Tilman Jens hat sein Buch im Untertitel einen "Abschied von meinem Vater" genannt. Es ist also keine - wie der Titel einen glauben machen könnte - Studie über "Demenz", sondern eine temperamentvolle, wütend-verzweifelte, bittere, hilflose, melancholische, angriffslustige, manchmal auch müde, aber keine Viertelsekunde lang den Leser ermüdende Reflexion auf den Abschied, den sein Vater Walter Jens genommen hat.
Tilman Jens hat die Begabung des kalten Blicks. Er betrachtet also die zunächst schleichende, dann - trotz aller immer wieder auch auftretenden hellen Momente - sich beschleunigende Demenz seines Vaters mit einer Aufmerksamkeit, die den engsten Verwandten selten vergönnt ist. Auch Tilman Jens erträgt es kaum, seinen bewunderten Vater regredieren zu sehen. Aber er tut es doch und er hat die Kraft und die Begabung, die Stationen dieses Zerfalls eindrucksvoll beschreiben zu können.
Es gibt keinen Schutz
Das allein schon macht das Buch lesenswert. Jens macht deutlich, wie der Verfall seines Vaters ihn verrückt macht. Wie dessen Aggressivität ihn wehrlos und aggressiv macht. Nacheinander und durcheinander. Tilman Jens macht klar, dass es keinen Schutz gibt davor, völlig falsch zu reagieren. Ein Mann, einer der großen Sprecher der Friedensbewegung, schlägt nach mehr als einem halben Jahrhundert gewaltfreier Ehe plötzlich auf seine Frau ein. Das ist schwer zu ertragen und noch schwerer, wenn der Schläger der Vater und die Geschlagene die über 80-jährige Mutter ist. Es hilft auch nichts, dass man sieht, dass es nicht der alte Mann ist, der schlägt, sondern ein wildes, bockig-wütendes Kind in ihm, das nichts kennt als die eigenen, es überwältigenden Emotionen.
Man möchte ihm eine schmieren, es abstellen. Aber es gibt den Knopf nicht. Es gibt anders als bei einem Kind auch nicht die Hoffnung, dass das nichts sei als eine Phase, ein vorübergehender Blackout, der bald dem Licht der Erkenntnis weichen werde. Man weiß wenig, aber ganz sicher ist, dass in diesem Fall das Licht dem Blackout weicht. Die hellen Momente werden weniger werden und am Ende wundert sich der Berichterstatter, wenn der Vater ihn plötzlich wieder einmal mit seinem Namen anspricht.
Tilman Jens weiß natürlich, dass die Demenz seines Vaters nicht einzigartig ist. Er weiß, dass auch andere Alte ins Meer des Vergessens verschwinden. Aber er kann nicht ablassen von dem Gedanken, dass seinem Vater der Alzheimer gerade recht kam. "War es wirklich ein Zufall - an den Du, der Kenner, Interpret und Übersetzer antiker Tragödien ohnehin nie geglaubt hast -, dass Dich das große Vergessen, die Demenz, der heimtückische Nebel, just in dem Augenblick überkam, als ein philologisches Fachlexikon die Existenz der NSDAP-Mitgliedskarte 9265911 offenbarte?"
Tilman Jens glaubt nicht an diesen Zufall. Zu nahe liegen die beiden Ereignisse beieinander. Zu praktisch schmiegt die Demenz sich ans Fatale. Man kann über Tilman Jens' Konstruktion den Kopf schütteln, sich hinter den Millionen Fällen verstecken, die, ohne dass eine Nazi-Vergangenheit auftauchte, sich fürs Abtauchen entschieden. Nein, eben nicht entschieden, sondern verzweifelt dagegen ankämpfend, in der Demenz sich wie in einem Sumpf versinken sahen und sehen. Aber ist nicht auch wahr, dass man sehr wenig weiß über die Ursachen der Demenz, wer will also ausschließen, dass bei Walter Jens der Nazi-Vermerk einer der Auslöser war, während bei anderen es andere Auslöser gab?
Interessant ist doch, dass die Alten ja nicht einfach im Nebel versinken, sondern im Nebel ihrer Vergangenheit. Ein Bekannter erzählte mir von seiner 95-jährigen Mutter, die ihn zu fragen pflegt, wie es denn in der Schule war. Die Dämme brechen zuerst an den schwächsten Stellen. Bei jedem sind es andere. Vielleicht hat Tilman Jens doch darin recht, dass bei seinem Vater die Zugehörigkeit zur Nazipartei der empfindlichste Punkt der Konstruktion der eigenen Identität war. Das spräche ja nicht gegen ihn.
Mensch im Sinne des Humanen?
Gegen ihn spricht freilich, was er, wenn Tilman Jens das richtig zitiert, 1996 in einer Totensonntags-Sendung im Zweiten Deutschen Fernsehen erklärte: "Ich glaube nicht, dass derjenige, der am Ende niemanden mehr erkennt von seinen nächsten Angehörigen, im Sinne des Humanen noch ein Mensch ist. Und deshalb, denke ich, sollte jeder bestimmen können, dann und dann möchte ich, dass ich sterben darf." Ich bin sehr dafür, dass jeder über seinen Tod bestimmen darf, aber nicht weil er kein Mensch mehr ist, sondern gerade, weil er es ist. Und mal ganz im Ernst: Wer ist im Sinne des Humanen schon ein Mensch?
Walter Jens brachte 1996 in seinem Eifer alles durcheinander. Der Sohn blickt heute mit diesen Sätzen im Ohr auf seinen Vater und überlegt, was der heute über den von 1996 sagen würde. Wie unmenschlich war das, was er sagte und wie ahnungslos. Walter Jens "geht ins Nebenzimmer. Als er zurückkommt hat er eine große Puppe im Arm. Er hält sie ganz vorsichtig, wiegt sie. Das Plastikbaby sagt Mama."
Tilman Jens:
Demenz. Abschied von meinem
Vater. Gütersloher Verlagshaus,
Gütersloh 2009, 142 Seiten,
17,95 Euro.
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