Was ist da nur los? Diese Frau weckt Ressentiments. Karl Lagerfeld etwa, der hanseatische Schnodder-Snob und Pariser Modezar, wusste schon vor Jahren anzumerken, er kenne sie nicht einmal. Wie bitte? Sie nicht kennen? Ausgerechnet sie! Die doch so bekannt und schön ist und seit geraumer Zeit als einer unserer, der Deutschen erfolgreichster Exportartikel gilt. Lagerfeld schien das nicht nur nicht zu beeindrucken, sondern wollte besonders gehässig sein und sagte noch, nicht einmal Claudia Schiffer - auch so ein deutscher Schönheitsartikel - würde sie kennen. Das war nun wirklich gemein. Doch bei dieser einen Gemeinheit sollte es nicht bleiben, Schnodder-Karl lässt nicht locker. Bei der Präsentation seines innenarchitektonischen Schaffens in einer Nobelvilla stellte er jetzt klar, dass Heidi Klum, um sie geht es hier, in gar keinem Fall als Bewohnerin dieses ausgesuchten Etablissements in Frage käme: "Sie ist mehr auf Bling-Bling, auf Glamour, als auf heutige Mode. Das ist zu sehr ,Victoria's Secret', das ist vielleicht nicht mein Geheimnis." Wir verstehen sofort, Klum kommt aus dem geheimnislosen Bergisch-Gladbach und ist darum billig, Lagerfelds Nobelvilla aber steht im vornehmen Hamburg, seiner Heimatstadt, und ist darum teuer.
Vornehm geht es offenbar auch in Potsdam zu. Von dort nämlich meldete sich ein anderer Couturier zu Wort, Wolfgang Joop: "Heidi Klum ist einfach zu schwer, hat vielleicht sogar zu viel Oberweite. Und sie grinst geradezu dümmlich. Das ist nicht Avantgarde - das ist Werbung!"
Hier spätestens wird klar, warum die Sache Heidi Klum ins Feuilleton und vor allem in diese Kolumne gehört - es ist von der Avantgarde die Rede. Wie man die sich vorzustellen hat, machte den Männern eilfertig sekundierend die Agenturchefin Louisa von Minckwitz ("Louisa Models") klar: "Heidi ist leicht hüftig, mit sinnlichen Rundungen. Die optimalen Catwalk-Maße sind jedoch 87-58-88." Jetzt ist es also raus. 87-58-88 ist Avantgarde, Klums aktuelle 91-69-94 sind es offenbar nicht. Die einzige Beklemmung, die uns hier erfasst: Wann war eigentlich im Feuilleton zuletzt von der Avantgarde in einem nicht-musealen Sinne die Rede? Sind wir nicht alle auf den Hund gekommen?
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