Wahrscheinlich musste es so enden. Mit all den Emotionen, die jetzt hochkochen. Nach einer jahrelangen Vorgeschichte, in der Hass und Verzweiflung vor allem auf einer Seite spürbar sind. Joachim Unseld, der Sohn des 2002 verstorbenen Verleger-Übervaters Siegfried, zieht vor Gericht. Gegen Suhrkamp, den Verlag, an dem er selbst noch mit 20 Prozent beteiligt ist. Um den Umzug des Traditionshauses nach Berlin zu verhindern.
Um das zu verstehen, muss man wahrscheinlich zu einer Ur-Szene zurückblenden: Zu diesem Nachmittag vor etlichen Jahren in der alten Unseld-Villa im eleganten Frankfurter Holzhausenviertel. Zu der Stunde, in der Joachim von seinem Vater erfuhr, dass er nicht der Erbe des Hauses Suhrkamp sein werde. Zu der Minute, in der eine vermeintlich strahlende Zukunft plötzlich erlosch.
Auch ohne diese Urszene wäre Suhrkamp wahrscheinlich noch immer der deutsche Verlag, der in seiner Geschichte wie kein anderergeradezu bühnenreife Szenen birgt. Auch heute noch, da die große Vergangenheit des Hauses - Frankfurter Schule! - eben Vergangenheit ist.
Man höre nur Thomas Sparr, den Geschäftsführer und stellvertretenden Verleger von heute. Den Berliner Sparr, dem der Umzug in die Bundeshauptstadt eine Herzensangelegenheit ist. Sparr ist soweit, dass er den Namen Joachim Unseld nicht mehr in den Mund nimmt. Er kommentiert die Klage so: "Ich werde Handlungen dieses Mannes nicht kommentieren!"
Und Sparr, der gerade in seinem geliebten Berlin unterwegs ist, als ihn die Nachricht ereilt, fügt noch hinzu: "Es ist unter der Würde des Hauses und unter meiner Würde, zu den Absichtserklärungen dieses Mannes Stellung zu beziehen".
Was könnte ein talentierter Regisseur aus diesem Text-Material formen! Selbst wenn sich der dramatische Widerpart verweigert: Joachim Unseld ist, wie es in seinem Haus, der Frankfurter Verlagsanstalt, heißt, verreist. Wunderbar.
Monatelang haben die Gesellschafter nun in immer neuen Treffen um die Zukunft von Suhrkamp gerungen: Da ist die Familienstiftung mit ihren knapp über 50 Prozent, gehalten von Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz. Da ist die Schweizer Medienholding Winterthur mit ihren 29 Prozent der Anteile - sie stimmt dem Neuanfang in der Bundeshauptstadt zu. Und da ist eben der Sohn und Störenfried Joachim mit seinen 20 Prozent.
Sind die Umzugspläne nun mit der Klage des Erben erst einmal gestoppt? Immer wieder wird kolportiert, zum Eintrag des neuen Suhrkamp-Verlages in das Berliner Handelsregister bis zum 1. Januar 2010 sei auch die Zustimmung des kleinsten Gesellschafters notwendig. Von dieser Konstellation gehen zum Beispiel der Betriebsrat und die Dienstleistungsgewerkschaft verdi aus.
Thomas Sparr hält sich mit solchen unschönen juristischen Feinheiten nicht auf. Er deklamiert statt dessen seinen Satz "Wir werden umziehen!" geradezu. Die Justiz werde von "diesem Mann" - wir wissen, wer gemeint ist - "unbotmäßig in Anspruch genommen". Nein, die Verlagsleitung hält an ihrem Ziel fest, "den 20-prozentigen Anteil durch die Familienstiftung zu erwerben". Das Herauskaufen von Joachim Unseld aus dem Hause Suhrkamp sei, so Sparr, "zum Wohle des Verlages unabdingbar". Noch immer stehe man "in aktiven Verkaufsverhandlungen".
Wieder einmal sitzen die 160 Mitarbeiter des Verlages bestenfalls im Parkett und verfolgen die Inszenierung mit gelinder Fassungslosigkeit. Der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Schneider wartet am Freitagnachmittag am Verlagssitz im Frankfurter Westend mit Spannung auf eine Zahl: Bis zum Abend müssen sich alle Suhrkamp-Beschäftigten entscheiden, ob sie nun an die Spree wechseln oder nicht.
Mehr als 100 Änderungskündigungen hatte der Verlag ausgesprochen - sie wandeln sich in endgültige um, wenn jemand nicht nach Berlin geht. Schneider vertröstet: "Wir werden erst am Montag früh ein präzises Ergebnis haben - und wir wollen in dieser Situation keine falschen Zahlen nennen".
Geschäftsführer Sparr meint dagegen, das Resultat schon zu kennen: "Eine deutliche Mehrheit kommt mit nach Berlin, das ist sehr erfreulich". Wobei das künftige Domizil noch immer nicht endgültig feststeht: Das immer wieder genannte Nicolai-Haus in Mitte "wäre die ideale Immobilie". Gekauft hat es Suhrkamp freilich bisher keineswegs.
Zur Zeit untersuchen Gutachter im Auftrag des Unternehmens den baulichen Zustand des Hauses genau. Sparr tritt aber allen Zweiflern entschlossen entgegen: "Es bleibt beim Umzug zum 1. Januar". Das Drama des Hauses Suhrkamp geht also weiter. Gelingt es der Herrin und ihren Verbündeten, den ungeliebten Sohn rechtzeitig zu verstoßen? Wieviel Taler mag es kosten, ihn zu verbannen? Bleibt auch genug an Fußvolk übrig?
Thomas Sparr spricht in diesen Tagen gerne von den "Nebelkerzen", die von interessierter Seite über der Szene geworfen würden. Das wichtigste Anliegen seines Unternehmens sei schließlich "das Verlegen von Büchern". Und da gibt es immer doch immer wieder Erfolge. ist nicht gerade erst das schöne Buch von Ralf Rothmann erschienen, "Feuer brennt nicht"? Natürlich ein Berlin-Roman.
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