Würde endlich einmal jemand folgende interessante Frage stellen: "Welche Geschichte hat Dich in sehr jungen Jahren tiefgreifend beeinflusst?", dann wäre dies die Antwort: Es ist eine Geschichte, die in der 3. oder 4. Klasse im Lesebuch stand. Sie handelt von einem behinderten Jungen, der sich über seine neuen Sandalen freut. Andere Kinder machen sie ihm aber absichtlich schmutzig und zerkratzen sie so, dass die Mutter sie nicht mehr richtig in Ordnung bekommt. Der Junge scheint den Vorfall schnell vergessen zu haben. Die anderen Kinder tun so, als wäre nichts passiert.
Der Trost durch die Vergesslichkeit des Jungen wiegt den Schrecken über den Realismus nicht auf: der Stolz über neue Schuhe; die gleichmütige Gemeinheit; wie die Mutter rettet, was zu retten ist. Es ist klar, dass das keine Tragödie ist. Nach der Lektüre aber - es gibt keine Erinnerung an den Unterricht dazu - war es nicht mehr möglich, den Menschen leichthin gut zu nennen. Alles, was später geschah, passte irgendwie in dieses Schema.
In der Straßenbahn sitzt eine ältere Frau in einem beigefarbenen Anorak mit Kunstpelzfutter. Die Frau trägt eine Perücke. Amüsanter ist aus Sicht der gickelnden Mädchen allem Anschein nach jedoch, dass sie einen Pappkarton dabei hat, in dem sich offenbar ein zweiter beigefarbener Anorak desselben Fabrikats befindet. Man sieht auf der Verpackung eine Frau, die so schön, schlank und jung ist, dass man nicht glauben kann, dass es der gleiche Anorak ist. Die Mädchen kommen fast um vor unterdrücktem Lachen.
Es muss kaum erwähnt werden, dass die Situation überhaupt nicht komisch ist. Vielleicht bringt die Frau einer Verwandten ebenfalls einen solchen gewiss warmen, bequemen Anorak mit. Vielleicht ist er so bequem und warm, dass sie ihn schon aus dem Karton genommen und angezogen hat. Es ist doch gut, dass es warme, bequeme Anoraks gibt in einer derartig kalten Welt. Die Zuschauerin tut so, als sei nichts passiert.
Das Internet, in diesen Fragen unschlagbar, weiß, welche Geschichte das damals war: "Mannis Sandalen" von Ursula Wölfel. Heute liest sie sich wie eine pädagogisch etwas wertvolle Kindergeschichte. Damals war es, als würde einem der Lauf der Welt erklärt und man wäre nun erwachsen.
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