Auf seinem mühsamen Weg in die Riege der ernst zu nehmenden Opernhäuser Europas hat das Teatro Real Madrid nicht nur mit der Konkurrenz in Barcelona und Valencia zu kämpfen, sondern vor allem mit sich selbst. Hier war nach der Langzeitrenovierung schon eine der europäischen Allzweckpersonalien für Intendantenposten, Stéphane Lissner, mit ziemlichem Aplomb gescheitert. Die andere, Gerard Mortier, wird 2010 von Paris aus nicht nach New York, sondern nach Madrid wechseln. Man darf gespannt sein, ob sein auch schon etwas in die Jahre gekommene Erneuerungsattitüde à la Salzburg hier greifen wird.
Zwischen allerlei Eingekauftem absolvierte Mortiers noch amtierender Vorgänger Antonio Moral mit diversen Kompositionsaufträgen immerhin pflichtschuldig auch jenen Dienst an der Gattung, zu dem sich zumindest die leidlich ausgestatteten Metropolentheater verpflichtet fühlen (sollten). Für das spektakulärste und einzig auch über Spanien hinaus wirkende Projekt, Hans Werner Henzes "L'Upupa", kassierten zwar 2003 die koproduzierenden Salzburger Festspiele die Uraufführungs-Lorbeeren, doch im Jahr darauf kam das elegische Spätwerk des Nestors einer ambitionierten Moderne auch nach Madrid. Weitere drei neue, zumindest für Spanien relevante Opern und ein Ballett stehen zu Buche, was mit einer Novität alle zwei Jahre gar keine so schlechte Bilanz ist.
Nun also eine Faust-Oper. Zu einem Libretto von Fernando Arrabal, einem frankophonen Spanier, der Stücke wie am Fließband produziert und über die "Titanen" des Jahrhunderts mit der gleichen eloquenten Inbrunst reden kann wie über Patapsychologie. Bei ihm ist Faust eine Frau und heißt Faust-bal. Sie ist hier aber keine spätemanzipierte, verzweifelt suchende Wissenschaftlerin oder sonst eine Reinkarnation von Goethes Sinnsucher. Diese Faustina ist vor allem die schöne Projektionsfläche einer längst chancenlosen Utopie. Sie überlebt einen Suizidversuch und wehrt die Attacken eines (ebenfalls in Geschlecht und Charakter ins Gretchengegenteil verkehrten) übermännlich auftragenden Margaritos ab. Obendrein hat sie ein Liebesverhältnis mit einer Amazone. Ihr wird aber nicht nur ihr Kind entrissen, sondern sie wird durch göttlichen Eingriff aus dem Gefängnis befreit. Am Ende geht sie, nach einem finalen Duell mit Margarito, unter.
Nach dieser zeit- und menschheitspessimistischen Tabula rasa sind dann auch Gott und sein gefallener Engel Mephistopheles überflüssig. In der Version von Arrabal sind die beiden ohnehin mehr Beobachter und Stichwortgeber. Sonst gibt es noch den Kurzauftritt eines Richters und jede Menge Chöre diverser Engel, Militärs, Minister oder Amazonen. Dieses literarisch recycelte Personal vermag sich allerdings nicht einmal ansatzweise in jenes Irgendwo außerhalb von Raum und Zeit zu retten, wo das Ende von Utopien und Zivilisation den Äther füllen soll.
Vor allem wegen der Musik Leonardo Baladas (76). Die beschwört im gemixten stilistischen Rückgriff alle Geister neoromantischen Schwelgens und Zuspitzens und ist bei Jesús López Cobos und seinem Orchester gut aufgehoben. Routiniert verwoben mit einem dramatisch aufgeladenen Belcanto wird die Musik bruchlos auf das Drama projiziert. Immerhin beförderte die dezidierte Abwesenheit jeglicher Verstörung oder Infragestellung der Mittel die Einhelligkeit des Premierenbeifalls, was selbst den Auftraggeber erstaunte. Hier war niemand um seinen süffig konsumierbaren neunzigminütigen Opernabend gebracht worden.
Und auch, weil Regisseur Joan Font und sein Ausstatter Joan Guillén eine Art barocke Comicrevue beschwören, naiv illustrieren und eher versuchen, narrative Lücken zu schließen, als Brüche für assoziative Weiterungen zu zeigen. Wenn Gottvater (Stefano Palatchi) mit weißem Rauschebart zwischen herzigen Engelsköpfchen schwebt, sich in der obersten Etage eines säulengetragenen Weltengebäudes gemütlich einrichtet, zum Feldstecher greift, Zeitung liest oder ein Picknick macht, dann bleibt der Witz eher behäbig, als göttlich. Vom Teufel über den uniformierten Bösewicht Margarito bis zu den einbrüstigen Amazonen wird auch sonst vor allem aus dem Märchenbuch bebildert. Dabei bleibt dann selbst ein so exzellenter Darsteller wie Gerhard Siegel als Margarito im Spiel unterfordert. Dass Balada einem süffigen Belcanto frönt, danken ihm auch die anderen Sänger durchweg mit vehementem Einsatz. Ob nun die etwas vibratostarke Ana Ibarra als Faust-bal, Tómas Tómasson als wendiger Mefistófeles oder Cecilia Díaz als die sich herb verströmende Amazone. Dieser Untergang klingt vor allem schön, vielleicht zu schön.
Teatro Real Madrid: 18., 20.-23. Februar. www.teatro-real.com
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