Hoch im Norden steht ein Haus, sagenumwoben seit Jahren, eine kühne Konstruktion, zunächst nicht mehr als ein Strich in der Landschaft. Vor einer grandiosen Naturkulisse suchte der Architekt die Konfrontation - dort, wo die Gletscher ins Meer stürzen, wo die Wälder dicht stehen, schwarz wie die Nacht. Hier ließ die Fjordwelt Norwegens eine Ebene frei (aus unerfindlichen Gründen eine Art von Atrium). Hier nahm sich Sverre Fehn 1991 die Freiheit, um auf ihr, wo die längste Zeit des Jahres Schnee und Dunkelheit herrschen, sein Gletschermuseum zu errichten.
Selbstbehauptung der Baukunst: So entstand eine schroffe Klippe, ein langgestreckter Betonblock, mit einem ebenso markanten Zylinder. Fehns Werk nahm die bewegten Formen der Bergwelt bei Fjaerland auf in dynamischen Linien, sein kompakter Bau, in dieser Landschaft auch ein bleicher Fremdkörper, ist seitdem ein Medium, das Himmel und Erde zusammenspannt.
Denn zwei monumentale, steile Treppen, links und rechts des überdachten, spaltschmalen Eingangs, erscheinen wie Einladungen zum Aufstieg ins Gebirge, zugleich rahmen sie den Zugang zum Museum. Doch der Ort verjüngt sich, verdüstert sich - wie der Raum in einer Gletscherspalte. Und der Besucher in diesem Vorraum, in den ein fahles Licht durch eine Fuge dringt, findet sich zwischen expressiv geneigten Wänden wieder. Wer hier eintritt, so der Plan, soll sich verunsichert fühlen,ausgesetzt den Elementen.
Ein Gebäude, das die Natur zum Sprechen bringt: Auf dieses Prinzip hat Sverre Fehn immer wieder zurückgegriffen, ein Architekt, der die Errungenschaften der Moderne in ein skandinavisches Idiom übersetzt hat. Umso erstaunlicher, dass er, der stets den internationalen Laufsteg der Architekturmoden gemieden hat, 1997 mit der weltweit bedeutendsten Auszeichnung für Architektur, dem Pritzker-Preis, ausgezeichnet wurde.
Fehns Werkverzeichnis, im vergangenen Herbst konnte man es auf der Architekturbiennale von Venedig sehen, nennt als Adressen seiner Baukunst immer wieder: Norwegen, Norwegen, Norwegen. Selten gelangte er mit seinen Entwürfen und Bauten über sein Land hinaus, einige Male ging es nach Schweden, auch schon mal nach Afrika oder, bei wenigen Gelegenheiten nach Dänemark. Und da war, früh schon, ein Auftrag für den Weltausstellungspavillon in Brüssel (1958) ebenso wie einer für den der Nordischen Länder in Venedig (1962).
Tradition und Moderne, Natur und Architektur: Ausdruck dieser Symbiose ist auch sein Kirchen-Museum in Hamar (1967-1979), wo er die Löcher einer zerstört-verwitterten Anlage gähnend offen bestehen ließ, diese als Zeichen eines Memento durch Glasscheiben flickte. Betonbrücken überspannen die Räume, so bleiben die Böden unberührt, auf denen die Überreste einer mittelalterlichen Bischofsresidenz lagern und zugleich inszeniert werden. Die Architektursprache, mit ihren Rampen, ihren Stegen, den Plattformen und mit ihrer plastischen Formenvielfalt hält sich an das Vokabular Le Corbusiers. Scharf trennt Fehns Kunst zwischen Historischem und dem durch Traditionsbewusstsein Hinzugewonnenen.
Skandinavische Architektur, wenn sie weltweit in den Blick geriet, wurde im vergangenen Jahrhundert häufig mit den finnischen Matadoren identifiziert, Alvar Aalto und Eliel Saarinen, mit dem Dänen Arne Jacobsen, dem Schweden Gunnar Asplund, dem nach Stockholm emigrierten Ralph Erskine. Norwegen war auf der Karte der Baukunst jahrelang das Land hinter den Bergen, ein weißer, schneebedeckter Fleck. Auf ihm aber zeichnete sich Fehns Baukunst umso schärfer ab.
Am vergangenen Montag ist, wie erst jetzt bekannt wurde, Sverre Fehn im Alter von 84 Jahren gestorben. Noch kürzlich standen wir unter einem seiner Dächer, im Schutz des Nordischen Pavillons auf dem Biennale-Gelände von Venedig. Ihm zu Ehren war der Ausstellungsraum eingerichtet worden, zu bewundern waren herrliche Holzmodelle, Vorhaben für Bauten von einer so kompromisslosen Eleganz, dass sie vielfach über das Planungsstadium nicht hinauskamen.
Es regnete in Strömen, schon deshalb war ein weiteres Mal Zeit, um Fehns Baukunstwerk in Augenschein zu nehmen. Über Glasscheiben zeigte sich erneut die Dachkonstruktion, wie schwebend. Vor annähernd sechzig Jahren hatte Fehn die Betonträger über Kreuz gelegt, hatte er ein schmalgliedriges Raster geschaffen, aus dem längst mächtige Bäume ragen. Fehns Baukunst gab sich in den milden Gärten Venedigs so entspannt wie geschliffen-schön, dazu nahm die Architektur die Natur in ihre Mitte.
Das Ausharren in der Aura aber hielt an. Denn nicht nur wegen der Wassermassen, die aus Venedigs Himmel stürzten, war da kein Architekt, der nicht verharrt hätte, um aufzuschauen zu einer Weltrarität der Betonbaukunst.
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