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Times Mager: Der Kopf

Meine Mutter wird nächste Woche 88. Sie wird wunderlich. Das gestattet einem überraschende Einblicke in das menschliche Gehirn. Von Arno Widmann

Arno Widmann leitet die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Arno Widmann leitet die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
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Meine Mutter wird nächste Woche 88. Sie wird wunderlich. Das gestattet einem überraschende Einblicke in das menschliche Gehirn. Wir wissen alle, dass alles mit allem zusammenhängt, aber uns ist nicht klar, wie isoliert das eine auch vom anderen ist.

Meine Mutter zum Beispiel sitzt traurig am Frühstückstisch und beklagt sich, dass ihr Enkel noch nicht da sei, obwohl sie doch morgen Geburtstag habe und er ihr versprochen habe, ein paar Tage früher zu kommen. "Nächste Woche hast Du Geburtstag, am Dienstag", sage ich. Sie blickt mich überrascht an. "Ach, nicht morgen?" Ich nehme sie in den Arm, schüttele - mich weise gebend wie ein schlechter Schauspieler der 50er Jahre - den Kopf. "Ach so", sagt sie. Es klingt sehr niedergeschlagen. Plötzlich aber strahlt sie mich an mit einem Siegerlächeln: "Mittwoch, nicht Dienstag." Und sie hat recht. Wie hatte sie sich wohin verirrt und wie hatte sie wieder den richtigen Weg gefunden?

Ein paar Tage vorher bringt sie die Zimmer im Haus durcheinander. Ein Haus, in dem sie seit mehr als vierzig Jahren lebt. Sie glaubt mir nicht. Sie muss die Tür öffnen und hineinschauen, um sich klar darüber zu werden, dass sie ein Zimmer im ersten Stock mit einem im Keller verwechselt.

Ein paar Stunden später sitzt sie mit mir und einer Freundin am Tisch und schlägt uns Spiel für Spiel im Rommé. Sie erkennt eine Möglichkeit, an die Herz Sieben heranzukommen, auch dann noch, wenn sich diese Möglichkeit erst nach sechs, sieben Umgruppierungen der auf dem Tisch liegenden Karten ergibt. Sie legt dafür keine Karte zur Probe schon einmal so oder so hin. Nein, sie macht das alles in ihrem Kopf, in jenem Kopf, der sich auch bei mir dafür bedankt, dass ich mit ihr beim Arzt war. Dabei war ich im Büro gewesen und hatte einen uns bekannten Taxifahrer gebeten, sie hinzufahren.

Unser Gehirn ist wunderbar vernetzt, aber gleichzeitig ist alles bombensicher abgeschottet voneinander. Ich fange an, es mir vorzustellen wie die Gänge auf einem Schiff, die abgesperrt werden können mit dicken, wasserfesten Türen, so dass selbst dann, wenn der ganze Dampfer sinkt, in der Kombüse noch die herrlichsten Gerichte gekocht und genossen werden können.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  27 | 11 | 2008
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