Der Apfel hat keine Geheimnisse mehr. Sein Erbgut ist entziffert und kann nun, nach Reis, Weizen, Kartoffelfäule-Erreger und Drosophila melanogaster, um nur vier beliebige Beispiele zu nennen, gelesen werden wie ein offenes Buch. Sein Genom besteht aus etwa 742 Millionen Basenpaaren, und statt uns zu fragen, um welchen Apfel es dabei geht, um Granny Smith oder doch eher um den Danziger Kantapfel, stellen wir fest, dass dieses offene Buch zwar mehr als drei, vier Seiten hätte, aber auch keine Schwarte wäre wie das derzeit viel zu heftig diskutierte „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Gene spielen darin auch eine Rolle, allerdings eine periphere, und es sind nicht die des Apfels, sondern die einer ursprünglich im Nahen Osten ansässigen Religionsgemeinschaft, in deren Gründungsmythen der Apfel keine kleine Rolle spielt.
Dennoch ist der populärwissenschaftlich schwurbelnde Sarrazin kein Houston Stewart Chamberlain. Neben vielem Anderen fehlt ihm der prophetische Weltverbesserer-Gestus, vorerst begnügt er sich mit der marktgängigen Bezeichnung „umstrittener Provokateur“, bei der man es bewenden lassen kann.
Sprachkundige Ahnenforscher wissen längst, woher der Name Sarrazin kommt. Es ist der Name einer ursprünglich im Süden Frankreichs ansässigen Hugenottenfamilie. Lustigerweise bedeutet das Wort „sarassin“, wenn es mit s anstatt mit z geschrieben wird, was man vor der fünften französisch-preußischen Konsonantenverschiebung noch tat, nichts anderes als Buchweizen.
Oder doch etwas Anderes? Für den Buchweizen, der eine krautige Pflanze aus der Familie der Knöterichgewächse ist, die auf der Liste der bisher entzifferten Erbgüter noch gänzlich fehlt, ist im Französischen auch „blé noir“, schwarzer Weizen, gebräuchlich. „Sarrasin“ aber bedeutet auf einer inzwischen veralteten Bedeutungsebene auch Sarazene oder Araber.
Oje. Sind wir also wieder angekommen, wo wir gar nicht hin wollten. Stammt Thilo Sarrazin etwa aus einer südfranzösischen Familie von Kopftuchmädchen und Gemüsehändlern? Dann hätte immerhin er seine Chancen genutzt.
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