Schon die Zeitgenossen sollen sich lustig gemacht haben über das Behäbig-Zufriedene dieses Textes, also über das, was dann später das Biedermeierliche genannt wurde. Heute wird das Urteil über Friedrich Schleiermachers "Die Weihnachtsfeier - Ein Gespräch" aus dem Jahre 1806 (nachzulesen in Friedrich Schleiermacher: "Über die Religion", Verlag der Weltreligionen) noch distanzierter ausfallen.
Es sei denn, dem Leser gelingt der Sprung, den Text historisch zu lesen. Dann wird er amüsant. Schleiermacher schreibt einen platonischen Dialog, der am Weihnachtsfest unter Freunden und Verwandten geführt wird über Gott, die rechte Frömmigkeit und das richtige Leben. Schleiermacher idyllisiert das Familienleben ausgerechnet, indem er die Kunstform verwendet, die erfunden wurde, um der Liebe des Mannes zum Knaben ein Denkmal zu setzen. Wer diesen Hintergrund sieht, der sieht zum Beispiel auf die Debatte darüber, ob die kleine, fromme Sofie, dieses Kind, nicht leicht Beute einer christlich-fundamentalistischen Sekte, der Herrnhuter nämlich, werden könnte, mit einem - gewissermaßen ephebisch - geschärften Blick.
Wer den unkeuschen Subtext überlesen möchte, wird nachdenken darüber, wie die Familienfeier Weihnachtsfest schon, als sie nichts war als eine Utopie, durchtränkt war vom süßen, gar zu süßen Gift der Nostalgie. Aber er wird auch entdecken, wie stark Schleiermachers Verlangen war nach etwas, das einer seiner Nach-, Nach-, Nach-, Nachfolger dann eine Theorie des kommunikativen Handelns nennen sollte. "Die Weihnachtsfeier - Ein Gespräch" ist auch als ein Modell dafür gedacht, wie Menschen, erregt und erregbar wie sie sind, dennoch rational und freundlich miteinander streiten können. Ein Gespräch im Halle des Jahres 1805 auch eine Utopie für den Dialog der Kulturen. "Es mag ein erfreulicher Anblick sein und nicht unwert als Weihnachtsgabe dargebracht zu werden, wie die verschiedensten Auffassungsweisen des Christentums hier in einem mäßigen Zimmer nicht etwa nur friedlich neben einander sind, weil sie sich gegenseitig ignorieren, sondern wie sie sich einander freundlich stellen zur vergleichenden Betrachtung."
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