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Synagoge vs. Minarett: "Sie sehen auf unsere Erfolge"

Hanno Loewy, der Leiter des Jüdischen Museums im österreichischen Hohenems, über Juden, Muslime und die Mehrheitsgesellschaft.

Hanno Loewy ist Leiter des  jüdischen Museums.
Hanno Loewy ist Leiter des jüdischen Museums.
Foto: jm-hohenems.at

Am 28. September wird in der ehemaligen Synagoge Hohenems eine Diskussion stattfinden zum Thema: Wie baut man ein ortsübliches Minarett? Ist das nicht ein etwas merkwürdiger Ort für eine solche Veranstaltung?

Ein merkwürdiger, aber auch ein denkwürdiger Ort. Fünfzehn Prozent der Bevölkerung im Vorarlberger Rheintal und in Hohenems sind heute Muslime. Sie wollen jetzt ihre Gotteshäuser haben wie alle anderen auch. Bis die Hohenemser Juden ihre Synagoge bauen durften, dauerte es ungefähr 150 Jahre lang. Mit den Moscheen wird es schneller gehen.

Hohenems

Die jüdische Geschichte der Stadt Hohenems im österreichischen Vorarlberg begann 1617 mit der Ansiedlung der ersten Juden. Sie endete 1942 mit der Deportation der letzten Jüdin ins KZ Theresienstadt.

Das 1991 eröffnete Jüdische Museum der Stadt ist eine kleine, feine Adresse geworden. Es wird heute von dem 1961 in Frankfurt/Main geborenen Hanno Loewy geleitet. Das Museum ist Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr geöffnet. Der umfassende Katalog trägt den sprechenden Titel "Heimat Diaspora". Er kostet 29,80 Euro. www.jm-hohenems.at

Aber wirkt die Synagoge nicht doch eher abschreckend? Eine richtige Erfolgsgeschichte war der Synagogenbau in Hohenems ja nicht.

Die Geschichte hat ihre Erfolge und ihre Katastrophen. Sie ist auch noch nicht zu Ende. Wenn man in Hohenems in die Synagoge geht, geht man in einen Raum, der 1938 entweiht wurde, in dem nach dem Krieg zunächst einmal jüdische Überlebende wohnten. 1955 wurde die ehemalige Synagoge zu einem Feuerwehrhaus umgebaut. Vor ein paar Jahren wurde das Gebäude zum Teil in die alte Gestalt zurückgebaut. Heute ist es eine Musikschule und ein Kulturzentrum, an dem unter anderem auch Kulturveranstaltungen von türkischen Vereinen stattfinden, Veranstaltungen zum Thema Integration, Veranstaltungen darüber, wie das Zusammenleben von Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Traditionen sich gestalten kann. Ein Ort also mit vielen Brüchen, Katastrophen und Misserfolgen, aber durchaus auch ein Ort erfolgreicher Aufbrüche. Die jüdische Geschichte von Hohenems ist ja nicht nur Katastrophen-Geschichte, sie ist in mancherlei Hinsicht auch eine Erfolgsgeschichte.

Wie viele Juden leben jetzt in Hohenems?

In Hohenems, glaube ich, ist es einer. In Vorarlberg aber leben heute mehr Juden als 1938. Auch das gehört zur Realität. Die Hohenemser Juden sind, wenn man so will, sehr früh aus dem Ghetto rausgekommen, sie haben sich sehr früh in Vorarlberg angesiedelt und unter sehr freien Bedingungen dort ansiedeln können. Durch diesen Vorsprung sind sie auch schon sehr früh wieder in die Welt aufgebrochen. Das hat diesen Familien das Leben gerettet. 1938 lebten nur noch 15 Juden in Hohenems.

Sie sind schon vor dem Anschluss weg?

Die meisten schon im 19. Jahrhundert. Also in der Zeit, als es den Juden am besten ging, als sie wirtschaftlich erfolgreich waren, als sie in europäischen Familiennetzwerken lebten, die von Triest bis nach Belgien, und von Manchester bis in die Schweiz reichten und von Wien bis nach Berlin. Hohenems blieb für sie, die längst in Italien oder den USA, in Australien oder Frankreich lebten, eine Art "Lummerland", so eine kleine Ideal-Landschaft. Das Träumen von Hohenems und das projizieren aller möglichen Idyllen auf Hohenems, das ist nicht erst ein Phänomen der Gegenwart, das begann schon früh.

Warum gingen sie? Weil Hohenems für sie zu klein geworden war?

Ja. Hohenems war zwar ein industrialisiertes Städtchen, wie das ganze Vorarlberger Rheintal im 19. Jahrhundert an dem Boom der Ostschweizer Textilindustrie teilgenommen hatte und österreichisches Textilzentrum geworden war. Aber die Hohenemser Juden waren vernetzt mit Familien in Wien und Triest, in England, Frankreich und Amerika. Sie hatten die Ressourcen und vor allem auch die rechtliche Möglichkeit, sich überall anzusiedeln. Da blieben sie nicht mehr an einem Ort, der gerade mal 3500 Einwohner hatte, in dem man seine Kinder kaum an eine Schule, geschweige denn an eine Universität schicken konnte.

Ist es nicht furchtbar als einziger Jude in Hohenems zu sein? Und dann noch im Museum?

Als 1990, 1991 das Museum gegründet wurde, da ging es vor allem um die europäische Vergangenheit. Man betrachtete das Museum ein Stück weit als einen Akt der Wiedergutmachung oder als Versöhnungsversuch. In jedem Fall als Geschichte. Jetzt ist das anders geworden. In Hohenems lebt zwar nur ein Jude, aber in der Schweiz gibt es durchaus lebendige jüdische Gemeinden, vor allem natürlich in Zürich - und das ist gerade mal eine Stunde entfernt.

In Süddeutschland, genau wie überall sonst in Deutschland, wuchsen die jüdischen Gemeinden fast explosionsartig in den 90er Jahren. Wir reden heute, wenn wir über Juden in Europa reden, nicht nur über Geschichte sondern über eine sehr widersprüchliche Entwicklung zu etwas Neuem, das wir noch nicht beschreiben können. Hohenems ist ein Ort, der zwischen den Metropolen liegt, ein bisschen im Windschatten, aber eben doch in der Mitte des deutschsprachigen Europas. Hohenems ist ein guter Ort, um über alle diese Fragen nachzudenken und gleichzeitig nicht ganz so vielen Begehrlichkeiten ausgesetzt zu sein.

"Political correctness" ist in diesem Museum nicht unser Problem. Denkverbote, denen leider auch die jüdischen Museen in Deutschland und Österreich in vielfacher Hinsicht immer wieder ausgesetzt sind kennen wir kaum. Wir müssen nicht vorsichtig sein, wenn wir Fragen stellen und wenn wir Ausstellungen machen. Das müssen andere Museen offenbar leider schon.

Was können Sie in Hohenems, was in Frankfurt, Berlin oder in Wien nicht ginge?

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Datum:  18 | 9 | 2008
Seiten:  1 2
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