“ gerufen und Detonationskörper gezündet hatten, erklärten in ihren Vernehmungen, sie hätten Freude an Krawall und wollten von den anderen für ihren Mut bewundert werden. Über sie heißt es dann überrascht im Bericht der Stasi: „Alle leisten eine gute berufliche Arbeit und sind an ihrer Weiterbildung interessiert. Alle sind in der Gewerkschaft und in der Freien Deutschen Jugend.“ Keine Gammler also.

Dazwischen auch im Juli wieder eine Zugentgleisung bei Löbau, ein Unfall bei Elsterwerda und fehlerhafte Fischkonserven in Rostock. Ein Staat, der für alles zuständig ist. Für die richtige Musik, den richtigen Film, die Fischkonserve, die Ernte, die Poesie und das Wetter... Man möchte nicht tauschen mit den in ihren Weltbeglückungsplänen eingefrorenen Herren des ZK. Das ist mehr, als irgendjemand kann. Da müssen die eigenen Idiosynkrasien einem bei allem, was man tut, im Wege stehen. Wie soll man als Endsechziger wissen, was ein 16-Jähriger will? Man weiß ja noch nicht einmal, was die Frau möchte, mit der man jetzt seit dreißig oder noch mehr Jahren zusammenlebt. Man kann allenfalls die anderen unterstützen bei ihrem Streben nach Glück. Wenn sie denn wissen oder wenigstens ahnen, was ihr Glück sein könnte. Man kann einem anderen nicht sagen, was sein Glück sei. Schon gar nicht einer ganzen Bevölkerung.

Kluge Analysen von Gunnar Decker

Über das, was 1965 die DDR wirklich beschäftigte und über das, was das Jahr 1965 für die DDR-Geschichte bedeutete, klärt ein Buch auf, das jeder lesen sollte, der einen Blick werfen möchte auf diesen vergangenen Staat und seine noch lange nicht vergangene Geschichte: „1965 – Der kurze Sommer der DDR“ von Gunnar Decker. Das Buch kulminiert im 11. Plenum des ZK der SED vom Dezember 1965, das Schluss macht mit den Träumen derer, die dachten, nun, nach dem Mauerbau, könne man „unter sich“, frei von Einwirkungen des Klassenfeindes, streiten um den richtigen Weg zum Sozialismus. Decker sieht Ökonomie, Politik und Kultur immer zusammen. Er sieht, wie Ulbrichts Gegner ihm die kritischen Literaten, Künstler und Filmemacher anbieten und wie er in die Falle geht.

Gunnar Decker zitiert den Erzähler und Kritiker Friedrich Dieckmann, der in den neunziger Jahren über die frühen 60er schrieb: „Es ist nicht anders: Ulbricht und Biermann ziehen an einem Strang, nur weiß Biermann das nicht.“ Da es Ulbricht auch nicht wusste, führte dieser Strang, so schön er hätte sein können, nirgendwohin. Honecker übernahm.

Zur Geschichte gehört, dass wir sie nicht kennen, wenn wir sie leben. Wer 1966 nach „Waffen für den Vietcong“ rief, der wusste nichts von den DDR-Jugendlichen, die Willy Brandt um Waffen baten. Hätte er das gewusst, er hätte es nicht verstanden. Jedenfalls ist ganz unwahrscheinlich, dass er in den Dresdner Jugendlichen von 1965 sein Spiegelbild erkannt und somit womöglich sich als ihr Spiegelbild erkannt hätte. Das geht erst Jahrzehnte später, wenn man sich aus dem Mustopf der Gegenwart hinausgestrampelt hat in eine Lage, die einem erlaubt, zusammenzusehen, was man unbedingt hatte auseinanderhalten wollen.

Dabei helfen kluge Analysen wie die von Gunnar Decker, aber auch die so offensichtlich mit Blindheit geschlagenen Argusaugen des allgegenwärtigen und doch völlig geistesabwesenden Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik.

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