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18. Mai 2010

Südafrikanische Regisseure im Gespräch: Die Vergangenheit, die niemals endet

Die südafrikanischen Theaterregisseure Brett Bailey (links) und Paul Grootboom. Foto: dpa/Rolf C. Hemke

Die südafrikanischen Theaterregisseure Brett Bailey und Paul Grootboom im Gespräch mit der FR darüber, dass Rassismus und die gesellschaftliche Spaltung nach Hautfarbe heute noch Alltag in ihrem Land ist.

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Zur Sache

Paul Grootboom und Brett Bailey sind die beiden gefeierten Protagonisten des jungen südafrikanischen Theaters. Obwohl der junge schwarze Regisseur und Autor aus Pretoria und der weiße Theatergrenzgänger aus Kapstadt sich gut kennen, haben sie noch nie gemeinsam ein Interview gegeben.

"Welcome to Rocksburg", Grootbooms verspielter Krimicomic vom Staatstheater Pretoria, gastiert am 5. und 6. Juli bei "Theater der Welt" in Mülheim und Essen (www.theaterderwelt.de).

Brett Baileys Installation "Exhibit A - Deutsch-Südwestafrika" ist noch bis 23.5. bei den Wiener Festwochen und vom 3. bis 6. Juni bei den Braunschweiger "Theaterformen" zu sehen (www.theaterformen.de).

Am 10. Juni erscheint das Buch "Theater südlich der Sahara", herausgegeben von Rolf C. Hemke, das Portraits von Grootboom und Bailey enthält, im Berliner Verlag Theater der Zeit (www.theaterderzeit.de).

Wie ist die aktuelle Stimmung in Südafrika - jenseits der Fußball-WM?

Bailey: Im letzten halben Jahr sind die rassischen Spannungen in Südafrika übergekocht. Die Ermordung des Rechtsextremisten und Apartheidbefürworters Eugene Terreblanche und die populistischen Reden von Julius Malema, dem Vorsitzenden der Jugendorganisation des ANC, haben die Situation auf die Spitze getrieben. Viele hatten plötzlich das Gefühl, dass die Explosion unmittelbar bevorstünde

Grootboom: Diese aufgeladene Stimmung ist Resultat eines alltäglich gärenden Rassismus. Solche Probleme treffen auch mich in meinem Arbeitsalltag. In den Augen einiger Mitarbeiter am Staatstheater Pretoria bin ich einfach der Junge aus den Townships. Mir haftet automatisch das Klischee der schlechteren Ausbildung und folglich auch geringerer Fähigkeiten an. Man muss sich dazu nur vergegenwärtigen, welche Vergangenheit das Staatstheater als zentraler Tempel des Apartheidtheaters hatte. Das ist heute noch überall spürbar. Zum Beispiel gibt es noch zahlreiche alte, unkündbar beschäftige Theatertechniker aus dieser Zeit. Das sind natürlich nicht unbedingt Rassisten, aber die verhalten sich uns gegenüber anders als gegenüber weißen Regisseuren. Ob die das wollen oder nicht - das ist so in denen drin. Das macht es oft sehr, sehr schwierig, hier zu arbeiten.

Wie gehen Sie damit um?

Grootboom: Man spricht es an. Aber was ändert es? Als Schwarzer hast du hier einfach nicht die gleichen Möglichkeiten wie als Weißer. Das ist natürlich dieser Vergangenheit geschuldet, die niemals geendet hat. Deshalb habe ich auch echt Probleme damit, wenn meine Produktionen unter dem Label "Staatstheater Pretoria" hier im Lande oder in Übersee gastieren. Ich habe dann immer das Gefühl, dass mein Name und meine Identität mit dem Namen und der Geschichte dieses Hauses verknüpft werden. Das will ich eigentlich nicht.

Bailey: Theater in Südafrika ist bis heute größtenteils Unterhaltung für die weiße Mittelklasse und insoweit Teil einer gesellschaftlichen Polarisierung. Wie sollten sich Künstler davon frei machen? Vergangenheit und Gegenwart sind Teil von uns. Das drückt sich in unserer Kunst aus genauso wie im Verhalten jedes Einzelnen.

Grootboom: Genau das thematisiere ich in meinem Aufführungen. Auch wenn man sich dann leicht selbst dem Rassismusvorwurf aussetzt.

Welche Bedeutung hat dieses Klima in Ihrer Arbeit mit Schauspielern anderer Hautfarbe?

Grootboom: Das ist immer noch ein Politikum. Nehmen Sie die Geschehnisse rund um meine Produktion "Interracial" aus 2007. Das Stück war von mir für eine gemischtrassige Besetzung geschrieben, aber ich konnte dafür keine weißen Schauspieler in Südafrika finden. Das empfand ich als sehr seltsam. Ich habe natürlich im Vorfeld viel mit weißen Schauspielern gesprochen, aber es gab immer wieder Vorbehalte. Jedenfalls mussten meine Schauspieler schließlich auch die Rollen der Weißen spielen. Für das Ende des Stückes habe ich dann einen Monolog geschrieben, in dem sich der Regisseur des Stücks frustriert über die Situation im neuen Südafrika zeigt, weil er keine weißen Schauspieler finden kann. In diesem Monolog hieß es dann "fuck the whites".

Und wie waren die Reaktionen?

Grootboom: Die meinten, das sei eine Hasstirade. Aber eigentlich war es nur eine deftige Beschreibung der Situation zwischen den Menschen in diesem Land. Seitdem bin ich aus dem offiziellen Programm des "National Arts Festival" von Grahamstown ausgeschlossen. Man wirft mir bis heute Rassismus gegenüber weißen Südafrikanern vor, und zahlreiche Kritiker boykottieren mich immer noch. Wenn man über so etwas länger nachdenkt, kann einen das schon verbittern.

Setzen Sie sich in Ihren Arbeiten auch mit Fragen des Rassismus auseinander, Herr Bailey?

Bailey: Natürlich. Ich bin in den letzten Jahren sehr auf den Geschmack ortsspezifischer Installationen gekommen. Ich setze mich stark mit der Dynamik, der Politik, der spezifischen Bedeutung eines Ortes auseinander. Letztes Jahr im Juli habe ich beim Festival in Grahamstown ein Projekt realisiert, "Blutdiamanten (Endstation)", das unter die Haut der örtlichen Gesellschaft ging, die sehr polarisiert ist. Auf der einen Seite des Flusses, der die Stadt durchfließt, wohnen die wohlhabenden Weißen, und auf der anderen Seite sind die bitter armen Townships. Ich habe mich in diesem Projekt mit den historischen Gründen für diesen Zustand und mit dieser eigentümlichen Stadtgeographie auseinander gesetzt.

Ihre aktuelle Arbeit ist nun in Österreich und Deutschland entstanden.

Bailey: Das Projekt für die Wiener Festwochen und die Braunschweiger Theaterformen heißt "Exhibit A - Deutsch-Südwestafrika". Ich versuche darin sehr divergente Themen miteinander zu verbinden: Die deutsche Kolonisation von Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, die in den Genozid der Herero und Nama mündete, bei dem zwischen 1904 und 1908 mehr als 70000 Menschen ermordet wurden. Das Projekt hat aber auch die Geschichte des Rassismus in Mitteleuropa zum Gegenstand. Ich thematisiere die Menschenausstellungen, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts vielfach in mitteleuropäischen Völkerkundemuseen stattgefunden haben. Darin wurden Menschen aus kolonisierten Gebieten als Wilde und Barbaren ausgestellt. Ebenso setze ich mich aber zum Beispiel mit dem Schicksal eines nigerianischen Asylbewerbers auseinander, der 1999 von der Wiener Polizei getötet wurde.

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