Einander kennenzulernen gilt als wirksames Heilmittel gegen das verheerende Gift des Fremdenhasses. Der nationale Wahn muss mit einem internationalen Kulturaustausch, mit einem deutsch-französischen Jugendwerk zum Beispiel, bekämpft werden. Der Antisemitismus - so diese Theorie - basierte auf Unkenntnis des jüdischen Lebens. Hätten die Menschen einander gekannt, sie hätten einander nicht umgebracht. Von dieser Theorie leben viele Institutionen und viele, viele gutmeinende Menschen.
Sie ist darum noch nicht richtig. Meine um 1920 geborenen Eltern hatte jüdische Freunde und Freundinnen. Das hinderte sie nicht daran, Antisemiten zu sein und zu werden. Mein Anti-Antisemitismus hat nichts mit meiner besonderen Vertrautheit mit Juden und jüdischen Sitten und Gebräuchen zu tun. So integriert wie nach dem Ersten Weltkrieg waren Juden noch nie in Deutschland gewesen. Das hinderte Adolf Hitler und einen Gut-, nein einen Bösteil der deutschen Bevölkerung nicht, Hand anzulegen beim Werk der Vernichtung des europäischen Judentums.
Dergleichen Gedanken gehen einem durch den Kopf bei der Lektüre von Catrine Clays "König Kaiser Zar - Drei königliche Cousins, die die Welt in den Krieg trieben" (Bertelsmann). Georg V. (England), Wilhelm II. (Deutschland) und Nikolaus II. (Russland) waren verwandt. Queen Victoria war die Großmutter des englischen Königs und des deutschen Kaisers. Nikolaus II. war der Gatte einer ihrer Enkelinnen. Diese Familienbande haben Europa nicht vor dem Weltkrieg bewahrt. Im Gegenteil: Sie waren ein Treibmittel beim so genannten Weltenbrand.
Man weiß, dass die infamsten Verbrechen innerhalb der Familie begangen werden. Unser Hass ist nicht dem Fremden vorbehalten. Das Vertraute ist uns nicht immer das Liebste. Dennoch neigt man dazu, dem Kennenlernen eine besonders pazifizierende Kraft zuzuschreiben.
Eine Illusion. Der Brudermord ist ältestes Brauchtum. Es gibt keinen Weg zum Frieden, außer man will ihn. Wer den Krieg will, studiert, lernt ihn kennen, den Feind, und gleich auch, wie er ihn kleinkriegen kann. In kaum einer Kunst ist die Menschheit so versiert wie in der, aus Nachbarn Mörder zu machen.
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