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Suhrkamp: Letzte Offerte

Es ist ein Angebot in letzter Minute - und keiner weiß, ob es noch hilft. Von Claus-Jürgen Göpfert

Es ist ein Angebot in letzter Minute - und keiner weiß, ob es noch hilft. Als am Mittwoch Nachmittag in Frankfurt die Gesellschafter des Suhrkamp-Verlages zusammenkommen, um den Umzug nach Berlin zu beraten, liegt eine umfangreiche Offerte der Stadt Frankfurt auf dem Tisch. Anfangs hatten Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) und ihr Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) noch gezögert, sich gleichsam auf das moralische Niveau der Bundeshauptstadt herabzulassen. "Bei 60 Milliarden Euro Schulden gibt es keine Schamgrenzen mehr", hatte Semmelroth verächtlich erklärt, als Berlins "freundliche Einladung" bekannt geworden war.

Inzwischen hat Frankfurt gelernt, dass es um seine kulturellen Institutionen kämpfen muss. So sind eben die Zeiten: Man darf sich nicht zieren. Und so bietet die Stadt Suhrkamp nicht weniger an als den traditionellen Sitz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels am Großen Hirschgraben im Stadtzentrum. Das Gebäude dort, in dem auch der Vorsteher des Börsenvereins, Gottfried Honnefelder, sein Büro hat, stammt zwar aus den 50er Jahren und ist reichlich heruntergekommen. Aber es gehört zum großen Teil der Stadt. Die würde es sanieren und dann Suhrkamp überlassen, so ist aus dem Römer zu hören.

Das wäre ein Geschenk allererster Güte. Freilich eines mit Pferdefuß: Der Börsenverein zieht frühestens in zweieinhalb bis drei Jahren in seine neue Zentrale an der "Kulturmeile Braubachstraße" in der Frankfurter Altstadt um - auch dort übrigens in ein städtisches Gebäude.

Der Suhrkamp-Verlag habe die Offerte denn auch misstrauisch beäugt, heißt es im Rathaus - eben weil sie nicht sofort wirksam werden könnte. Fast verzweifelt verweisen sie im Römer darauf, dass Suhrkamp dann eben für die Zwischenzeit in einem anderen schmucken Bürohaus untergebracht werden könne - alles plötzlich kein Problem mehr.

Doch damit nicht genug. Bei den Gesprächen mit Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz schlugen die Frankfurter Politiker allen Ernstes auch vor, dem Verlag die alte Villa Siegfried Unselds an der Klettenbergstraße im Holzhausenviertel abzukaufen, sie wunderschön zu sanieren - und dann wieder an Suhrkamp zurück zu vermieten. "Dann könnten sie dort weiter ihre Empfänge zur Buchmesse veranstalten", heißt es hoffnungsfroh im Römer. Man sieht: Die Stadt tut wirklich alles, um das Ende der berühmten Suhrkamp-Kultur in Frankfurt hinauszuzögern. Doch wird das noch etwas bewirken? Am Mittwoch Nachmittag scheint es, als kämen die Offerten einfach zu spät.

Auf dem Verhandlungstisch der Anteilseigner soll nämlich noch ein Angebot liegen: Eines an Joachim Unseld, den Sohn des 2002 gestorbenen Verlegers Siegfried Unseld. Joachim Unseld hält 20 Prozent der Suhrkamp-Anteile. Und für einen Umzug nach Berlin bräuchte es auch seine Zustimmung. Und deshalb, so die Botschaft vor dem Beginn der Sitzung, könnte Unseld ausbezahlt werden. Angeblich käme ihm eine größere Summe sehr zupass - führt er doch mit der Frankfurter Verlagsanstalt sein eigenes Buchunternehmen, das finanziert werden muss.

Währenddessen verfolgen die 160 Beschäftigten des Suhrkamp-Verlages - etliche von ihnen sind seit Jahrzehnten dabei - staunend, verbittert, fassungslos das Ringen um ihr traditionsreiches Haus. Wolfgang Schneider, dem Vorsitzenden des Betriebsrates, ist es nach eigenen Worten bisher noch immer nicht gelungen, einen Gesprächstermin bei der Verlegerin zu bekommen.

"Sollte der Umzug beschlossen werden, dann werden wir mit allen juristischen Mitteln gegen diesen Beschluss vorgehen", kündigt Schneider trotzig an. Schließlich sei den Mitarbeitern sogar das minimale Recht der Anhörung verweigert worden.

Wie das alles zur emanzipatorischen, linken Suhrkamp-Kultur passt - über diese Frage kann mancher Lektor im Stammsitz im Frankfurter Westend nicht einmal mehr bitter lachen. Längst heißt es, es gehöre offenbar zum Kalkül, einen großen Teil der alten Belegschaft in Frankfurt zurück zu lassen. Damit wäre dann die Nachkriegs-Ära Siegfried Unselds für alle sichtbar und endgültig abgeschlossen.

Und ein neues Haus Suhrkamp könnte in der Bundeshauptstadt mit vielen neuen Mitarbeitern ein neues Kapitel beginnen. Frankfurter Schule, Suhrkamp-Kultur - alles perdu? Im Jahr 2009, fast sechs Jahrzehnte nach der Nachkriegs-Gründung, scheint den Suhrkamp-Eignern dieser Verlust nicht mehr schwer zu wiegen.

Autor:  CLAUS-JÜRGEN GÖPFERT
Datum:  5 | 2 | 2009
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