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Terroristenjäger: Strategiewechsel

Eine amerikanische Studie verspricht den Sieg gegen Terror - und damit etwas zu viel.

Alles umsonst: Gegen El Kaida ist eigentlich kein Kraut gewachsen, militärisch schon gar nicht.
Alles umsonst: Gegen El Kaida ist eigentlich kein Kraut gewachsen, militärisch schon gar nicht.
Foto: ap

Dass ein engagierter Kunstunterricht an Schulen der Entwicklung von Kindern sehr förderlich sein kann oder dass sehr viel mehr frisches Obst in wohlhabenden Wohngegenden konsumiert wird als in ärmeren oder dass, um das Land in 20 Jahren zu einem Viertel mit erneuerbaren Energien zu versorgen, noch erhebliche technische Fortschritte notwendig sind: Zu all diesen Themen und noch einigen mehr bietet die amerikanische RAND-Corporation umfassende Expertisen. Die dem "Research And Development" in den USA gewidmete Denkfabrik liefert allerdings auch ganz andere Einsichten. Zum Beispiel die, dass der "Krieg gegen den Terror" nicht gewonnen werden kann und ein Sieg gegen El Kaida trotzdem möglich ist.

Bei diesem Thema bewegt sich die RAND-Corporation, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde, um die Streitkräfte der USA zu beraten, auf ureigenstem Terrain. Denn zum Portfolio der mittlerweile unabhängigen, aber nach wie vor regierungsnahen Organisation gehören immer noch und vor allem strategische, nicht zuletzt auch die amerikanische Hegemonie betreffende Studien. Und hier kommt es zu mitunter erstaunlichen Fragestellungen. In der Untersuchung "Aptitude for Destruction" etwa werden die komplexen Lernprozesse innerhalb terroristischer Gruppierungen beschrieben, und zwar mit wissenschaftlicher Akribie und in der Absicht, dem Terrorismus gezielter begegnen zu können.

Vor diesem Hintergrund stellt die neueste Studie "How Terrorist Groups End" eine Fortsetzung dar. Die beiden Autoren Seth G. Jones und Martin C. Lebicki versammeln auf rund 250 Seiten allerhand empirisches Material, untersucht wurden sensationell viele, nämlich 648 Terrororganisationen über den Zeitraum von 1968 bis 2006. Das für die Gegenwart nicht unbedingt beruhigende, aber für denjenigen, der in längeren Zeiträumen denkt, unvermeidliche und womöglich tröstliche Resultat heißt: "Alle terroristischen Gruppierungen hören irgendwann einmal auf zu existieren." Die für die aktuellen Belange dringliche Frage lautet allerdings, aus welchen Gründen sie wieder verschwinden. Hierzu entwickeln die beiden Wissenschaftler ein auf statistischen Erhebungen beruhendes Ranking.

Die meisten Terrorgruppen (43 Prozent) lösten sich auf, nachdem sie gelernt hatten, ihre Ziele so umzuformulieren, dass diese sich besser in politischen, parlamentarischen, in jedem Fall aber gewaltfreien Kontexten verwirklichen lassen. Neben der politischen Integration erwiesen sich polizeiliche und geheimdienstliche Maßnahmen insbesondere der Kräfte vor Ort als sehr effizient (40 Prozent). Dass die Terroristen ihre Ziele erreicht haben, ist ein weiterer Grund für ihr Verschwinden (10 Prozent). In nur sieben Prozent der Fälle zeigte sich die militärische Bekämpfung erfolgreich. Die nahe liegende Schlussfolgerung aus diesem Ranking lautet daher: Die noch amtierende Bush-Regierung hat mit ihrem "Krieg gegen den Terror" so ziemlich alles falsch gemacht.

Dieses Ergebnis ist weder überraschend noch ganz neu. Bereits vor zwei Jahren hat etwa der "Irak-Untersuchungsausschuss" unter dem Vorsitz des ehemaligen Verteidigungsministers James Baker den Widersinn des überaus verlustreichen und kostspieligen, dabei vornehmlich militärischen Engagements der Vereinigten Staaten beklagt (FR v. 11. Dez. 2006). Dennoch liefern Jones und Lebicki einige interessante Hinweise. Nimmt man den Befund ihrer Studie hinzu, dass seit 1968 immerhin 62 Prozent aller Terrorgruppen ihre Tätigkeit eingestellt haben und dass nur Gruppierungen ab einer Größe von 10 000 Mitgliedern eine dauerhafte und "erfolgreiche" Existenz beschieden ist, dann erweist sich der Terror nur bedingt als effizientes Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele.

Diese Einsicht ist keineswegs trivial. Denn nicht nur sollten sich Regierungen, zumal demokratische, nicht allzu viel davon versprechen, wenn sie mit terroristischen Organisationen kooperieren. Die viel spannendere Frage lautet, warum die organisatorische Basis des Terrors nicht unbedingt von dauerhaftem Bestand ist. Gruppierungen wie El Kaida oder etwa die palästinensische Hamas und die libanesische Hisbollah versuchen, diesem Problem zu begegnen, indem sie karitative Einrichtungen (Nahrung, Gesundheit etc.) betreiben oder den Hinterbliebenen "Märtyrerprämien" zahlen. Die RAND-Studie zieht daraus keine strategischen Konsequenzen, sondern stellt nur fest, dass es bislang wenig erfolgreich war, Terrororganisation die Konten einzufrieren. Was also schlagen Jones und Lebicki vor?

In Hinblick auf ihren Hauptfeind El Kaida müssen sie konstatieren: Gegen die ist eigentlich kein Kraut gewachsen, weder politisch noch polizeilich oder geheimdienstlich und militärisch schon gar nicht. Denn nicht nur verfüge das Terrornetzwerk über eine dezentrale, nur schwer fassbare Organisationsform; wegen seiner imposanten Größe, aber auch wegen seiner religiösen Inhalte sei ihm, so weise es die Statistik aus, ein langes Leben beschieden. Zwar habe seit 1968 kaum eine der religiösen Gruppierungen ihre Ziele erreicht, doch erfreuten sich zugleich überdurchschnittlich viele von ihnen einer dauerhaften Existenz. Der paradox anmutende Schluss, den Jones und Lebicki daraus ziehen, lautet: Der "Krieg gegen den Terror" muss beendet werden, und zwar sofort.

Damit ist vor allem eine semantische und ideologische Abrüstung gemeint. Denn nicht nur wecke die Rede von einem Krieg falsche, zumal militär-strategisch kaum umsetzbare Erwartungen. Vielmehr würden der missionarische Aplomb, mit dem ein solcher Krieg gegen das Böse geführt werden muss, nur zur religiösen Aufrüstung des Gegners führen. Stattdessen empfiehlt die für das amerikanische Verteidigungsministerium erstellt Studie eine multilaterale Strategie, bei der gemäßigte Muslime, die Vereinten Nationen, westliche und asiatische Regierungen genauso wie NGOs eine entscheidende Rolle zu spielen hätten. Wie das konkret aussehen könnte, lassen Jones und Lebicki offen. Entsprechend stellen sie auch die hegemonialen Interessen der USA nicht grundsätzlich in Frage.

Alles keine neuen Erkenntnisse? Immerhin kündigt die RAND- Corporation als eine der bedeutendsten Think Tanks in den USA einen Strategiewechsel der amerikanischen Außenpolitik an. Und eine Außenpolitik ohne Schlachtfeldperspektive wäre in der Tat schon ein Fortschritt.

Die Studie im Internet: www.rand.org

Autor:  CHRISTIAN SCHLÜTER
Datum:  6 | 8 | 2008
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