Nicht erst, seitdem der amerikanische Schwimmer Michael Phelps bei den Olympischen Spielen seine achte Goldmedaille gewonnen hat und dabei gleich sieben Mal den Weltrekord unterbot, und auch nicht erst, seitdem der Jamaikaner Usain Bolt im Pekinger Nationalstadion die 100-Meter-Distanz in einer neuen Fabelzeit lief und dabei seine Konkurrenten in aufreizend lässiger Weise wie Trimmtraber aussehen ließ: Das habe doch alles mit Doping zu tun, lesen und hören wir jetzt allerorten; die Olympiade sei doch in Wahrheit ein internationales Leistungstreffen für die Apothekerzunft. Wirklich? Wo bleibt nur die Welt-Anti-Doping-Agentur?
Jetzt ist kritischer Journalismus gefragt und hartnäckige Recherche. Doch irgendwie erinnert das allgemeine Unbehagen auch an die vor Beginn der Sommerspiele herrschende Missstimmung, als sogar von einem Olympia-Boykott die Rede war. Immer diese Vorbehalte: Das olympische Sport- und Friedensfest soll weder etwas mit einem diktatorischen Regime zu tun haben dürfen noch mit unfairem Wettbewerb, mit Lug und Trug. Trotzdem sind - fast - alle dabei. Und pflegen ihre Vorbehalte. Und mahnen zu erhöhter Aufmerksamkeit. Und üben Kritik. Dabeisein ist eben alles, nur dass sich die Freude darüber noch steigern lässt - indem man sich zusätzlich an seiner kritischen Haltung erfreut. Was für ein narzisstisches Spiel diese Olympiade doch ist. Wohlgemerkt: narzisstisch, nicht schon zynisch.
Oder vielleicht doch - zynisch? Hochleistungssport ist nichts anderes als der Triumph des Willens über die menschliche Natur, eine einzige Feier des Leistungsprinzips, das in demokratischen Gesellschaften mit ihrer egalitären und säkularen Ausrichtung unerbittlich herrscht, doch genauso gut, um beim Thema Olympia zu bleiben, zur chinesischen Diktatur und ihren immerhin ein ganzes Milliardenvolk aufscheuchenden Machbarkeitsimperativen passt. Vor diesem Hintergrund stellt die Leistungssteigerung durch Doping nur die Fortsetzung eines kaum mehr hinterfragten Prinzips dar. Das moralische Lamento beruft sich dabei auf die Fairness, lässt aber den sehr viel grundsätzlicheren Aspekt der Menschen- oder Menschheitsdressur außer Acht.
Das waren noch entspannte Zeiten, als wir nur über den Olympia-Boykott schwadronierten.
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