Wer keiner ist, weiß nicht viel über die Schwaben. Bekannt sind Häuslebauer-Mythen sowie ethnologische Studien, die von Emaille-Schildern mit dem Schriftzug "Kehrwoche" berichten - sie werden in Mietshäusern an die Türen der unglücklichen Putzzuständigen gehängt.
Ein Brauch, der der Berliner Seele fremd ist. Hier kommt der Hausmeister, der per üppiger Nebenkostenabrechnung fürstlich für seine Treppenwischdienste bezahlt wird, nur alle paar Monate mal überhaupt in die oberste Etage.
Wie echte Schwaben auf solche Laissez-faire-Methoden reagieren, möchten sich friedliebende Verfechter des Multikulturellen gar nicht vorstellen. Jedenfalls sind in jüngster Zeit im Berliner Prenzlauer Berg die Kulturkämpfe brutal entflammt. "Schwaben im Prenzlauer Berg: spießig, überwachungswütig in der Nachbarschaft und kein Sinn für Berliner Kultur", so ist es an Ampeln, Stromkästen und Wänden zu lesen. Sogar zu Demonstrationen haben sich die autonomen Kreise schon aufgerafft, und gelegentlich wird ein frisch saniertes Haus über Nacht mit Hundekot versehen.
Stolze Berliner
So müssen die armen Schwaben herhalten für den hilflosen Protest gegen die Gentrifizierung des Bezirks. Denn natürlich geht es um ökonomische Fakten: Der Bezirk ist die Kapitale Berliner Gentrifizierung, durchsetzt von Webdesignern, die sich dem Bionade-Biedermeier hingeben und nach dem Einkauf im Bio-Supermarkt Latte Macchiato zu Fantasiepreisen konsumieren, während ihre Markenkinderwagen die Bürgersteige verstellen.
Mit freundlichem Lächeln haben diese Neuberliner die früher moderaten Mieten im Kiez auf echte Großstadt-Preise hochgetrieben. Und der Autonome folgert: Wer Geld hat, muss wohl Schwabe sein. Und Spießer.
Wobei sich einige dieser Spießer aber auch nach Kräften unmöglich machen. Da war kürzlich diese Reihe von Blümchen, sorgfältig um einen Straßenbaum gepflanzt. Über dem schwiegermuttertauglichen Miniaturgarten war ein Schild angebracht: "Achtung, diese Bepflanzung wird per Video überwacht. Jeder Akt von Vandalismus wird sofort zur Anzeige gebracht." Ob Hund, ob Passant, ob Hausbesetzer: Wer auf dieses Beet nicht draufpinkelt, hat seine Existenz als stolzer Berliner verfehlt.
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