In den Leserbriefen an die Lokalpresse in Tübingen hat sich der Zorn gegen das neue Buch von Tilman Jens über seinen Vater unter anderem in einer Art Boykottaufruf gegen die Lesung Bahn gebrochen. Und gegen die Osiandersche Buchhandlung, die die "Buchpremiere" in der Heimatstadt der Familie Jens veranstaltet hat. Im Museumssaal quollen die Stühle gleichwohl auf den Gang hinaus, Fotografen und Kamerateams suchten Standorte. Die Stimmung aber war friedfertig. Das ist aus Sicht der Boykottierenden immer die Tücke des Boykotts: die Unverdrossenen bleiben unter sich.
Inge Jens saß in der ersten Reihe, was die Leserin ihres Stern-Interviews nicht überraschte, wohl aber die Damen eine Reihe weiter hinten. Sie liebt ihren Mann und steht dennoch zum Sohn, hieß es dort, dann scheine es doch anzugehen mit dessen Buch. Denn dies war der Tenor: Man hatte "Demenz" noch nicht gelesen, aber sonst alles. Man nahm es persönlich. Man ließ sich überzeugen.
Zunächst aber las Tilman Jens vier kurze Ausschnitte vor: Anfang und Ende des Buches, die den körperlichen und geistigen Verfall seines dementen Vaters schildern, dazu Szenen aus der - das schmale Buch beherrschenden - Geschichte um Jens' Umgang mit der 2003 zu Tage getretenen NSDAP-Mitgliedschaft. Das Verholpern beim Lesen war das einzige Zeichen einer Nervosität des Sohnes.
Im Anschluss zeigte er sich zunächst angriffslustig: Als der moderate Moderator vom Südkurier auf die Medienresonanz zu sprechen kam, unterbrach er ihn mit einem angeschärften "An der Sie ja auch beteiligt waren". Er habe sich vorgenommen, die Buchkritiken nicht zu kommentieren. Jedoch sei er fassungslos, zumal über den Begriff "Vatermord". Sein Verhältnis zum Vater sei sehr gut, beruflich seien sich der Frankfurter Journalist und der Tübinger Professor nicht ins Gehege gekommen - "ja, wenn ich versucht hätte, Novellen zu schreiben ...". Er liebe seinen kreatürlichen Vater.
Es zeigte sich aber, dass für Angriffslust kein Anlass war. Einzelne Zuschauer bekannten sich zu dem Buch in einem unerwarteten Maße. Indem die meisten skeptisch gekommen und eine halbe Lesestunde später berührt waren, nahm diese Bekenntnisse auf Dauer aus Sicht des Außenstehenden geradezu religiöse Züge an. Man bekam eine Ahnung davon, was die Jensens für Tübingen sind. Tilman Jens freute sich sichtlich.
Eine Dame wollte das Buch erst auf keinen Fall kaufen, wie sie ausführlich darlegte, nun aber dankte sie für die Wärme von Jens' Lesung. Eine andere Dame war berührt, aber auch erschüttert, dass ausgerechnet der wahrhafte Walter Jens über seine NSDAP-Mitgliedschaft geschwiegen habe. Tilman Jens pflichtete ihr bei. Der Zusammenhang zu Walter Jens' Krankheit - ein Kernaspekt des Buchs - wurde hier als tragisch und weniger als klinisch verhandelt. Eine weitere Dame wollte wissen, ob Walter Jens' Asthma jetzt weg sei und in der Krankheit womöglich ein Gewinn für ihn liege. Ein lieb gemeinter Humbug, dem Tilman Jens auch höflich, aber entschieden entgegentrat.
Ein Herr stellte sich als ehemaliger Leiter eines Altenheims vor und wollte eine Lanze für gute Altenheime brechen. Auch Jens meinte, dass ein gutes Altenheim selbstverständlich etwas Gutes sei. Ein anderer Herr stellte sich als Familientherapeut vor und sagte, dass Walter Jens mit Sicherheit zu seinem Sohn gesagt hätte: Schreib dieses Buch.
Nun kann er das aber nicht mehr sagen. Die Wucht dieser Tatsache wurde in der Gesprächsfreudigkeit der Runde erschütternd offenbar. Jeder kann mitreden, jeder redet mit. Außer Walter Jens.
Dass einer der medienwirksamen Auftakte zum Buch eine mehrteilige Serie von Tilman Jens im Boulevardblatt Bild war, wurde indes nicht mehr erwähnt. Es gehört aber doch dazu. Und auch dies: Das Lächeln der Zuschauer angesichts der Anekdoten über die Verkindung des Alten war so wohlwollend und demonstrierte zugleich, dass es eben doch ein krasser Schritt ist, darüber zu sprechen. Nicht wegen der Tabuisierung, sondern wegen der Intimsphäre. Ich will nicht, dass jemand, den ich nicht kenne, über meinen Vater wohlwollend lächelt. Tilman Jens hat sich dafür entschieden. Das Publikum im Saal folgte ihm.
Aber selbst hier nahm der Drang, an die Öffentlichkeit zu treten, am Ende groteske Züge an. Das vorletzte Wort hatte ein Herr, der sich als Tübinger Taxifahrer vorstellt. Walter Jens ist einmal zu ihm ins Taxi gestiegen und ihm gewaltig auf den Keks gegangen, denn er war unhöflich. Während er die Szene schilderte, hob ein Murren an - na ja, jeder hat halt mal schlechte Laune, hörte man -, und während es anschwoll, rief der Mann noch: "Walter Jens ist für mich auch nur ein Mensch wie jeder andere, das wollte ich nur sagen." Ja, und er hat es gesagt.
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