Schon in den Tagen vor der Entscheidung gehen auffällig viele Anwälte im Haus des Suhrkamp-Verlages im Frankfurter Westend ein und aus. Eine offizielle Gesellschafterversammlung beendet dann das neunmonatige Ringen um die Zukunft des traditionsreichen Verlages: Joachim Unseld, der Sohn des langjährigen Verlegers Siegfried Unseld, gibt seine 20 Prozent Anteile am Verlagshaus und damit sein Erbe auf. Er verkauft, wie zu hören ist, zu gleichen Teilen an die "Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung" und an die "Medienholding Winterthur". Die von Ulla Unseld-Berkéwicz geführte Stiftung hält damit jetzt 61 Prozent der Anteile, die Medienholding 39 Prozent - hinter ihr steht Hans Barlach, Enkel des Bildhauers Ernst Barlach.
Soweit das Geschäftliche. Und darum ging es natürlich im langen Poker zwischen Joachim Unseld und den anderen Gesellschaftern vor allem. Rechtlich bedeutet der Beschluss: Alle von Unseld angestrengten Gerichtsverfahren gegen die Mitbesitzer sind hinfällig, wie Verlagssprecherin Tanja Postpischil bestätigt. Der Weg zum Umzug nach Berlin ist endlich frei - beide verbliebenen Gesellschafter votieren offiziell dafür. Am 7. Dezember sollen die ersten Umzugswagen in der Frankfurter Lindenstraße vorfahren.
Wieviel Geld an Joachim Unseld jetzt fließen wird, ist unmittelbar nach Vertragsabschluss noch ein wohlgehütetes Geheimnis. Es gibt Hinweise. So soll der ursprüngliche, 29-prozentige Anteil der Medienholding Winterthur einmal mit acht Millionen Euro bewertet worden sein.
Joachim Unseld hatte am Ende bei Gericht sogar einen Antrag auf Einstweilige Anordnung gegen den Umzug eingereicht. All das juristische Beiwerk diente natürlich der Stützung seiner wirtschaftlichen Verhandlungsposition. Aber man täte Unseld Unrecht, sähe man in ihm vorrangig den zockenden Geschäftsmann.
Denn jenseits des Geschäftlichen gibt es bei Suhrkamp und im Hause Unseld irrationale Momente, Emotionen. Sie überwiegen allemal als Motiv alles andere. Joachim Unseld hat immer wieder einmal über den 23. Oktober 1990 gesprochen - den Tag, an dem sein Vater Siegfried ihm in der Bibliothek seiner Villa an der Klettenbergstraße im Frankfurter Nordend eröffnete, dass er ihm nicht den Verlag übergeben werde. Dieses Trauma hat der Sohn nie überwunden - und die Zerrüttung zwischen der heutigen Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz und Joachim scheint unüberwindbar.
Andererseits fließen in den Beschluss der Verlegerin, ihr Unternehmen nach Berlin zu verlagern, natürlich auch nicht nur rationale Gründe ein. Also etwa der wirtschaftliche Spareffekt durch erhebliche Verkleinerung des Verlagshauses. Nein, die Witwe Siegfried Unselds hat sich in Frankfurt schon lange nicht mehr geschätzt und unterstützt gefühlt - immer wieder gab und gibt es da den Vergleich mit der Überfigur ihres verstorbenen Mannes, an die sie nicht heranreiche.
Der Weg ist frei nach Berlin. Und die Erleichterung in der Verlagsspitze ist spürbar. "Dem Verlag geht es gut", sagt Sprecherin Tanja Postpischil - und es wirkt wie ein Motto. Dass es wirtschaftlich tatsächlich zutrifft, bezweifeln Fachleute. Nachprüfen lässt es sich nicht, es gibt öffentlich nach wie vor keine Zahlen für das Wirtschaftsjahr 2008. Der Jahresabschluss 2007 weist einen kleinen fünfstelligen Fehlbetrag auf.
Aber der Umzug nach Berlin soll, das hofft die Verlagsspitze erkennbar, nicht nur zum wirtschaftlichen, auch zum inhaltlichen Befreiungsschlag werden. Das Suhrkamp-Archiv wandert nun endgültig von Frankfurt ins Deutsche Literaturarchiv in Marbach - auch gegen diesen Schritt hatte Joachim Unseld vor Gericht zunächst Einspruch erhoben. Längst ist ein behutsamer Wandel des Verlagsprogramms erkennbar - nicht nur durch die ersten Kriminalromane, die Suhrkamp in diesem Jahr veröffentlicht hat. Ein großes Kapitel Verlagsgeschichte schließt sich - es beginnt etwas Neues.
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