"Meine Maulwürfe sind schneller als man denkt", schrieb der Dichter Günter Eich: "Wenn man meint, sie seien da, wo sie Mulm aufwerfen, rennen sie schon in ihren Gängen einem Gedanken nach. Andern Nasen einige Meter voraus."
Effizient, bescheiden und immer auf der geistigen Höhe der Zeit - so lässt sich auch das Erfolgsrezept der langlebigsten Literaturzeitschriften beschreiben. Circa vierhundert unabhängige literarische und kulturelle Druckerzeugnisse wie "Edit" und "Ostragehege" aus Sachsen oder die Münchner "Klivuskante" (Motto: "Ironisch - sarkastisch - dekadent") gibt es hierzulande. Nur die wenigsten dieser Destillate idealistischen Herzbluts bestehen jedoch länger als zehn Jahre. Auf Einladung des Germanisten Rolf Grimminger erhielten nun einige der ältesten und verdientesten "Maulwürfe" Gelegenheit, sich im Münchner Literaturhaus zu präsentieren.
Fast wäre Günter Eich 1954 Michael Krügers Vorgänger als Herausgeber der "Akzente" geworden, doch im letzten Moment sei Eich "vor so unheimlich viel Arbeit zurückgeschreckt", erzählte der ubiquitäre Chef des Carl Hanser Verlags. In einer Zeit, als an füllige Debattenfeuilletons noch nicht zu denken war, sondern das Radio als Abenduniversität brillierte, galt für den Autodidakten Krüger: "Wer keine Literaturzeitschriften las, war intellektuell verloren." Nach den Entdeckerjahren im Nachkriegsdeutschland begreift sich die Zeitschrift "Akzente!" zunehmend als Archiv der internationalen Poesie. Seinen jüngeren Kollegen rief der Verleger aufmunternd zu: "Ihr kommt alle in den Himmel!"
Ob diese Aussicht beim ständigen Bemühen um Druckkostenzuschüsse zu trösten vermag? Hubert Brunträger, Gründungsherausgeber der Frankfurter Zeitschrift "Zeichen und Wunder", führt diesen Kampf seit nunmehr zwanzig Jahren. Und dennoch erscheinen die 500 Exemplare der Nummer 52 zum Thema "Rätsel und Geheimnisse" frisch wie am ersten Tag, in einem strahlend neuen Layout. Was ließ Brunträger so lange durchhalten? "Der Spaß und die Freiheit, etwas Neues und aus einem Sammelsurium von Texten etwas ästhetisch Geordnetes zu schaffen", erklärt er.
Ist herrlich, bringt kein Geld
"Alles machen, was Geld kostet, aber kein Geld bringt", fasst Norbert Weiß, Gründer und Alleinredakteur der Dresdner Literaturzeitschrift "Signum", sein kaufmännisches Konzept zusammen. Auch die vier Herausgeber des großformatigen Münchner Magazins "Torso" finanzieren ihr "Kind" weitgehend selbst. Das lässt ihnen die Freiheit für Entdeckungen und Provokationen wie den aufsehenerregenden Erstabdruck von Gedichten des serbischen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic, die der Slawist Alexej Moir mit einem kritischen Essay flankierte.
An lange Jahre mit dem Plastikkarbonband in der Schreibmaschine erinnerte sich Joachim Feldmann von der erquickend frechen Münsteraner Revue "Am Erker". "Wahrscheinlich wollten wir die Welt ändern", meinte er im Rückblick auf öffentliche Redaktionssitzungen, bei denen der Schwall subversiver Alltagslyrik nicht mehr enden wollte. Nach wie vor führt "Am Erker", mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet, "begeisterte und gebrochene Enthusiasten des Trotzdem zusammen", wie Stammautor Andreas Heckmann es ausdrückte. Die Kolumne "Fischwickel", ein satirischer Rundumschlag auf den Literaturbetrieb, verspricht jedes Mal einen Hochgenuss.
Die Literaturzeitschriften betreiben nicht nur Autorenförderung, sie sind auch ein verlässliches Gegengift gegen Kommerz und Beliebigkeit. Je mehr Leser das erkennen, desto besser gelingt die Unterwanderung des Mainstream.
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