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27. Januar 2012

Studie über NS-Zeit: Als das Charisma verflogen war

 Von Harry Nutt
„Siegen oder Sibirien “: Durchhalte-Parole der Nazi-Propaganda an einer Hauswand in Berlin Anfang 1945.  Foto: dpa

Ian Kershaw fragt nach dem Warum des unerbittlichen deutschen Gehorsams bis zum letzten Moment der NS-Diktatur. Seine Studie über "Das Ende" des Kampfs der Deutschen ist nüchtern - und überwältigend.

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Das ganze Ausmaß der äußeren und inneren Verwüstungen, die der Nationalsozialismus angerichtet hat, zeigt sich nicht zuletzt in der Geschichte des 19-jährigen Theologiestudenten Robert Limpert. Als amerikanische Truppen am 18. April 1945 vor der fränkischen Stadt Ansbach stehen, entschließt er sich zu einem Sabotageakt auf Kommunikationsanlagen, um einen zerstörerischen Kampf um die Stadt zu verhindern. Doch Limperts Intervention scheitert. Er wird entdeckt und in einem nur wenige Minuten dauernden Prozess zum Tode verurteilt. Einmal kann er sich losreißen und fliehen. Doch er wird wieder eingefangen, halb zu Tode geprügelt und aufgehängt. Sein Martyrium ist damit nicht zu Ende. Der Strick reißt, doch nun fehlt ihm zur Flucht die Kraft. So knüpft man ihn noch einmal auf, und er findet schließlich den Tod. Niemand der Umstehenden hat geholfen. Keiner, der den Irrsinn dieses mörderischen Tuns erkannt und eine Ahnung davon gehabt hätte, dass das Tausendjährige Reich bald zu Ende sein würde. Kurz darauf ereilt die Vollstrecker des Urteils aber doch so etwas wie Realitätssinn. Vor den einrückenden Amerikanern suchen sie rasch das Weite.

Warum dieser unerbittliche Gehorsam bis zuletzt?, fragt der britische Historiker Ian Kershaw in seiner ebenso nüchternen wie überwältigenden Studie über „Das Ende“, den Kampf bis in den Untergang im NS-Deutschland 1944/45. Der Zeitrahmen ist klar abgesteckt. Am 6. Juni 1944 waren die Alliierten am so genannten D-Day in der Normandie gelandet, Mitte Juli hatten sie weitgehend Fuß gefasst. Nahezu zeitgleich starteten die Generäle um Stauffenberg ihre Operation Walküre, doch das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 scheiterte. In der Dramaturgie des Untergangs mobilisierte dieser Fehlschlag neue Kräfte, befeuert von einer Forcierung der Propaganda durch Joseph Goebbels.

Vor dem Hintergrund seiner Frage nach der aufgeschobenen Kapitulation der Deutschen rekonstruiert Kershaw eine minutiöse Chronologie der Ereignisse. Gelegenheiten zur Aufgabe hätte es gegeben, mehr als einmal. Doch das Handeln wider die Vernunft, insbesondere auch die militärische, richtete schlimme Verheerungen an und kostete Millionen Menschen das Leben. Kershaw ist nicht auf einfache Antworten aus, sondern entfaltet eine Argumentationskette, in der Vieles mit Vielem zusammenhängt. Ein wichtiger Bestandteil ist die Architektur der Macht.

Noch im allmählichen Rückzug erweist sich Hitler als durchtriebener Stratege, der unter sich ein Quadrumvirat erhält, das sich gegenseitig belauert. Bormann, Himmler, Goebbels und Speer werden zu den zentralen Akteuren der letzten Monate des Dritten Reichs, jeder mit eigenen Befugnissen und Machtoptionen ausgestattet und stets darauf bedacht, bei den tektonischen Verschiebungen nicht den Überblick zu verlieren. Das Attentat auf Hitler nahmen sie zum Anlass für tiefe Einschnitte in die Macht der Generäle. So sehr der charismatische Zauber Hitlers verflogen war, so stabil blieben doch die Säulen des Regimes von Partei bis Propaganda. Trotz der zunehmend katastrophalen militärischen Lage blieben die Organisationsstrukturen in Takt.

„Die Einstellungen wurden angepasst“, schreibt Kershaw. „Hitler selbst hatte sich verändert. Sein Verfolgungswahn war unterschwellig immer präsent gewesen. Nun kannte er keine Grenzen. Überall witterte Hitler Verrat. Verrat lieferte ihm die Erklärung für militärisches Versagen und für alle Spuren von Erscheinungen bei Menschen seiner Umgebung, die er als Schwäche auslegte. Das enthob seine narzisstische Persönlichkeit jeder Notwendigkeit, sich Gedanken über den eigenen Anteil an der Katastrophe zu machen.“

Die Stärke von Kershaws Buch besteht nicht allein in der stets mitlaufenden Aufmerksamkeit für psychologische Prozesse. Ruhig und bedächtig breitet er sein Material aus, zu dem in großer Zahl auch Tagebucheinträge einfacher Menschen gehören, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen. Einfach ist hingegen sein zupackender Stil. Sein Gespür für erzählerische Dramaturgie geht nie zu Lasten der Fakten. Und er besitzt großen Sinn für Differenzierungen. „Ebenso wie bei den Soldaten an der Front variierte die Einstellung einfacher Bürger zum Krieg und zum Regime erheblich. Ungeachtet der zehnjährigen nationalsozialistischen Herrschaft war das Deutsche Reich unter dem Firnis der Uniformität in mancher Hinsicht immer noch eine pluralistische Gesellschaft. Überzeugungen, die ein fest verwurzeltes Produkt früherer sozialistischer und kommunistischer Subkulturen waren, konnten nicht offen geäußert werden. Doch sie waren nicht ausgelöscht, sondern wurden nur unterdrückt.“

Während Hitler die militärische Wirklichkeit nur noch partiell wahrnahm, kam die Rote Armee von Osten her unaufhaltsam voran. In der Geschichte der Eroberung Ostpreußens nimmt das kleine Örtchen Nemmersdorf eine emblematische Rolle ein. Am Morgen des 21. Oktober war die Rote Armee in das Dorf eingerückt und ging dabei brutal gegen die Zivilbevölkerung vor. „Die sowjetische Propaganda“, schreibt Kershaw, „ermutigte sie ausdrücklich zu drastischer Vergeltung. ,Übt unbarmherzige Rache an den faschistischen Kindermördern und Henkern, zahlt ihnen für das Blut und die Tränen sowjetischer Mütter und Kinder heim’, hieß es in einer typischen Proklamation vom Oktober 1944.“ Das Massaker von Nemmersdorf stand fortan für Brandschatzungen und Vergewaltigungen durch die Truppen der Roten Armee und schürte neuen Widerstandsgeist. „Was immer auch passiert war: Goebbels erkannte sofort, welches Geschenk ihm da in die Hände gefallen war“, und so wurde Nemmersdorf zu einem wichtigen Rädchen für die Radikalisierung der Endkampfpropaganda.

Kershaw ist vorsichtig in der Deutung solcher Ereignisse und souverän in der Akzentuierung seiner Überlegungen. Ganz nebenbei führt er auf eindrucksvolle Weise aus, dass es keiner gesonderten Erzählung über das Leid der Deutschen bei ihrer Flucht und Vertreibung bedarf. Kershaw blendet dieses Leid nicht aus. „Das Ende“ ist vielmehr eine integrale Geschichte der letzten Monate des Dritten Reiches, in der Flucht und Vertreibung ganz unmittelbar zur Kernerzählung der deutschen Kriegs- und Expansionsstrategien gehören. Für Relativierungen und geschichtspolitisches Lavieren ist in dieser spannenden und erhellenden Studie über den Untergang kein Platz.

Und selbst in den schwärzesten Stunden nicht enden wollender Qualen, das verraten Tagebuch-einträge, aus denen Kershaw zitiert, ist der vielfach aufscheinende Fatalismus begleitet von der Hoffnung auf ein neues Europa, auf das man sich ausrichten kann, wenn alles vorbei ist.

Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. Aus dem Englischen von Klaus Binder, Bernd Leineweber und Martin Pfeiffer. DVA, München 2011. 703 Seiten. 29,99 Euro.

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