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Tanztheater: Jan Fabre - Politisch unkorrekt, aber richtig

In "Orgy of Tolerance" schlägt Jan Fabre grobe Keile in die grobe Gegenwart. Zwei Stunden lang im Mousonturm in Frankfurt. Eine Gardinenpredigt, die wir verdient haben. Von Sylvia Staude

Orgy of Toleranz heißt diese Produktion des Belgiers Jan Fabre.
"Orgy of Toleranz" heißt diese Produktion des Belgiers Jan Fabre.
Foto: Jean-Pierre Stoop

Zu Recht wird in diesen Tagen gefragt: Wo sind die Stücke, wo ist das Theater, das zumindest versucht, politisch zu sein? Das abrechnet und zusammenzählt und keine Scheu hat, einzuprügeln auch auf schwer verletzte Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle. Zwar kann man der Meinung sein, derartige Ambitionen seien der Tod der Kunst mit großem K. Aber Werke wie William Forsythes "Three Atmospheric Studies" beweisen, dass politische, moralische Stellungnahme zart und poetisch und von herzzerreißender Schönheit sein kann.

Jan Fabre, belgischer Theatermann, Choreograf, bildender Künstler, belebt mit "Orgy of Tolerance" das politische Theater nun vom anderen Ende der Inszenierungsmittel-Skala aus: Grobe Keile schlägt er in die grobe Gegenwart. Knapp zwei Stunden lang und jetzt - zügig nach der Uraufführung in Santiago de Chile im Januar - im Frankfurter Mousonturm.

"Wir empfehlen: Für Zuschauer ab 18 Jahre" hat der Mousonturm geschrieben, und als das Stück beginnt, muss man keine Sekunde rätseln, warum. Vier Darsteller, zwei Männer, zwei Frauen, haben die Hand im Schlüpfer und wichsen, was das Zeug hält. Denn hinter ihnen stehen Leute mit Gewehr - gekleidet wie britischer Adel zur Jagd -, feuern sie an wie Boxtrainer, zählen die Orgasmen mit. Bis die derart mit Lustrekorden Geplagten in Tränen ausbrechen.

Dann fläzen sich die Herrenmenschen auf Ledersessel und -sofas, lassen sich von hübschen Mädels in Pumps die Eier kraulen, ziehen an der Zigarre und tauschen Jagderfahrungen aus: Ja, Italiener sind schwer zu erlegen, Juden an der Klagemauer stehen praktischerweise schon an der Wand - und übrigens kenne ich da einen wunderbaren Präparator. Autsch.

Und gleich nochmal: Autsch. Denn später tanzt eine Darstellerin im Ku-Klux-Klan-Kostüm. Soll ein junger Mann im Lendenschurz und mit Holzkreuz über der Schulter zum Starmodel aufgebaut werden ("Ich seh den Schriftzug schon vor mir: J.C. - Aber das Ikea-Bettgestell muss weg."). Gebären drei Hochschwangere, breitbeinig über Einkaufswägen hockend, unter Schmerzen Chipstüten, Müsliriegel, ein Minisofa, eine Bierdose. Wird ein Geldbeschwörungstanz geübt - an dem nur der Scharlatan von Kursleiter verdient. Demonstriert ein tattriges Paar, wie man weiße Haut noch weißer schrubbt. Beschimpft schließlich - Finale! - das (großartige) Ensemble an der Rampe wütend alle und jeden: langweilige Heteros, Schwule, Lesben, Bisexuelle ("hey, entscheidet euch mal!"), das Publikum, den Regisseur - und Eskimos ("ihr wurdet doch heute nicht mal erwähnt!"). Motto: wenn schon politisch unkorrekt, dann richtig.

Ansonsten hält sich Fabre an die bewährte Trias von Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Was für eine bernsteinfarbene Flüssigkeit in den Whiskygläsern ist, sei dahingestellt, aber bald hängt eine Rauchglocke im Theatersaal des Mousonturms, und immer wieder greift einer der Akteure zum Mikro und rotzt zu dröhnenden Gitarren einen Song. Thema etwa: Kreditkarten kotzen mich an.

Jeder kommt auf seine Kosten

Und überhaupt werden wir doch alle über den Tisch gezogen. Auch der begriffsstutzigste Theaterbesucher muss an diesem Abend auf seine Kosten kommen. Diese "Orgie der Toleranz" kann man nicht missverstehen, sie ist glasklar, drastisch, sie zeigt, wo die Hämmer hängen. Sie grapscht in alle Wunden unserer Zeit, sie wühlt darin herum, bis es wehtut. Streiten lässt sich also über Jan Fabres Mittel, über den Furor seiner Klischees - und darüber, ob er nicht vielleicht den Zeigefinger etwas zu steif hochhält.

Denn weil alles so schön reizt und brüllt, optisch wie akustisch, ist vielleicht gerade zu übersehen: "Orgy of Tolerance" ist ein tief moralisches Stück, es wettert gegen Sex als Leistungssport wie gegen Konsumismus, Rassismus, Menschenverachtung. Es zeigt uns als dumm, hohl, gierig. Aber erstens tut es das immer wieder mit einem Humor, dessen sich die Monty Pythons nicht schämen müssten. Und zweitens, mal ehrlich: Haben wir eine solche Gardinenpredigt nicht lange schon verdient?

Mousonturm Frankfurt: bis 8. März. www.mousonturm.de

Autor:  SYLVIA STAUDE
Datum:  5 | 3 | 2009
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