Ihr schönes Gesicht war zugleich politisch, Mode und Pop. Hinter einer triefenden Glasscheibe tanzte sie für Afri Cola, und ihre üppige Haarpracht war das schöne Symbol einer afro-amerikanischen Selbstbehauptung, die als Werbeartikel in Erscheinung trat und sich dem bloßen Konsum doch energisch verweigerte. "Keep the customers satisfied" hieß der Hit einer Frau, die für kurze Zeit mit Mick Jagger liiert war und später einen Roman über Sklavenbefreiung veröffentlichte. In Deutschland hatte Marsha Hunt ihren ersten Auftritt in der legendären Musiksendung Beat Club, in der dieser zugleich wie ein Beitrag zur sexuellen Revolution jener Jahre gewirkt haben muss. Mehr war öffentlich-rechtlich später selten in Bewegung.
In der bundesrepublikanischen Popmythologie war der Beat Club bislang nur fragmentarisch zu haben, oder in Talkshow-Auftritten der Moderatorin Uschi Nerke, die bei solchen Gelegenheiten keinen Hehl daraus machte, dass das Zeitalter des Pop ein vergängliches war. Hey, Hey, My,My.
Wie es wirklich war, kann man sich jetzt noch einmal ansehen. Alle 83 Folgen des Beat Club sind vollständig erschlossen. 4840 Minuten Sendezeit auf insgesamt 24 DVDs (Studio Hamburg). Nicht alles ist dabei so heroisch wie der Clip mit Marsha Hunt. Über weite Strecken wird man gar den Eindruck nicht los, dass die Popkultur jener Jahre zwischen 1967 und 1972 ein Werbetrailer für das Gesichtshautprodukt Clearasil gewesen sein könnte. Wie jung sie waren: Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick, Tich und all die anderen.
Es ist ein Geschenk, in das man sich zu verlieren geneigt ist - und ein Fluch. Das kleine Glück einer zufälligen Wiederbegegnung - vielleicht spätabends beim Zappen - wird nun enzyklopädisch ins Regal gezwungen. Die verklärende Regie der Erinnerung wird ab Mitte März durch drei schnöde Boxen zum archivierten Gegenbeweis. Vieles hat man nicht nur vergessen, man konnte es wohl auch.
Die Vollständigkeit versprechenden Speichermedien suggerieren, alles genauer und besser zu wissen als der flüchtige Fälscher Gedächtnis. Das bewegende Leben des Models, der Sängerin, Schauspielerin und Schriftstellerin Marsha Hunt steht auf einem ganz anderen Blatt.
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