Wann immer ich nach ihren jüdischen Freundinnen frug, meine Mutter - geboren 1920 in Frankfurt/Main - hatte stets die gleiche Antwort: "Sie sind rechtzeitig geflohen. Sie hatten das Geld dazu. Ihnen ist nichts passiert." Als ich Anfang des Jahres nach Israel fuhr, bat sie mich, in den Telefonbüchern nach Kerszenfeld zu sehen. Vielleicht wäre ihre beste Freundin auch so alt geworden wie sie selbst. Das wüsste sie schon gerne.
Ich war ein schlechter Sohn und machte mir nicht die Mühe. Weder in Tel Aviv noch in Jerusalem. Jetzt fand ich Beate und Serge Klarsfelds Buch "Endstation Auschwitz - Die Deportation deutscher und österreichischer jüdischer Kinder aus Frankreich" (Böhlau-Verlag) ein Foto mit den Kerszenfeld-Kindern. Die Familie war nach Frankreich geflohen, dort aber von den Deutschen eingeholt und nach Auschwitz ins Vernichtungslager verschleppt worden.
Ich zeigte das Foto meiner Mutter. Sie blickte darauf, aber sie erkannte niemanden. Es waren die jüngeren Geschwister ihrer Freundin. Die war ja zum Zeitpunkt ihrer Deportation schon erwachsen und kommt darum in dem Buch nicht vor. Meine Mutter nickte. Das leuchtete ihr ein.
Sie klappte das Buch zu. Sie fand es merkwürdig, dass die Familie ihrer Freundin Eingang in ein richtiges Buch gefunden hatte. Es interessierte sie nicht, dass die schöne Geschichte, die sie sich jahrzehntelang zurechtgelegt hatte, zusammenfiel. Das irritierte mich sehr. Ich wollte auf sie einreden, das Foto noch einmal aufschlagen. Aber ich konnte es nicht. Sie wird bald 88, und es gibt nur noch ganz wenig, für das sie die Kraft aufbringt sich zu interessieren. Ich hätte früher nachforschen sollen, sie früher mit Tatsachen konfrontieren sollen. Stattdessen hatte ich mich darauf zurückgezogen, ihr ihre Geschichte nicht zu glauben. Das war bequemer für sie und für mich. Das war unser - nennen wir es - anti-antisemitischer - Waffenstillstand.
Heute frage ich mich, ob nicht mein Großvater das eine oder das andere aus dem Kerszenfeldschen Haushalt sich hatte übereignen lassen. Vielleicht hatte er auch erfolgreich mitgeboten bei einer Versteigerung. Erhalten wäre davon nichts. Dafür sorgten die Bomben der Alliierten.
Es war bequemer für sie und mich
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