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Times Mager: Bredouillen

Eines der wenigen Dinge, die der alten Dame geblieben sind, ist die Selbstachtung. Von Sylvia Staude

Sylvia Staude schreibt für das Feuilleton der FR.
Sylvia Staude schreibt für das Feuilleton der FR.
Foto: FR

Eines der wenigen Dinge, die der alten Dame geblieben sind, ist die Selbstachtung. Darunter fällt: Sich helfen zu lassen bei dem, was sie wirklich nicht mehr kann (das obere Drittel der Schränke abstauben), aber alles selbst zu machen, was sie noch kann (die unteren zwei Drittel der Schränke abstauben, Staub saugen). Sie ist ein wenig indigniert, dass jeden Tag eine Art Pflegedienst vorbei kommt, der nach ihr sieht und ihr eine Diabetes-Spritze gibt. Nun, da sie weiß, dass sie Diabetes hat, könnte sie sich doch wieder selbst versorgen. Sie möchte nichts verlernen, schon gar nicht die Verantwortung zu übernehmen für sich.

In den Wochen, nachdem die alte Dame zwei Tage bewusstlos in ihrer Wohnung gelegen war, stellte sie zu ihrem ehrlichen Erstaunen fest: Erstens, sie leidet unter Diabetes. Zweitens, sie besitzt eine Krankenversicherung, die klaglos einen monatelangen Krankenhausaufenthalt zahlt. Und drittens, jetzt kümmert sich - von ihr noch nicht mal dazu aufgefordert - der französische Staat in Form des mobilen Pflegedienstes um sie.

Jahrzehnte lang war sie immer gesund und streitbar und lebte - bis auf eine äußerst kurze Ehe - allein. Ihre Gewohnheiten und ihre Liebe zu den Zeitungen retteten sie, als sie zum ersten Mal Hilfe brauchte. Denn es dauert nicht sehr lang - nicht zu lang, wie sich rausstellte, als man ihre Türe geöffnet hatte -, bis der Hausmeisterin auffiel, dass sie ihre Zeitungen nicht hereingeholt hatte. Das war so untypisch und beunruhigend, dass es jedes Eindringen in die sonst von der alten Dame zwar nicht unfreundlich, aber leidenschaftlich verteidigte Privatsphäre rechtfertigte.

Sie fügt sich in den täglichen Pflegerinnen-Besuch, ist aber in allem anderen zurückgekehrt zu ihren Gewohnheiten. Dazu gehören die Zeitungslektüre und das politische Gespräch. Ruft man die alte Dame an, um sie zu fragen, wie es ihr geht, antwortet sie ungnädig. Was heißt, Sie machen sich Sorgen? Dafür gibt es keinen Grund! Doch Gründe, sich Sorgen zu machen um die Welt und ihre Konflikte. Der Gaza-Krieg, welch schreckliche Dummheit. Die Last auf Obamas Schultern. Die Finanzkrise. Und für die alte Dame das vielleicht Schlimmste: Die Zeitungen sind in der Bredouille.

Autor:  SYLVIA STAUDE
Datum:  6 | 1 | 2009
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