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28. November 2008

Terror in Bombay: Die üblichen Verdächtigen

 Von TARIQ ALI
Nachdem ein Sender in Bombay ein Interview mit einem jungen Paar gebracht hatte - sie Hindu, er Muslim - wurden im April 2007 die Büroräume des Senders geplündert.Foto: rtr

Geheimdienste und Politiker sollten sehen, dass indische Muslime Grund haben, dem Staat zu misstrauen. Tariq Ali und Sekutu Mehta über die benachteiligte muslimische Minderheit in Indien. Interaktive Grafik: Detailkarten der Anschlagsorte

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Tariq Ali, 1943 in Lahore geboren, ist Autor und Journalist. Sein Buch "Pakistan. Ein Staat zwischen Diktatur und Korruption" erschien 2008 bei Diederichs. Unseren Text übersetzte Andrian Widmann.

Die terroristische Anschlagsserie auf die Luxushotels in Mumbai war zwar gut geplant, erforderte aber kein Übermaß an logistischem Geschick: es waren alles leichte Ziele. Die Absicht der Terroristen bestand darin, Chaos und Verwirrung zu stiften und den Blick auf Indien und die dortigen Probleme zu richten - und das ist ihnen gelungen. Die Identität der schwarz maskierten Täter ist noch unbekannt.

Die Organisation "Deccan Mudschahidin", die sich per E-Mail zu der Gräueltat bekannte, ist ein neuer Name, der wahrscheinlich eigens für diese Gelegenheit gewählt wurde. Aber es wird viel spekuliert. Ein ranghoher indischer Marineoffizier hat behauptet, dass die Attentäter (die auf einem Schiff, der MV Alpha, nach Mumbai kamen) Verbindungen zu somalischen Piraten hätten, und deutete damit an, dass die Tat ein Racheakt sein könnte für die zwar erfolgreiche, aber äußerst blutige Aktion der indischen Marine gegen Piraten im Persischen Golf vor einigen Wochen.

Der indische Premierminister Mammohan Singh ist der Überzeugung, die Terroristen kämen aus dem Ausland. Dem schließen sich die indischen Medien an, wobei als die üblichen Verdächtigen Pakistan (wegen der Terrororganisation Laschkar e-Taiba) und El Kaida genannt werden. Doch die Verbreitung dieser Theorien ist politisch motiviert und soll jeden Verdacht, die Terroristen könnten aus Indien selbst stammen, im Keim ersticken. Der Gedanke, dass eine Generation junger radikalisierter Muslime heranwächst, die den Glauben an das heimische Staatswesen aufgegeben hat, wäre wohl politisch ungünstig. Dann müsste man sich eingestehen, dass das System ernsthaft erkrankt ist.

El Kaida ist Berichten der CIA zufolge in Auflösung begriffen. Seit den Anschlägen vom 11. September hat die Terrorgruppe keine auch nur annähernd vergleichbaren Aktionen durchgeführt. Ob ihr Anführer Osama bin Laden überhaupt noch am Leben ist, wird bezweifelt (jedenfalls blieb das übliche Protestvideo bei der diesjährigen US-Wahl aus) und sein Stellvertreter übt sich in Drohungen und Maulheldentum.

Und was ist mit Pakistan? Derzeit versucht es, an seiner Nordwest-Grenze mit schweren Militäraktionen die durch den Krieg in Afghanistan in Mitleidenschaft gezogene Region wieder zu stabilisieren. Die Staatsführer machen immer wieder Annäherungsversuche an Indien. Laschkar e-Taiba, die nicht dafür bekannt sind, mit ihren Taten hinterm Berg zu halten, streiten jede Beteiligung an den Anschlägen in Mumbai ab.

Warum sollte es so unwahrscheinlich sein, dass die Attentäter indische Muslime sind? Es ist wohl kaum ein Geheimnis, dass innerhalb der armen muslimischen Bevölkerung gewaltiger Unmut herrscht über systematische Diskriminierung und Gewaltakte, die vom Regierungschef und den lokalen Behörden unterstützt werden. Die antimuslimischen Ausschreitungen 2002 in Gujarat waren dabei nur der eklatanteste Vorfall, der daher viel Aufmerksamkeit auf sich zog.

Nicht zu vergessen ist Kaschmir, das seit Jahrzehnten von Indien als Kolonie behandelt wird und wo das indische Militär mit willkürlichen Verhaftungen, Folter und Vergewaltigungen sich täglich an der Bevölkerung vergeht. Die Verhältnisse sind hier sehr viel schlimmer als in Tibet, erregen aber im Westen wenig Mitleid, wo Menschenrechtsschutz ein politisches Instrument geworden ist.

Indische Geheimdienste sind sehr wohl über all das im Bilde, und es hat keinen Sinn, dass sie und ihre Vorgesetzten in der Politik die Augen verschließen. Das Beste wäre, die Tatsache zu akzeptieren, dass gewaltige Missstände in Indien herrschen. Eine Milliarde Inder - 80 Prozent Hindus und 14 Prozent Muslime. Eine sehr große Minderheit, die man nicht ausrotten kann, ohne einen weiter reichenden Konflikt zu provozieren.

Das rechtfertigt noch lange keine Terrorakte. Aber vielleicht sind die politischen Führer Indiens jetzt gezwungen, ihr Augenmerk auf das eigene Land und die herrschenden Verhältnisse zu lenken. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist enorm. Die absurde Behauptung, dass der Fahrstuhleffekt des globalen Kapitalismus die Probleme lösen würde, kann jetzt als das gesehen werden, was sie immer war: ein Deckmäntelchen für neue Formen der Ausbeutung.

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