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22. Juli 2009

Streit über Bundesverdienstkreuz: Die schrillste Fanfare

 Von Arno Widmann
Wer die streitbare Felicia Langer auszeichnet, weiß, was ihn erwartet.  Foto: Jens Wolf / ddp

Wer Felicia Langer auszeichnet, weiß, was ihn erwartet. Und wenn man der kompromisslosen Verteidigerin der Palästinenserrechte das Bundesverdienstkreuz gibt, muss man sich ihre Argumente anhören. Von Arno Widmann

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Ralph Giordano nennt Felicia Langer die "schrillste Anti-Israel-Fanfare in Deutschland". Der Superlativ ist sicher falsch. Aber Felicia Langer hat die letzten fünfzig Jahre keine Gelegenheit ausgelassen, die Politik des Staates Israel zu kritisieren. Mit der ihr zur Verfügung stehenden Lautstärke und in eben jener schrillen Tonlage, die sie - da hat Ralph Giordano völlig Recht - so gerne einsetzt.

Felicia-Amalia Langer wurde 1930 in Polen geboren. 1939 floh sie mit ihren Eltern vor der deutschen Invasion in die Sowjetunion. 1949 heiratete sie Mieciu Langer und wanderte im Jahr darauf aus nach Israel. Sie studierte Rechtswissenschaften und eröffnete eine Kanzlei. Seit dem Sechstagekrieg 1967 begann sie, sich für die Palästinenser einzusetzen. Sie wurde Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Israels, aus der sie Anfang der 90er Jahre wieder austrat. Das Angebot der Bremer Universität für einen Lehrauftrag nahm sie an und zog nach Deutschland. Heute lebt sie in Tübingen.

Am 16. Juli erhielt sie "für ihren Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern sowie für die Wahrung der Menschenrechte" das Bundesverdienstkreuz I. Klasse. Der Schriftsteller Ralph Giordano - unter anderen "Die Bertinis" und "Die Erinnerungen eines Davongekommenen" - forderte daraufhin, ihr das Bundesverdienstkreuz abzuerkennen. Sonst werde er seines zurückgeben. Die gleiche Forderung stellte auch Arno Lustiger. Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nannte sie - so die Jerusalem Post - eine "militante und fanatische Israel-Hasserin". Das American Jewish Committee zeigte sich bestürzt und forderte den Bundespräsidenten auf, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken.

Man wird fragen dürfen, warum es ein Bundesverdienstkreuz gibt für die Verständigung zwischen Juden und Palästinensern. Es mag ein schöner Zug sein, dass Deutschland nicht nur Verdienste um Deutschland honoriert, aber ob es unbedingt klug ist, sich nun gerade auf Ordensebene auf das verminte Gelände der israelisch-palästinensischen Verständigungsbemühungen zu begeben, darf bezweifelt werden. Das gilt schon, bevor man den konkreten Fall betrachtet.

Felicia Langer aber ist seit Jahren eine der umstrittensten Figuren der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit. Sie ist bekannt als energische, kompromisslose Verteidigerin der Rechte der Palästinenser. Schon vor vielen Jahren warf ihr zum Beispiel Ralph Giordano völlige Blindheit gegenüber den israelischen Interessen vor. Wer Felicia Langer auszeichnet, weiß, was ihn erwartet. Die Reaktionen von Giordano und Lustiger kamen nicht überraschend. Es waren voraussehbare Reflexe. Man kann sich nicht vorstellen, dass der Bundespräsident, dass nicht wenigstens sein Amt mit eben diesen Reaktionen gerechnet hatte. Anderseits will man sich genau das nicht vorstellen.

Würde Felicia Langer jetzt das Bundesverdienstkreuz aberkannt, gälte Asterix- "Die spinnen, die Römer" fürs Bundespräsidialamt. Behielte sie es, gälte es nicht minder. Die Lage ist vertrackt. Überflüssigerweise. Man hätte Frau Langer das Bundesverdienstkreuz einfach nicht geben müssen. Sie wäre nicht beschädigt worden und das Bundespräsidialamt auch nicht. Das alles sind Fragen der Diplomatie, wenn man will auch des Anstands. Mit der Arbeit von Felicia Langer haben sie nichts zu tun. Sie sagen auch nichts darüber aus, ob sich Frau Langer verdient gemacht hat um die israelisch-palästinensischen Verständigungsbemühungen oder nicht.

Hier müssen die Ansichten auseinandergehen. Wer bereit ist, über der Gründung des Staates Israel die Vertreibung der Palästinenser zu vergessen, wer die Ausbreitung des Staates Israel in den letzten 60 Jahren als notwendig zu dessen Selbsterhaltung oder gar als Rückkehr ins angestammte Gebiet betrachtet, der wird die aktuelle Lage anders beurteilen als jemand, für den die Entstehung des Staates Israel ein Stück europäischer Kolonialgeschichte ist und dessen Ausbreitung - durch alle israelischen Regierungen hindurch - nichts ist als nahöstliche Machtpolitik.

Felicia Langer das Bundesverdienstkreuz zu geben, heißt: diesem zweiten Blick auf die israelische Geschichte einen Preis zu geben. Und das in einer Öffentlichkeit, die größte Schwierigkeiten hat, ihn auch nur zuzulassen. Zulassen wird sie ihn freilich müssen. Ohne ihn zu akzeptieren, gibt es keine Verhandlungen. Nicht in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit und schon gar nicht in der israelischen.

Wir täten aber gut daran, dieses Argument nicht nur rein taktisch, sondern auch ernst zu nehmen. Was spricht dafür, dass die Juden, die 1949 den jüdischen Staat gründeten, die Kindeskindeskinder derjenigen waren, die im Jahre 49 das Heilige Land verließen. Und selbst wenn? Gibt einem das das Recht, 1900 Jahre später zu sagen: Hier bin ich wieder. Das ist mein Land. Wer bisher hier gewohnt hat, hat zu gehen? Und selbst wenn - gibt einem das das Recht, dieses Land Jahr um Jahr zu erweitern? Immer neue Bewohner zu vertreiben?

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