kalaydo.de Anzeigen

Suhrkamp Verlag: Der Weg nach Berlin ist frei

Der Poker um Joachim Unselds Anteile an Suhrkamp ist beendet: Sie gehen zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und die Medienholding Winterthur. Damit verstummt auch jeder Widerspruch gegen den Umzug. Von Claus-Jürgen Göpfert

Joachim Unseld ging erst gerichtlich gegen den geplanten Umzug des Suhrkamp Verlags nach Berlin vor. Doch jetzt hat er seine Verlagsanteile verkauft.
Joachim Unseld ging erst gerichtlich gegen den geplanten Umzug des Suhrkamp Verlags nach Berlin vor. Doch jetzt hat er seine Verlagsanteile verkauft.
Foto: dpa

Schon in den Tagen vor der Entscheidung gehen auffällig viele Anwälte im Haus des Suhrkamp-Verlages im Frankfurter Westend ein und aus. Eine offizielle Gesellschafterversammlung beendet dann das neunmonatige Ringen um die Zukunft des traditionsreichen Verlages: Joachim Unseld, der Sohn des langjährigen Verlegers Siegfried Unseld, gibt seine 20 Prozent Anteile am Verlagshaus und damit sein Erbe auf. Er verkauft, wie zu hören ist, zu gleichen Teilen an die "Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung" und an die "Medienholding Winterthur". Die von Ulla Unseld-Berkéwicz geführte Stiftung hält damit jetzt 61 Prozent der Anteile, die Medienholding 39 Prozent - hinter ihr steht Hans Barlach, Enkel des Bildhauers Ernst Barlach.

Soweit das Geschäftliche. Und darum ging es natürlich im langen Poker zwischen Joachim Unseld und den anderen Gesellschaftern vor allem. Rechtlich bedeutet der Beschluss: Alle von Unseld angestrengten Gerichtsverfahren gegen die Mitbesitzer sind hinfällig, wie Verlagssprecherin Tanja Postpischil bestätigt. Der Weg zum Umzug nach Berlin ist endlich frei - beide verbliebenen Gesellschafter votieren offiziell dafür. Am 7. Dezember sollen die ersten Umzugswagen in der Frankfurter Lindenstraße vorfahren.

Wieviel Geld an Joachim Unseld jetzt fließen wird, ist unmittelbar nach Vertragsabschluss noch ein wohlgehütetes Geheimnis. Es gibt Hinweise. So soll der ursprüngliche, 29-prozentige Anteil der Medienholding Winterthur einmal mit acht Millionen Euro bewertet worden sein.

Joachim Unseld hatte am Ende bei Gericht sogar einen Antrag auf Einstweilige Anordnung gegen den Umzug eingereicht. All das juristische Beiwerk diente natürlich der Stützung seiner wirtschaftlichen Verhandlungsposition. Aber man täte Unseld Unrecht, sähe man in ihm vorrangig den zockenden Geschäftsmann.

Denn jenseits des Geschäftlichen gibt es bei Suhrkamp und im Hause Unseld irrationale Momente, Emotionen. Sie überwiegen allemal als Motiv alles andere. Joachim Unseld hat immer wieder einmal über den 23. Oktober 1990 gesprochen - den Tag, an dem sein Vater Siegfried ihm in der Bibliothek seiner Villa an der Klettenbergstraße im Frankfurter Nordend eröffnete, dass er ihm nicht den Verlag übergeben werde. Dieses Trauma hat der Sohn nie überwunden - und die Zerrüttung zwischen der heutigen Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz und Joachim scheint unüberwindbar.

Andererseits fließen in den Beschluss der Verlegerin, ihr Unternehmen nach Berlin zu verlagern, natürlich auch nicht nur rationale Gründe ein. Also etwa der wirtschaftliche Spareffekt durch erhebliche Verkleinerung des Verlagshauses. Nein, die Witwe Siegfried Unselds hat sich in Frankfurt schon lange nicht mehr geschätzt und unterstützt gefühlt - immer wieder gab und gibt es da den Vergleich mit der Überfigur ihres verstorbenen Mannes, an die sie nicht heranreiche.

Der Weg ist frei nach Berlin. Und die Erleichterung in der Verlagsspitze ist spürbar. "Dem Verlag geht es gut", sagt Sprecherin Tanja Postpischil - und es wirkt wie ein Motto. Dass es wirtschaftlich tatsächlich zutrifft, bezweifeln Fachleute. Nachprüfen lässt es sich nicht, es gibt öffentlich nach wie vor keine Zahlen für das Wirtschaftsjahr 2008. Der Jahresabschluss 2007 weist einen kleinen fünfstelligen Fehlbetrag auf.

Aber der Umzug nach Berlin soll, das hofft die Verlagsspitze erkennbar, nicht nur zum wirtschaftlichen, auch zum inhaltlichen Befreiungsschlag werden. Das Suhrkamp-Archiv wandert nun endgültig von Frankfurt ins Deutsche Literaturarchiv in Marbach - auch gegen diesen Schritt hatte Joachim Unseld vor Gericht zunächst Einspruch erhoben. Längst ist ein behutsamer Wandel des Verlagsprogramms erkennbar - nicht nur durch die ersten Kriminalromane, die Suhrkamp in diesem Jahr veröffentlicht hat. Ein großes Kapitel Verlagsgeschichte schließt sich - es beginnt etwas Neues.

Autor:  Claus-Jürgen Göpfert
Datum:  20 | 11 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.