Seit 14 Monaten wird der im italienischen Triest lebende deutsche Schriftsteller Veit Heinichen von einem anonymen Briefeschreiber verfolgt. In Briefen, die in Abständen von zwei Wochen an private und öffentliche Adressen Triests verschickt werden, wird er schwer diffamiert, unter anderem als Päderast. Staatsanwaltschaft und Polizei verfolgen den Fall von Anfang an, die Vorwürfe haben sich schnell als haltlos erwiesen, der Täter ist trotz umfangreicher Bemühungen bisher nicht identifiziert. Heinichen und die Polizei wissen von 50 Briefen, sie gehen aber von einem Vielfachen aus.
Der Fall könnte von Heinichen erfunden sein, der mit seinen Krimis in Deutschland und Italien Bestseller-Status genießt. Dieser Pointe aber kann der Autor wenig Erfreuliches abgewinnen, sein Leben gleicht seit einem Jahr einem Albtraum. "Der ist fachkundig", sagt Heinichen im Gespräch über den Verfasser der Episteln. Als Krimiautor sei er im Kontakt mit einem hervorragenden Profiler, "der allerdings wie ich auf dem Schlauch steht, was das Täterprofil angeht". Eine intuitive Vorstellung vom Täter zu entwickeln, habe er sich abgewöhnt.
Immerhin, ein wenig lässt sich von den Fakten ablesen. Der Täter ist intelligent, gebildet, italienischer Muttersprachler und schickt seine Briefe aus Triestiner Vororten los. Er kenne juristische Limits und Fachausdrücke, er gehe bei der Auswahl der Adressaten methodisch und strategisch vor. Er mache keine Fehler, es gibt keine Fingerabdrücke, nicht einmal DNA-Spuren finden sich. Schon zwei Anrufe, die es ganz am Anfang der Briefserie gab, seien aus einer öffentlichen Telefonzelle gekommen. Der Täter sei ausdauernd. Dann sagt Heinichen noch einen erschreckenden Satz: "Anonyme Briefe sind der letzte Schrei." Rufmord habe Konjunktur, er bekomme sehr viele Fälle mit.
Wahrscheinlich muss man jetzt die Romane Heinichens neu lesen. Vielleicht liegt der Schlüssel ja doch in seinen Proteo-Laurenti-Krimis. Vielleicht fühlt sich jemand beleidigt. Heinichen ist ein durchaus politisch denkender Mensch, der sich in Triest kommunalpolitisch engagiert und Missstände offen kritisiert. Vielleicht hat er also irgendwo ein sensibles Thema aufgegriffen, das nach den Vorstellungen anderer besser im Dunkel bleiben sollte.
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